Todesfall in sibirischem Pestinstitut löst Fragen und Spekulationen aus
Der Tod einer Mitarbeiterin eines Pest-Forschungsinstituts in Sibirien hat international Aufmerksamkeit erregt. Auslöser ist, dass die 28-Jährige laut russischen Angaben an einer Lungenentzündung unbekannter Ursache starb. Gerade diese Formulierung weckt bei vielen Erinnerungen an die frühen Monate der Corona-Pandemie. Inzwischen mehren sich Spekulationen über einen möglichen Laborunfall oder sogar einen Zusammenhang mit Biowaffenforschung. US-Präsident Donald Trump kündigte an, mit Kremlchef Wladimir Putin über den Vorfall sprechen zu wollen. Auch die Weltgesundheitsorganisation verlangt nähere Informationen.
Warum der Fall so viel Aufmerksamkeit bekommt
Dass der Vorfall weltweit Schlagzeilen macht, hat mehrere Gründe: die historische Angst vor der Pest, Zweifel an der Glaubwürdigkeit offizieller russischer Angaben und die Sorge, es könne sich um einen besonders gefährlichen Erreger handeln, der womöglich gezielt verändert oder untersucht wurde.
Die besondere Symbolkraft der Pest
Kaum eine Krankheit ist historisch so stark mit Massensterben verbunden wie die Pest. Vor allem die Lungenpest gilt unbehandelt als nahezu immer tödlich, auch die Beulenpest verläuft häufig schwer. Der "Schwarze Tod" im 14. Jahrhundert forderte in Europa Millionen Opfer. Spätere große Ausbrüche gab es unter anderem im 18. Jahrhundert in Marseille, daneben immer wieder regionale Epidemien.
Heute ist die Lage jedoch eine andere als in früheren Jahrhunderten: Der Erreger Yersinia pestis ist ein Bakterium und kann grundsätzlich mit Antibiotika behandelt werden.

Was über den Todesfall bekannt ist
Die junge Wissenschaftlerin arbeitete am Anti-Pest-Institut in Irkutsk und starb am vergangenen Freitag in einem Krankenhaus in Schelechow. In Medien und sozialen Netzwerken wurde rasch darüber spekuliert, sie könne sich mit Lungenpest infiziert haben, möglicherweise infolge eines Zwischenfalls im Labor.
Berichten zufolge wurden in Irkutsk und Schelechow vorübergehend einzelne Kliniken und Einrichtungen im Betrieb eingeschränkt. Zudem sollen etwa 200 mögliche Kontaktpersonen in Quarantäne gekommen sein. Die russische Seuchenschutzbehörde wies Berichte über einen Laborunfall ebenso zurück wie Vermutungen über eine Pestinfektion. Als offizielle Todesursache wurde lediglich eine Lungenentzündung genannt, ohne den genauen Erreger zu benennen.
Warum viele den offiziellen Angaben misstrauen
Russlands Seuchenschutzsystem gilt unter Fachleuten zwar als schnell, streng und oft effektiv. Dennoch ist das Vertrauen in staatliche Erklärungen begrenzt. Ein Grund dafür ist die Vergangenheit: Sowjetische und später russische Behörden haben schwere Ereignisse mehrfach bestritten oder verharmlost, etwa nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder dem Untergang des U-Boots "Kursk" im Jahr 2000. Auch deshalb gedeihen rund um den aktuellen Fall zahlreiche Gerüchte.
Sorge vor einem möglichen Biowaffen-Bezug
In den USA wird Yersinia pestis von der Gesundheitsbehörde CDC als sogenannter "Select Agent" der höchsten Risikostufe im Bereich Bioterrorismus eingestuft. Genannt werden dabei die geringe Infektionsdosis, die hohe Sterblichkeit unbehandelter Fälle und historische Beispiele eines gezielten Einsatzes.
So heißt es in historischen Überlieferungen, dass 1346 bei der Belagerung von Caffa pestinfizierte Leichen über Stadtmauern geworfen worden sein sollen. Im Zweiten Weltkrieg soll eine japanische Einheit in China infizierte Flöhe freigesetzt haben, was zu zahlreichen Erkrankungen und Todesfällen geführt habe.
Vor diesem Hintergrund wird nun spekuliert, die verstorbene Mitarbeiterin könnte an pestbezogener Forschung mit militärischem Bezug gearbeitet haben. Dafür gibt es nach Einschätzung von Fachleuten jedoch bislang keine belastbaren Belege. Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, betont, für einen solchen Verdacht seien deutlich mehr mikrobiologische, epidemiologische und forensische Daten nötig. Auch Trump sagte, man gehe derzeit nicht von einem Zusammenhang mit Biowaffen aus.
Ist Pestforschung an sich ungewöhnlich?
Nein. Forschung an der Pest ist international üblich und medizinisch sinnvoll. Die Krankheit ist keineswegs verschwunden. Nach Angaben von Experten werden weltweit jedes Jahr mehrere Hundert Fälle registriert, vor allem in begrenzten Regionen wie Madagaskar und der Demokratischen Republik Kongo. Da zahlreiche Tierarten das Bakterium in sich tragen können, bleibt das Risiko einer Übertragung auf den Menschen bestehen.
In Sibirien zirkuliert der Erreger unter anderem in Nagetierpopulationen und deren Flöhen. Genau damit befasst sich nach offiziellen Angaben auch das 1934 gegründete Forschungsinstitut in Irkutsk. Auch in Teilen der westlichen USA kommt Yersinia pestis bei Wildtieren vor, und dort infizieren sich immer wieder Menschen. Deutschland gilt derzeit als pestfrei.
Fachleute weisen außerdem darauf hin, dass Diagnostik, Impfstoffforschung und die Überwachung möglicher Antibiotikaresistenzen nur möglich sind, wenn Labore mit dem lebenden Erreger arbeiten.
Wurde in der Sowjetunion an Pest als Waffe geforscht?
Nach Angaben der CDC ja. Demnach wurde während des Kalten Krieges in der Sowjetunion an der Pest als möglicher biologischer Waffe gearbeitet. Offiziell erklärte Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 das Ende dieser Programme. Im Westen blieben jedoch Zweifel, ob sämtliche Aktivitäten tatsächlich vollständig eingestellt wurden.
Als besonders gefährlich gilt aus Sicht von Sicherheitsbehörden ein Szenario, in dem der Erreger gezielt als Aerosol verbreitet würde, etwa über dicht besiedelten Gebieten. Auch eine absichtliche Verunreinigung von Wasser oder Lebensmitteln wird als denkbares Risiko genannt.
Warum Antibiotika das Problem nicht vollständig lösen
Lungenpest muss sehr früh behandelt werden, idealerweise unmittelbar nach dem Auftreten erster Symptome. Da sie über Husten oder Niesen weitergegeben werden kann, ist schnelles Handeln entscheidend. Problematisch wären resistente Erreger, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr wirken. Laut CDC sollen in der Sowjetunion in den 1970er- und 1980er-Jahren resistente Varianten entwickelt worden sein.
Auch dazu kursieren im Zusammenhang mit Irkutsk unbewiesene Behauptungen. Wölfel betont jedoch, natürlich vorkommende Resistenzen bei Pestbakterien seien sehr selten. Sollten Resistenzen auftreten, würden sie die Behandlung erschweren, aber daraus folge nicht automatisch ein großflächiges Katastrophenszenario.
Wie realistisch ist ein gezielter Einsatz?
Experten halten einen Einsatz zwar grundsätzlich für möglich, insgesamt aber für eher unwahrscheinlich. Selbst ein resistenter Erreger wäre nicht automatisch ein besonders praktikabler oder verlässlicher biologischer Kampfstoff. Wölfel verweist darauf, dass biologische Waffen aus Sicht eines Angreifers ein grundsätzliches Problem haben: Ihre Wirkung lässt sich nur begrenzt steuern.
Nach einer Freisetzung wäre nicht sicher vorherzusagen, wer tatsächlich infiziert wird. Dadurch könnten auch eigene Soldaten, die eigene Bevölkerung oder völlig Unbeteiligte betroffen sein. Gerade diese Mischung aus hoher Gefährlichkeit und mangelnder Kontrollierbarkeit macht biologische Waffen international so geächtet.
Droht eine neue Pandemie?
Nach jetzigem Kenntnisstand spricht wenig dafür. Fachleute betonen, dass Lungenpest nicht mit hoch ansteckenden Virusinfektionen wie Covid-19 oder Influenza gleichzusetzen ist. Für eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist meist enger Kontakt erforderlich. Zudem lässt sich ein Ausbruch durch Isolierung, Nachverfolgung und Quarantäne vergleichsweise gut eindämmen.
Der Fall in Sibirien wirft damit zwar wichtige Fragen auf, insbesondere wegen der unklaren Todesursache und der dürftigen Informationslage. Für die Annahme einer unmittelbar drohenden weltweiten Gesundheitskrise gibt es bislang jedoch keine belastbaren Hinweise.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber