Wissen

Kürzere Tage, kalte Luft: So trifft Herbst Ihren Körper

Herbst-Blues, Extraspeck, gereizte Atemwege? Was die Jahreszeit wirklich mit Ihrem Körper macht – 5 Mythen im Faktencheck.

17.09.2026, 05:00 Uhr

Was hinter typischen Herbst- und Winterbeschwerden steckt

Mit dem astronomischen Herbstbeginn werden die Tage spürbar kürzer. Weniger Licht und kühlere Temperaturen wirken sich auch auf Schlaf, Stimmung und Gesundheit aus. Fünf verbreitete Annahmen im Faktencheck.

Frühe Dunkelheit kann müde machen

Tatsächlich kann die früh einsetzende Dunkelheit Müdigkeit fördern. Entscheidend ist dabei nicht nur der frühe Sonnenuntergang, sondern vor allem die insgesamt geringere Menge an Tageslicht. Sie beeinflusst unsere innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert.

Forschende berichten, dass der Körper bei Dunkelheit mehr Melatonin ausschüttet. Dieses Hormon ist wichtig für die Schlafregulation. Umgekehrt kann starkes künstliches Licht am Abend die innere Uhr nach hinten verschieben und das Einschlafen erschweren.

Wie stark Licht wirkt, hängt laut Studien vor allem von Zeitpunkt, Dauer und Intensität ab. Untersuchungen mit Büroangestellten in Schweden zeigen, dass sich im Jahresverlauf sowohl die Tageslichtaufnahme als auch die Verläufe von Melatonin und Cortisol verändern. Cortisol folgt ebenfalls einem festen Tagesmuster und spielt etwa beim Aufwachen eine Rolle.

Auch wenn sich die Ergebnisse nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen, wird deutlich: Tageslicht ist ein wichtiger Taktgeber. Bei wenig Licht kann Müdigkeit früher einsetzen, helles Abendlicht kann sie dagegen hinauszögern.

Im Winter nehmen viele Menschen etwas zu

Studien deuten darauf hin, dass das Körpergewicht in den Wintermonaten im Durchschnitt leicht steigt. In einer US-Untersuchung mit 195 Erwachsenen lag die Zunahme zwischen Ende November und dem Jahreswechsel im Mittel bei 0,37 Kilogramm. Im weiteren Verlauf des Winters waren es sogar durchschnittlich 0,48 Kilogramm mehr als im frühen Herbst.

Regnerische Herbsttage
Weniger Tageslicht kann müde machen, helles Kunstlicht dagegen am Abend den Schlaf hinauszögern. (Symbolbild) Quelle: Alicia Windzio/dpa

Damit fällt die Gewichtszunahme deutlich geringer aus als die oft genannten zwei bis drei Kilo. Allerdings handelt es sich um Durchschnittswerte: Viele Teilnehmer legten zu, einige nahmen aber auch ab.

Daten aus sieben Ländern, darunter Deutschland, zeigen ebenfalls jahreszeitliche Schwankungen. Die niedrigsten Gewichte wurden im Sommer gemessen, die höchsten eher in den kälteren Monaten.

Langfristige Untersuchungen über mehr als zwei Jahrzehnte kommen zu einem ähnlichen Bild: Höchstwerte im Winter, Tiefstwerte im Sommer. Das bedeutet aber nicht, dass die Jahreszeit allein dafür verantwortlich ist. Fachleute halten vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren für wahrscheinlich: weniger Bewegung, energiereichere Ernährung, mehr Feiern und mehr Zeit in Innenräumen. Ein sogenannter Winterspeck ist also möglich, aber kein unausweichlicher biologischer Effekt.

Ein Winterblues kann sich erst im Spätwinter zuspitzen

Bei manchen Menschen beginnen saisonale Beschwerden bereits im Herbst. Eine Studie mit Betroffenen einer Winterdepression zeigte, dass die Symptome ab September zunahmen und ihren Höhepunkt im Januar und Februar erreichten. Veränderungen bei Schlaf, Appetit und Energie traten dabei oft früher auf als die Stimmungsschwankungen.

Wichtig ist jedoch: Untersucht wurden ausschließlich Menschen mit einer diagnostizierten Winterdepression. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht einfach auf allgemeine Herbstmüdigkeit oder ein vorübergehendes Stimmungstief übertragen.

Für saisonale Depressionen gibt es wissenschaftliche Hinweise. Ein genereller Stimmungseinbruch in der gesamten Bevölkerung während Herbst und Winter ist dagegen nicht belegt. Eine Auswertung von 41 Studien fand keine verlässlichen Hinweise auf einen regelmäßigen saisonalen Wechsel hin zu schlechterer Stimmung oder mehr psychischen Beschwerden.

Vitamin D ist im Winter nicht automatisch für alle nötig

Vitamin D ist wichtig für Knochen, Muskeln und weitere Körperfunktionen. Gebildet wird es mit Hilfe von UV-B-Strahlung in der Haut. In Deutschland ist das im Winter wegen schwächerer Sonneneinstrahlung und kurzer Tage schwieriger. Das heißt aber nicht, dass jede Person in der dunklen Jahreszeit automatisch einen Mangel entwickelt.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Präparate vor allem Menschen, die selten nach draußen kommen oder ein erhöhtes Risiko für einen Mangel haben. Dazu zählen unter anderem ältere und wenig mobile Menschen, Säuglinge sowie Menschen mit dunkler Haut. Für gesunde Erwachsene wird eine pauschale Einnahme nicht grundsätzlich empfohlen.

Ob Nahrungsergänzung sinnvoll ist, hängt vom individuellen Risiko und gegebenenfalls vom gemessenen Vitamin-D-Spiegel ab. Auch die medizinische Fachgesellschaft Endocrine Society rät gesunden Erwachsenen unter 75 Jahren nicht zu einer routinemäßigen Einnahme allein zur Krankheitsvorbeugung.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt zudem vor hohen Einzelmengen, die in größeren Abständen eingenommen werden. Wer zu einer Risikogruppe gehört oder einen Mangel vermutet, sollte dies ärztlich abklären.

Trockene Raumluft kann Atemwege belasten

Beim Heizen erwärmt sich die Luft in Innenräumen, dadurch sinkt ohne zusätzliche Feuchtigkeit die relative Luftfeuchte. Trockene Luft kann die Schleimhäute reizen und die Reinigungsfunktion der Atemwege schwächen. Diese hilft dem Körper normalerweise dabei, Schleim, Partikel und Krankheitserreger abzutransportieren.

In Tierversuchen zeigte sich außerdem, dass trockene Luft die Abwehr gegen Grippeviren beeinträchtigen kann. Weitere Untersuchungen mit künstlich erzeugten Husten-Aerosolen deuten darauf hin, dass Viren bei niedriger Luftfeuchtigkeit länger ansteckend bleiben können.

Damit spricht einiges dafür, dass trockene Heizungsluft die Ausbreitung von Atemwegsviren unter bestimmten Bedingungen begünstigen kann. Allerdings lassen sich Ergebnisse aus Tierstudien und Laborversuchen nicht ohne Weiteres auf alle Alltagssituationen in Innenräumen übertragen.

Fazit

Viele typische Beschwerden in Herbst und Winter haben tatsächlich einen nachvollziehbaren Hintergrund. Weniger Tageslicht kann müde machen, etwas Gewichtszunahme ist möglich, und trockene Heizungsluft kann die Atemwege reizen. Andere Annahmen gelten dagegen nur eingeschränkt: Nicht jeder braucht Vitamin D, und ein allgemeiner Winterblues in der gesamten Bevölkerung ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen