Wirtschaft

Warum Deutschland nur noch billig kauft

Rabatte locken wie nie – doch Deutschlands Schnäppchenjagd hat eine überraschende Kehrseite für den Handel.

19.06.2026, 05:01 Uhr

Wer derzeit durch deutsche Innenstädte geht, sieht an vielen Schaufenstern Preisnachlässe. Fast wirkt es, als hätte der Sommerschlussverkauf bereits begonnen. Einen gesetzlich geregelten SSV gibt es zwar schon lange nicht mehr, doch viele Händler setzen inzwischen früh auf freiwillige Rabattaktionen – obwohl der klassische Abverkauf eigentlich erst Ende Juli anläuft. Rolf Pangels vom Handelsverband Textil, Schuhe und Lederwaren spricht inzwischen von einer nahezu dauerhaften Rabattspirale.

Die Konsumstimmung hat sich nach Erhebungen des Handelsverbands Deutschland und des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen zuletzt zwar etwas aufgehellt, insgesamt bleibt die Lage aber schwierig. Viele Menschen kaufen sehr zurückhaltend ein. Ob Mode, Lebensmittel oder Deko: Entscheidend ist für viele vor allem der Preis. Sonderangebote sind besonders gefragt.

Wie stark Rabatte inzwischen das Kaufverhalten prägen, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group. Je nach Produktgruppe beeinflussen Preisnachlässe bis zu 74 Prozent der Kaufentscheidungen. Für die repräsentative Erhebung wurden im April 1.800 Menschen in Deutschland befragt. 64 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage negativ. Zudem achten Verbraucher stärker auf Preise als noch im Vorjahr. Laut BCG-Expertin Karin von Funck wird heute deutlich genauer abgewogen, wofür Geld ausgegeben wird; Ausgaben werden häufiger verglichen und kritischer hinterfragt.

Besonders gespart wird bei Kleidung und Freizeit

Nach einer repräsentativen Kantar-Umfrage im Auftrag von Idealo wird vor allem bei Bekleidung, Gastronomie sowie bei Kino-, Konzert- und Clubbesuchen gespart. Befragt wurden 2.000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. 62 Prozent vergleichen häufiger die Preise verschiedener Anbieter, 56 Prozent achten verstärkt auf Sonderangebote. Am häufigsten wird gespart, um Urlaube und Reisen zu finanzieren oder Rücklagen aufzubauen – jeweils 41 Prozent.

Der finanzielle Druck bleibt hoch. 81 Prozent geben an, stärker auf ihre Ausgaben achten zu müssen. Rund zwei Drittel sorgen sich, mit ihrem Einkommen nicht mehr auszukommen. 44 Prozent konsumieren weniger als im Vorjahr, nur 6 Prozent mehr. Als wichtigste Gründe nennen die Befragten steigende Verbraucherpreise sowie politische und wirtschaftliche Unsicherheiten.

Auch im Sorgen-Ranking von YouGov stehen finanzielle und wirtschaftliche Ängste inzwischen an erster Stelle – vor Einwanderung und körperlicher Gesundheit. YouGov-Expertin Petra Süptitz sieht darin eine Folge des dauerhaft gestiegenen Kostenbewusstseins.

Gerade bei Alltagsprodukten wie Lebensmitteln greifen Verbraucher immer häufiger zu Sonderangeboten. Laut YouGov entfiel zuletzt knapp ein Viertel des Umsatzes auf Aktionsware – deutlich mehr als noch vor vier Jahren. Ebenfalls stärker gefragt sind günstige Eigenmarken des Handels. Viele Haushalte seien unsicher, welche zusätzlichen Belastungen noch auf sie zukommen könnten, so Süptitz. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind Nahrungsmittel seit 2020 im Schnitt bereits um gut 37 Prozent teurer geworden.

Sparen aus Sicherheitsdenken

Die Postbank sieht Deutschland weiter als Land der Sparer. Gleichzeitig zweifeln viele Menschen daran, genug Geld zurücklegen zu können. Anlageexperte Ulrich Stephan erklärt, die meisten sparten aus einem Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn trotz aller Sparanstrengungen das Gefühl entstehe, das eigene Ziel kaum erreichen zu können, führe das zu Verunsicherung und Frust. Der anhaltende Kostendruck schade zudem dem Vertrauen in die eigene finanzielle Vorsorge.

Für den Einzelhandel ist die Kaufzurückhaltung ein ernstes Problem. Viele Unternehmen leiden unter der hohen Rabattdichte, denn sinkende Preise drücken direkt auf die Margen. Wer dauerhaft mit starken Preisnachlässen arbeitet, riskiert laut BCG nicht nur geringere Gewinne, sondern auch eine Entwertung der eigenen Marke. Zusätzlich belasten Kriege, die schwache Konjunktur und die schlechte Verbraucherstimmung die Branche. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth warnt, dass besonders kleinere und mittelständische Händler unter enormem Kalkulationsdruck stehen.

Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch ein aktuelles Beispiel aus der Branche: Die Parfümeriekette Douglas hat ihre Prognose in dieser Woche erneut gesenkt. Das Unternehmen begründete dies mit der Kaufzurückhaltung vieler Kunden. Diese seien sehr preissensibel und verschöben Einkäufe in Erwartung von Sonderangeboten.

Jeder sechste Händler fürchtet um die Existenz

Profitieren könnten unter anderem asiatische Plattformen wie Temu und Shein. Nach einer Analyse von IW Consult im Auftrag des HDE entgehen dem deutschen Einzelhandel durch diese Anbieter jährlich rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz.

Auch Discounter gewinnen durch das ausgeprägte Preisbewusstsein der Kundschaft an Bedeutung. Ketten wie Action oder Woolworth übernehmen laut IFH Köln in vielen Warengruppen zunehmend Aufgaben, die früher eher beim Fachhandel lagen – etwa bei DIY-Artikeln, Saisonware, Deko sowie Schreib- und Spielwaren. IFH-Experte Kai Hudetz spricht von einem „Verlust der Mitte“: Während günstige Einstiegsangebote sowie Premium- und Luxussegmente zulegen, geraten mittlere Preislagen immer stärker unter Druck.

Wie ernst die Situation ist, zeigt auch die Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts: Inzwischen sieht jeder sechste Einzelhändler in Deutschland seine Existenz bedroht – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig verzeichnet Allianz Trade so viele Insolvenzen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Dekohändler Depot und die Baumarktkette Hellweg stellten zuletzt erneut Insolvenzanträge, die Fachmarktkette Hammer schloss alle Filialen.

Secondhand boomt

Laut Idealo-Umfrage ist der Preis inzwischen das wichtigste Kaufkriterium – knapp vor der Qualität. Gleichzeitig beobachten Experten Widersprüche im Konsumverhalten. Viele Verbraucher bestellen trotz Bedenken bei der Produktqualität weiter bei Temu und Shein, wie eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. Der starke Preisreiz überlagere bestehende Zweifel oft.

Zu den Gewinnern zählt auch der Secondhand-Markt. Er wächst deutlich stärker als der übrige Einzelhandel. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland online mit gebrauchter Ware 10,5 Milliarden Euro umgesetzt – 84 Prozent mehr als 2019. Besonders beliebt sind laut YouGov gebrauchte Kleidung, Bücher, Möbel sowie Elektronik wie Smartphones und Tablets.

Für viele Verbraucher sind Secondhand-Produkte vor allem deshalb attraktiv, weil sie deutlich günstiger sind als Neuware, sagt Hudetz. Zugleich habe der Gebrauchtmarkt sein verstaubtes Image weitgehend abgelegt und entwickle sich zunehmend zu einem Lifestyle-Thema. Nach seiner Einschätzung dürfte das Segment weiter wachsen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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