Eine in Australien vorkommende Spinnenart nutzt eine außergewöhnlich ausgeklügelte Jagdmethode: Sie spannt mehrere Seidenfäden so, dass Ameisen daran anbeißen. Genau dadurch werden die Tiere anschließend direkt in das eigentliche Fangnetz geschleudert. Über dieses Vorgehen berichtet ein deutsch-australisches Forschungsteam in der Fachzeitschrift Current Biology.
Falle entsteht kurz nach Einbruch der Dunkelheit
Rund eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang beginnt die sogenannte Ballista-Spinne (Propostira sp.) mit dem Bau ihrer Konstruktion. Ausgangspunkt ist ihr Hauptnetz, von dem aus sie mehrere längere Fäden zu nah beieinanderliegenden Punkten an Blättern oder Zweigen führt. Oberhalb dieser Befestigungen fasst sie die Fäden zu einer Art Kegel zusammen.
Nach Einschätzung der Forschenden lockt dieser Kegel möglicherweise mithilfe chemischer Stoffe Weberameisen der Art Oecophylla smaragdina an. Diese Ameisen gelten als besonders angriffslustig und wehrhaft.
Ameisen lösen die Falle selbst aus
Den Beobachtungen zufolge beißen sich die Ameisen in dem Seidenkegel fest und richten dabei ihren Hinterleib auf – ein Verhalten, das sie auch bei Kämpfen mit anderen Ameisen zeigen. Durch diesen Biss löst sich der Kegel von der Oberfläche und schnellt mitsamt der Ameise in das zentrale Netz der Spinne zurück.
Dabei erreichen die Tiere Geschwindigkeiten von bis zu 4,4 Metern pro Sekunde. Die Spinne selbst hält zunächst Abstand und wartet, bis die Beute vollständig im Netz verheddert ist. Erst dann nähert sie sich, um die Ameise mit weiterer Seide zu umwickeln.

Außergewöhnliche biomechanische Leistung
Jonas Wolff von der Universität Greifswald, einer der leitenden Autoren der Studie, bezeichnet das System als eines der leistungsfähigsten bekannten Fangmechanismen im Tierreich. Die gespannten Seidenfäden speicherten elastische Energie und gäben sie schlagartig wieder frei – vergleichbar mit einer stark gespannten Feder.
Die dabei entstehenden Kräfte lägen weit über dem, was allein durch Muskelarbeit möglich wäre. Laut Wolff übertrifft die Konstruktion sogar andere Spinnenarten, die ebenfalls mit katapultartigen Fangsystemen arbeiten.
Offenbar auf eine Beuteart spezialisiert
In sämtlichen 35 dokumentierten Fällen gingen der Studie zufolge ausschließlich Weberameisen der Art Oecophylla smaragdina ins Netz. Das spricht für eine deutliche Spezialisierung auf genau diese Beute. Drei andere Ameisenarten, die in die Nähe der Seidenkegel gesetzt wurden, reagierten dagegen nicht.
Das Forschungsteam vermutet deshalb, dass die Spinne den Kegel gezielt mit Pheromonen versieht. So könnten Arbeiterinnen von Oecophylla smaragdina angelockt und zugleich zu ihrem typischen Angriffsverhalten verleitet werden.
Beispiel für extreme Spezialisierung in der Natur
Für Wolff zeigt der Fund, wie weit die Anpassung von Räubern an ihre Beute gehen kann. Im evolutionären Wettstreit sei hier eine Falle entstanden, die zu den eindrucksvollsten biomechanischen Systemen zähle, die bislang bekannt seien.
Nach Einschätzung der Forschenden hat die Ballista-Spinne damit eine bemerkenswerte Strategie entwickelt, um eine gefährliche und äußerst aggressive Beutegruppe zu überwältigen: Die Beute setzt die Falle selbst in Gang. Das verdeutliche, wie starke ökologische Spezialisierung die Entwicklung außergewöhnlicher biomechanischer Leistungen fördern könne.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion