Studie untersucht möglichen Einfluss von Paracetamol in der Schwangerschaft auf Töchter
Die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft könnte nach neuen Forschungsergebnissen die Entwicklung der weiblichen Fortpflanzungsorgane beeinflussen. In einer im Fachjournal Human Reproduction Open veröffentlichten Untersuchung zeigten Säuglinge, deren Mütter das Schmerzmittel in der Schwangerschaft verwendet hatten, im Alter von rund drei Monaten unter anderem kleinere Eierstöcke, weniger Eibläschen, eine kleinere Gebärmutter sowie niedrigere Werte bestimmter Fortpflanzungshormone.
Die Forschergruppe um Margit Bistrup Fischer vom Rigshospitalet in Kopenhagen verweist darauf, dass diese Beobachtungen zu früheren Tierversuchen passen. Dort hatte sich gezeigt, dass Paracetamol während der Trächtigkeit bei weiblichen Nachkommen mit verringerter Fruchtbarkeit und einer verkürzten reproduktiven Lebensphase verbunden sein kann. Zugleich betonen die Autoren jedoch, dass ihre Arbeit eine Beobachtungsstudie ist. Ein ursächlicher Zusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten. Ob die festgestellten Unterschiede später tatsächlich Folgen für Fruchtbarkeit oder Menopause haben, müssten Langzeituntersuchungen zeigen.
Fortpflanzungsreserve entsteht bereits vor der Geburt
Die Grundlage für die spätere Fruchtbarkeit eines Mädchens wird schon im Mutterleib angelegt. Frauen kommen mit einer begrenzten Zahl an Eizellvorstufen zur Welt, die im Laufe des Lebens nach und nach aufgebraucht werden. Ist diese Reserve erschöpft, tritt die Menopause ein – also die letzte Regelblutung und damit das dauerhafte Ende der Fruchtbarkeit.

Debatte über Empfehlungen
In einem begleitenden Kommentar bezeichnet Christian De Geyter vom Universitätsspital Basel die Ergebnisse als bedeutsam. Aus seiner Sicht sollten die bisherigen Empfehlungen zur Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft überprüft werden.
Paracetamol gilt als das am häufigsten verwendete Schmerzmittel in der Schwangerschaft. Für die Studie analysierte das Team Daten von 685 Frauen im ersten Trimester. Die Teilnehmerinnen machten alle zwei Wochen Angaben zu ihrer Paracetamol-Einnahme; zusätzlich wurden Urinproben ausgewertet. Nach den Geburten untersuchten die Wissenschaftler 302 Töchter im Durchschnittsalter von 106 Tagen.
Unterschiede je nach Zeitpunkt der Einnahme
Die Analyse deutet darauf hin, dass der Zeitpunkt der Exposition eine Rolle spielen könnte. Eine Einnahme vor der 17. Schwangerschaftswoche war bei den Töchtern mit kleinerem Eierstock- und Gebärmuttervolumen verknüpft. Wurde Paracetamol erst ab der 17. Woche eingenommen, stand dies mit einer geringeren Zahl an Eibläschen in Zusammenhang – also jener Strukturen, in denen unreife Eizellen heranreifen.
Bei einer Untergruppe von Mädchen, die nur in der frühen Phase exponiert waren, fanden die Forscher außerdem niedrigere AMH-Werte. Dieses Hormon gilt als Hinweis auf die vorhandene Eizellreserve.
Konkret berichten die Autoren bei früher Einnahme von etwa 40 Prozent kleinerem Eierstockvolumen und 13 Prozent kleinerem Gebärmuttervolumen. Bei Einnahme in der späteren Schwangerschaftsphase wurden rund 23 Prozent weniger Eibläschen beobachtet. Zudem ergaben die Auswertungen Hinweise auf einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Je mehr Paracetamol verwendet wurde, desto ausgeprägter waren die Unterschiede.
Nach Angaben der Forscher nahmen die Frauen insgesamt eher geringe Mengen des Medikaments ein. Keine überschritt die empfohlene Tageshöchstdosis von 4.000 Milligramm. Am häufigsten nannten die Teilnehmerinnen Kopf- oder Migräneschmerzen als Anlass, gefolgt von anderen Schmerzen, vor allem des Bewegungsapparats.
Weitere Daten stützen die Beobachtungen
Zusätzlich wertete das Team Daten einer weiteren Gruppe von 1.210 Mädchen aus, die von der Säuglingszeit bis ins Jugendalter begleitet wurden. Auch dort zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Paracetamolgebrauch der Mutter in der Schwangerschaft und einer kleineren Gebärmutter der Töchter in der Pubertät sowie kleinerem Eierstockvolumen in der Adoleszenz. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis, dass die Veränderungen nicht nur vorübergehend sein könnten.
Fischer warnt dennoch vor vorschnellen Schlüssen. Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hätten, müssten sich durch die Ergebnisse nicht verunsichern lassen. Die Studie liefere Aussagen auf Bevölkerungsebene und lasse keine Vorhersagen für einzelne Mütter oder Kinder zu. Viele der untersuchten Töchter hätten trotz mütterlicher Paracetamol-Einnahme ähnliche Eierstockmaße gehabt wie Kinder ohne solche Exposition.
Experten mahnen zur Vorsicht bei der Einordnung
Der Reproduktionstoxikologe Wolfgang Paulus von der Universitätsfrauenklinik Ulm, der nicht an der Studie beteiligt war, weist darauf hin, dass die festgestellten Unterschiede im frühen Lebensalter teils nur gering und nicht durchgehend statistisch eindeutig gewesen seien. Ob daraus langfristig medizinisch relevante Folgen entstehen, sei derzeit offen. Dafür brauche es längere Nachbeobachtungen.
Kein Zusammenhang mit Autismus bestätigt
Im vergangenen Jahr hatte US-Präsident Donald Trump Schwangere bei einer Pressekonferenz vor Paracetamol gewarnt und dabei einen Zusammenhang mit Autismus beim Kind behauptet. Fachleute widersprachen dieser Darstellung deutlich. Eine spätere Übersichtsarbeit bestätigte erneut, dass Paracetamol in der Schwangerschaft nicht mit einem erhöhten Risiko für Autismus, ADHS oder geistige Behinderungen verbunden ist.
In Deutschland weiterhin empfohlen
Fachleute betrachten Paracetamol weiterhin als das wichtigste Schmerz- und Fiebermittel in der Schwangerschaft. International wird es meist als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung von Schmerzen und Fieber empfohlen. Auch Informationen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge darf Paracetamol während der gesamten Schwangerschaft bei leichten bis mäßigen Schmerzen und Fieber eingesetzt werden. Bei längerer Anwendung sollten Betroffene jedoch ärztlichen Rat einholen.
Das Arzneimittelportal Embryotox der Charité bewertet Paracetamol ebenfalls positiv und stuft es als bevorzugtes Medikament ein. Gleichzeitig betonen die Experten dort, dass stets eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung nötig ist. Zudem werde die teils widersprüchliche Studienlage und ihre klinische Bedeutung unter Fachleuten weiterhin kontrovers diskutiert.
Keine pauschale Warnung
Fischer unterstreicht, dass die neuen Befunde Schwangere nicht grundsätzlich von der Einnahme von Paracetamol abhalten sollten, wenn diese medizinisch notwendig ist. Vielmehr solle die Studie Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten darüber anstoßen, wann Medikamente wirklich erforderlich sind und wann andere Maßnahmen infrage kommen.
Auch Paulus rät nicht von einer gelegentlichen Anwendung in der Schwangerschaft ab. Andere Schmerzmittel könnten nachweislich problematischer sein. Aus seiner Sicht bleibt der wichtigste Grundsatz: In der Schwangerschaft sollte stets die niedrigste wirksame Dosis über den kürzest möglichen Zeitraum eingesetzt werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber