Bis zum Winter dauert es zwar noch einige Monate, doch die Diskussion über die Gasversorgung hat längst begonnen. Hintergrund sind die derzeit vergleichsweise niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher. Warum diese Speicher so wichtig sind und welche Bedeutung sie für die Versorgung haben, zeigt ein Überblick.
Welche Aufgabe haben Gasspeicher?
Gasspeicher nehmen Erdgas aus dem Netz auf und speisen es bei Bedarf später wieder ein. Nach Angaben des Branchenverbands Initiative Energien Speichern (Ines) wird Gas in Deutschland vor allem in unterirdischen Kavernen- und Porenspeichern gelagert. Beide Speicherarten helfen dabei, zeitliche Unterschiede zwischen Angebot und Verbrauch auszugleichen.
Wie groß ist die Speicherkapazität in Deutschland?
Deutschland verfügt über die größten Gasspeicher in der EU. Rund 45 Untergrundspeicher sind über das Bundesgebiet verteilt. Zusammen fassen sie knapp 24 Milliarden Kubikmeter sogenanntes Arbeitsgas. Das entspricht rechnerisch etwa einem Viertel des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland.
Wer füllt die Speicher?
Die Speicherbetreiber selbst lagern das Gas in der Regel nicht ein, sondern stellen lediglich die Kapazitäten bereit. Genutzt werden diese unter anderem von Gashändlern, Energieversorgern, Stadtwerken, Kraftwerksbetreibern und Industriebetrieben.
Nach Darstellung der Branche kaufen Unternehmen Gas bevorzugt dann ein, wenn es verfügbar oder preislich günstig ist, und greifen später darauf zurück. Speicher dienen außerdem dazu, Lieferzusagen abzusichern, saisonale Schwankungen abzufedern und kurzfristig auf Veränderungen bei Angebot und Nachfrage zu reagieren.

Auch aus Sicht des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft gehören gespeicherte Gasmengen zu den Instrumenten, mit denen Händler und Lieferanten ihre vertraglichen Pflichten erfüllen. Hinzu kommt inzwischen eine breitere Importbasis durch die deutschen LNG-Terminals.
Warum sind die Füllstände derzeit so niedrig?
Aktuell liegen die Speicherstände in Deutschland bei etwa 56 Prozent und damit auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Üblicherweise kaufen Großhändler im Sommer günstiger Gas ein, lagern es ein und verkaufen es im Winter teurer weiter. Diese Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter gilt als wichtiger wirtschaftlicher Anreiz für die Befüllung.
Der Krieg mit Beteiligung des Iran und die anhaltende Blockade der Straße von Hormus treiben jedoch die Großhandelspreise nach oben. Dadurch lohnt sich die Einspeicherung nach Einschätzung der Branche nur eingeschränkt, weil Gas im Sommer teurer eingekauft werden müsste, als es im Winter voraussichtlich verkauft werden kann. Zwar werde weiterhin Gas zur Absicherung bestehender Lieferverträge eingespeichert, doch für zusätzliche Mengen fehle oft der wirtschaftliche Anreiz.
Dass einzelne Speicher unterschiedlich stark gefüllt sind, hat laut Gaswirtschaft mehrere Gründe: verschiedene Aufgaben der Speicher, unterschiedliche Kundenstrukturen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, technische Unterschiede zwischen Kavernen- und Porenspeichern sowie regionale Marktverhältnisse und die jeweilige Netzanbindung.
Was gilt beim Füllstandsziel?
Zum 1. November ist gesetzlich ein bundesweiter Speicherfüllstand von rund 70 Prozent vorgesehen. Sanktionen bei einem Verfehlen dieser Marke sieht das Gesetz allerdings nicht vor. Stattdessen kann der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) mit Zustimmung oder auf Anweisung des Bundeswirtschaftsministeriums zusätzliche Anreize für die Einspeicherung schaffen.
Reicht das nicht aus, kann THE selbst Gas beschaffen und freie Speicherkapazitäten nutzen. Auch bereits gebuchte, aber nicht verwendete Kapazitäten könnten dann verfügbar gemacht werden.
Ein staatlicher Gaseinkauf wäre allerdings teuer und könnte die Preise weiter nach oben treiben. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte daher davor gewarnt, dass der Staat selbst zum Preistreiber werden könnte.
Welche Erfahrungen gibt es aus der Energiekrise?
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Ausbleiben russischer Gaslieferungen hatte Trading Hub Europe im staatlichen Auftrag Gas beschafft, um eine Mangellage zu verhindern. Das kostete mehrere Milliarden Euro. Zur Finanzierung wurde damals eine Umlage für Gaskunden eingeführt. Diese Gasspeicherumlage wurde zum 1. Januar 2026 abgeschafft. Sollte der Staat erneut Gas einkaufen, könnte eine neue Umlage wieder Thema werden.
Wie wichtig sind die Speicher für die Versorgung?
Nach Einschätzung der Branche bleiben Gasspeicher ein zentraler Pfeiler der Versorgungssicherheit. Händler und Versorger lagern dort Mengen ein, mit denen sie ihre Lieferverpflichtungen gegenüber Kunden erfüllen. Darüber hinaus schaffen Speicher Reserven für unerwartete Ereignisse wie technische Störungen oder Probleme auf Importwegen.
Besonders an sehr kalten Wintertagen können Speicher in kurzer Zeit große zusätzliche Gasmengen bereitstellen. Deshalb gelten gut gefüllte Speicher als entscheidend für die Winterversorgung. Zudem tragen sie zur Stabilität des Gasnetzes bei, helfen bei der Krisenvorsorge und können Preisschwankungen abmildern.
Gleichzeitig ist Deutschland heute breiter aufgestellt als noch zu Beginn der Energiekrise 2022. Gas kommt inzwischen nicht nur über Pipelines aus Norwegen, sondern auch über LNG-Terminals und über europäische Nachbarstaaten ins Land.
Droht im Winter eine Versorgungskrise?
Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums ist nach derzeitigem Stand keine Gasmangellage im kommenden Winter zu erwarten. Entscheidend für die Versorgungssicherheit sei nicht allein der Füllstand der Speicher, sondern das Zusammenspiel aus gespeicherten Mengen, laufenden Pipelineimporten, LNG-Lieferungen, vorhandener Infrastruktur, aktueller Nachfrage und der Einbindung in den europäischen Gasmarkt.
Allerdings verweist das Ministerium darauf, dass geopolitische Entwicklungen sowie außergewöhnliche Wetterlagen oder Störungen der Infrastruktur zusätzliche Belastungen auslösen könnten. Ein besonders kalter Winter oder Angriffe auf Pipelines würden die Lage verschärfen.
Auch Branchenvertreter mahnen, die niedrigen Speicherstände ernst zu nehmen. Sie seien jedoch kein Beweis dafür, dass Deutschland unmittelbar vor einer Versorgungslücke stehe.
Sollte der Winter sehr hart ausfallen, könnten die Gaspreise weiter steigen. Hinzu kommt, dass infolge des Iran-Kriegs derzeit vor allem in Asien verstärkt LNG nachgefragt wird, was die Beschaffung in Europa verteuert.
Was unternimmt die Bundesregierung?
Ministerin Reiche sieht sich Kritik ausgesetzt, unter anderem von den Grünen, die ihr unzureichende Vorsorge vorwerfen. Speicherbetreiber verlangen von der Politik Erleichterungen und stärkere Anreize, damit das Einlagern von Gas wirtschaftlich attraktiver wird.
Reiche betonte im Bundestag, die Bundesregierung habe Vorsorge für unterschiedliche Szenarien getroffen. Zudem wurde bekannt, dass das staatliche Gasunternehmen Sefe sich nun stärker an der Befüllung der Speicher beteiligt.
Nach Angaben von Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel liegt der Buchungsstand der Speicher inzwischen bei mehr als 70 Prozent. Entscheidend sei nun, dass diese Kapazitäten auch tatsächlich mit Gas gefüllt werden. Das Ministerium erwarte von den Unternehmen, ihre Buchungen jetzt auch physisch zu nutzen. Zwar seien die betriebswirtschaftlichen Probleme wegen der hohen Preise bekannt, doch eine Spekulation auf künftig niedrigere Preise berge ebenfalls Risiken.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber