Ein Jahr im Eis: Arktis-Expedition in Norwegen gestartet
Ende August ist in Norwegen eine außergewöhnliche Forschungsreise in die Arktis angelaufen. Zwölf Personen – darunter sechs Wissenschaftler und sechs Crewmitglieder – wollen sich mit dem Spezialschiff „Tara Polar Station“ im Packeis einfrieren lassen und bis zu ein Jahr lang über das Nordpolarmeer treiben. Nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven soll die Mission helfen, den Zustand des Arktischen Ozeans und damit auch das Klimasystem der Erde besser zu verstehen. An dem Vorhaben beteiligen sich weltweit 32 Forschungseinrichtungen, darunter auch die Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Forschung unter Extrembedingungen
Das Prinzip der sogenannten Transpolardrift ist nicht neu. Meeresforscher Marcel Nicolaus erinnerte bei einem Symposium in Hamburg daran, dass bereits der norwegische Polarpionier Fridtjof Nansen vor rund 130 Jahren ein ähnliches Konzept nutzte. Die „Tara Polar Station“, gebaut von der französischen Tara Ocean Foundation, wurde eigens für solche Einsätze konstruiert. Ihre ovale Form soll verhindern, dass sie vom Druck des Eises beschädigt wird.
An Bord befinden sich auf drei Ebenen Labore, Schlafräume, Küche, Krankenstation und die Brücke. Das größte Labor ist direkt mit Meerwasserzugang ausgestattet, damit ein Unterwasserroboter unter dem Eis Messdaten sammeln kann. Nicolaus beschreibt das Schiff als eine Art Raumstation in der Arktis – als „ISS des Nordens“. Ein Austausch der Forscher ist frühestens ab Mitte April kommenden Jahres möglich.

Route über Barents- und Karasee
Die Reise begann am 19. Juli im westfranzösischen Lorient, zunächst mit einer sechsköpfigen Besatzung. Am 22. August stiegen in Kirkenes im Norden Norwegens sechs Forscher aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Kanada zu. Anschließend führte die Route durch die Barentssee und die Karasee.
An der Eiskante nördlich der Neusibirischen Inseln traf die „Tara Polar Station“ auf den chinesischen Forschungseisbrecher „Xue Long 2“, der das Schiff begleitete. Inzwischen wurde eine große Eisscholle gefunden, an der die Station festgemacht hat. Diese Scholle soll nun für etwa ein Jahr als Basis für umfangreiche Untersuchungen im Arktischen Ozean dienen.
Transit durch russische Gewässer – ohne Forschung
Auf dem Weg dorthin durchquerte das Schiff auch die Ausschließliche Wirtschaftszone Russlands. Dafür lag laut Atmosphärenforscherin Julia Regnery eine Genehmigung vor. Forschung in diesem Gebiet sei allerdings nicht erlaubt gewesen. Eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland gebe es nicht; der Transit sei lediglich von den Behörden gestattet worden. Zudem wolle das Team vermeiden, mit dem Eis in Richtung Russland abzudriften.
Hund „Örkki“ als Eisbären-Warner
Nach Angaben Regnerys befinden sich insgesamt acht Männer und vier Frauen auf der Station. Mit an Bord ist auch der Finnische Lapphund „Örkki“. Seine Aufgabe: das Team auf Deck oder draußen auf dem Eis möglichst früh vor Eisbären zu warnen – besonders während der langen Polarnacht.
Regnery schilderte das Leben an Bord als eng, aber gut organisiert. Im Winter hat jeder Forscher eine eigene Kabine, im Sommer müssen bei bis zu 18 Menschen an Bord Räume geteilt werden. Während der Überfahrt waren Bewegung und Training nur eingeschränkt möglich, etwa durch kleine Runden auf dem Schiff oder auf einem Heimtrainer. Sobald die Station im Eis eingeschlossen ist, können die Forschenden über eine Gangway aufs Eis gelangen.
Versorgung für Monate und wenig Platz für Müll
Treibstoff und Lebensmittel müssen für die gesamte Drift ausreichen. Da der Stauraum knapp ist, spielt auch Müllvermeidung eine große Rolle. Marcel Nicolaus berichtete, er habe vor Beginn der Expedition hunderte Tafeln Schokolade ausgepackt, damit die Verpackungen gar nicht erst mit an Bord genommen werden müssen. In der Freizeit werde musiziert, gespielt oder – wie im Fall von Regnery – gestrickt. Sie hat Wolle mitgenommen, um einen Islandpullover anzufertigen. Die gemeinsame Sprache an Bord ist Englisch, die Crew stammt jedoch aus Frankreich.
Besondere Regeln im Alltag
Der Alltag bringt einige ungewöhnliche Anforderungen mit sich. So müssen sich die Menschen an Bord Badezimmer teilen. Auch die Toiletten funktionieren anders als gewohnt: Feste und flüssige Ausscheidungen müssen getrennt werden. Flüssigkeiten werden ins Meer geleitet, der feste Rest wird an Bord verbrannt. Laut dem Jenaer Bioanalytik-Professor Georg Pohnert arbeitet die Station dadurch nahezu emissionsfrei und beeinflusst das empfindliche Ökosystem nur minimal.
Dunkelheit für mehr als vier Monate
Für die Verpflegung sorgt täglich eine Köchin; nur sonntags übernimmt jemand anderes die Küche. Außerdem ist eine Ärztin an Bord, die im Notfall sogar Zahnbehandlungen durchführen kann. Eine Evakuierung wäre nur in absoluten Ausnahmesituationen und unter günstigen Bedingungen denkbar.
Bereits im Oktober beginnt die Polarnacht. Dann bleibt es in der Arktis für gut vier Monate dunkel. Trotz dieser extremen Bedingungen wartet viel Arbeit auf das Team: Rund 220 Messprogramme sollen während der Drift durchgeführt werden. Im Fokus stehen unter anderem Veränderungen im arktischen Ökosystem, mikrobiologische Vorgänge sowie Schadstoffbelastungen.
Nicolaus verweist darauf, dass die arktische Eisfläche pro Jahrzehnt um etwa zwölf Prozent schrumpft. In den kommenden 20 Jahren soll die Forschungsstation insgesamt zehn solcher Expeditionen absolvieren und wichtige Daten über die Folgen des Klimawandels liefern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber