Erstmals soll in Deutschland ein Medikament zur Gewichtsreduktion auch als Tablette in Apotheken erhältlich sein. Den Wirkstoff Semaglutid kennen viele bereits von der Abnehmspritze Wegovy, die hierzulande seit Juli 2023 verfügbar ist. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Ab wann gibt es die Abnehmtabletten in Deutschland?
Die Markteinführung ist nach Angaben des dänischen Herstellers Novo Nordisk für den 1. September geplant. Eine Sprecherin erklärte, es sei ausreichend Ware verfügbar, um die erwartete Nachfrage zu bedienen. Die EU hatte die Tablettenversion von Wegovy bereits im Juli zugelassen.
Für wen ist das Medikament gedacht?
Zugelassen sind die Tabletten für Menschen mit Adipositas oder mit Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Erhältlich ist das Mittel nur auf ärztliches Rezept.
Die Kosten müssen Betroffene in Deutschland bisher selbst tragen. Der Grund: Abnehmmittel gelten hierzulande als Lifestyle-Arzneimittel und werden in der Regel nicht von den Krankenkassen bezahlt. Schon die Behandlung mit der Spritze kostet bislang mehrere Hundert Euro pro Monat. Allerdings wird weiter darüber diskutiert, ob die Therapie für bestimmte Patientengruppen mit Adipositas künftig doch eine Kassenleistung werden könnte.
Anders ist die Lage bei Typ-2-Diabetes: Dann wird Semaglutid unter dem Namen Ozempic von den Krankenkassen übernommen.
Nach Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2025 sind in Deutschland 17,9 Prozent der Erwachsenen adipös.
Wie wirken die Tabletten?
Wie die Spritze gehört auch die Tablette zur Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Diese Wirkstoffe signalisieren dem Gehirn, dass bereits gegessen wurde. Dadurch entsteht ein Sättigungsgefühl. Zudem bleibt die Nahrung länger im Magen, was die Sättigung zusätzlich verlängert. In der Folge essen Patientinnen und Patienten meist weniger und können dadurch abnehmen.
Ist der Effekt von Tablette und Spritze ähnlich?
Nach Einschätzung der Berliner Endokrinologin Nina Meyer sind die Effekte auf das Körpergewicht vergleichbar. Der wichtigste Vorteil der Tablettenform sei, dass Betroffene nun zwischen Spritze und Tablette wählen könnten. Für Menschen mit Angst vor Injektionen oder mit einer klaren Vorliebe für Tabletten könne das entscheidend sein.
Wo liegen die Unterschiede?
Die wichtigsten Unterschiede betreffen Anwendung und Dosierung.
Die Spritze wird einmal pro Woche verabreicht. Die Tablette muss dagegen jeden Morgen eingenommen werden. Dabei gelten strenge Vorgaben: Vor der Einnahme sollten Patientinnen und Patienten mindestens acht Stunden nichts gegessen haben. Danach darf für 30 Minuten nichts gegessen, nichts getrunken und keine anderen Medikamente eingenommen werden. Darauf weist die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) hin.
Auch die Wirkstoffmenge ist bei der Tablette deutlich höher. Der Grund: Über Magen und Dünndarm wird nur ein kleiner Teil des Wirkstoffs aufgenommen. Der Münchner Ernährungsmediziner Hans Hauner erklärt, dass man in Tablettenform rund 70-mal so viel Wirkstoff brauche wie bei einer Injektion.
Laut Meyer kann die Spritzentherapie auf maximal 2,4 Milligramm gesteigert werden. Für die Tabletten soll eine Höchstdosis von 25 Milligramm verfügbar sein.
Wie groß ist der Abnehmeffekt?
Studien zur Semaglutid-Spritze zeigen, dass Teilnehmende im Durchschnitt etwa 11 bis 17 Prozent ihres Körpergewichts verlieren können. Das entspreche ungefähr 10 bis 12 Kilogramm, sagte Hauner.
Fachleute betonen jedoch, dass das Medikament allein nicht ausreicht, um das Gewicht dauerhaft zu halten. Meyer macht deutlich, dass es sich nicht um eine alleinstehende Therapie handelt. Wichtig seien eine ärztliche Begleitung sowie Maßnahmen bei Ernährung, Bewegung und Verhalten.
Eine im März veröffentlichte britische Studie zur Abnehmspritze zeigt zudem: Nach dem Absetzen nehmen viele Betroffene schnell wieder zu. Möglicherweise bleibt aber ein Teil des Gewichtsverlusts längerfristig erhalten. Ein Jahr nach Therapieende waren im Schnitt rund 60 Prozent des zuvor verlorenen Gewichts wieder zurück.
Gibt es Nebenwirkungen?
Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung, so Meyer. Frühere Studien zu GLP-1-Medikamenten deuten darauf hin, dass diese Beschwerden meist mild bis moderat ausfallen und nur selten schwerwiegend sind.
Wie bewerten Experten Online-Angebote für die Abnehmpille?
Hauner und Meyer sehen solche Angebote sehr kritisch. Aus ihrer Sicht fehlt dort häufig eine gute ärztliche Betreuung; oft stehe eher der kommerzielle Aspekt im Vordergrund.
Auch die ABDA warnt vor dubiosen Online-Angeboten. ABDA-Präsident Thomas Preis betont, Arzneimitteltherapiesicherheit entstehe nicht per Mausklick, sondern durch persönliche Beratung und pharmazeutische Kontrolle. Wer den Eindruck vermittle, solche Therapien ließen sich einfach online organisieren, werde der Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten nicht gerecht. Eine qualifizierte Beratung in der Apotheke bleibe deshalb wichtig.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber