Wirtschaft

Krieg ohne Soldaten? Firmen pushen autonome KI-Panzer

Krieg ohne Soldaten im Panzer? Firmen entwickeln autonome Kampf- und Hilfsfahrzeuge – manche schon mit Kanone.

19.06.2026, 05:45 Uhr

Autonome Militärfahrzeuge rücken in Europas Rüstungsindustrie stärker in den Fokus

Europäische Rüstungsunternehmen arbeiten zunehmend an unbemannten Bodenfahrzeugen, die ohne Besatzung unterwegs sind. Mithilfe von Sensorik und Künstlicher Intelligenz sollen diese Systeme selbstständig durchs Gelände fahren, etwa um Minen zu beseitigen, Verletzte zu evakuieren oder Material an die Front zu bringen. Einige Modelle tragen zudem Waffen wie Kanonen oder Raketenwerfer, die beispielsweise zur Abwehr von Drohnen eingesetzt werden können.

Auf der Rüstungsmesse Eurosatory bei Paris präsentierten zahlreiche Hersteller entsprechende Lösungen. Zu den Ausstellern gehörten unter anderem Rheinmetall und Renk aus Deutschland, Milrem Robotics aus Estland sowie der türkische Hersteller Otokar. Letzterer hatte bereits 2024 einen autonomen Kettenpanzer mit Geschütz vorgestellt. Auch die britische Tochter des US-Konzerns General Dynamics zeigte ein unbemanntes Mehrzweckfahrzeug, das sich mit Maschinengewehr und Granatwerfer ausrüsten lässt.

In der Fachsprache ist von Unmanned Ground Vehicles (UGV) die Rede – also von unbemannten Bodensystemen als Pendant zu Drohnen in der Luft. Rheinmetall hat unter anderem ein autonomes Minenräumfahrzeug und das Mehrzwecksystem Mission Master entwickelt. Dieses Fahrzeug nutzt Kameras und Sensoren, um Versorgungsgüter zu transportieren oder Verwundete aus Gefahrenzonen zu holen. Bei Landungsoperationen kann es zudem schwimmfähig eingesetzt werden und Ausrüstung an Land bringen.

Rüstungsmesse Eurosatory
Fünf Tage lang strömten die Besucherinnen und Besucher scharenweise in die Messehallten der Eurosatory. 2028 soll die französische Rüstungsmesse erneut stattfinden. Quelle: Wolf von Dewitz/dpa

Milrem Robotics aus Tallinn bietet einen kompakten Kettenpanzer an, der bis zu 20 Kilometer pro Stunde erreicht und mit Zuladung knapp drei Tonnen auf die Waage bringt. Das Fahrzeug ist rund zweieinhalb Meter lang und zwei Meter breit. Nach Angaben des Unternehmens wird es bereits von Nato-Streitkräften genutzt. Beworben wird es als widerstandsfähig und kostengünstig; mit einer Bordkanone soll es auch Drohnen bekämpfen können.

Nato sieht Chancen in der Technik

Auch die Nato bewertet autonome Bodensysteme positiv. In einem Bericht eines Bündnisgremiums aus dem Jahr 2025 wird hervorgehoben, dass unbemannte Systeme vor allem dort Vorteile böten, wo sie Soldatinnen und Soldaten aus gefährlichen Situationen heraushalten. Genannt werden Einsätze wie Aufklärung, Minenräumung, Munitions- und Nachschubtransport. In besonders riskanten Lagen könnten solche Fahrzeuge auch bewaffnet eingesetzt werden. Ziel sei es letztlich, Menschen besser zu schützen.

Zusätzlichen Schub erhielt die Entwicklung durch den Krieg in der Ukraine. Dort kommen nicht nur massenhaft Flug- und Überwachungsdrohnen zum Einsatz, sondern inzwischen auch unbemannte Fahrzeuge am Boden.

Beim Ausbau dieser Technik spielt auch der Augsburger Antriebsspezialist Renk eine Rolle. Das Unternehmen, bekannt für seine Getriebe etwa für den Leopard-Kampfpanzer, stellte auf der Eurosatory gemeinsam mit dem finnischen Hersteller Patria ein Konzept für ein schweres unbemanntes Kettenfahrzeug vor. Das System wiegt zehn Tonnen und kann weitere zehn Tonnen Nutzlast aufnehmen. Auf der Messe war es mit einem Raketenwerfer eines anderen Unternehmens ausgerüstet.

Renk-Manager Michael Masur verweist darauf, dass viele der bislang verfügbaren UGVs eher leicht gebaut seien und nur kurze Einsatzzeiten erlaubten. Häufig erreichten sie etwa 30 Stundenkilometer, und ihre Batterien hielten lediglich 30 bis 60 Minuten. Das gemeinsam mit Patria gezeigte Konzeptfahrzeug mit Dieselmotor solle je nach Last dagegen 500 bis 1.000 Kilometer weit fahren und Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h erreichen. Renk liefert dafür den digitalisierten Antriebsstrang und die digitale Steuerungsarchitektur, Patria die Fahrzeugwanne und das Fahrwerk.

Masur sieht in der Automatisierung auch eine Antwort auf Personalengpässe in Nato-Armeen. Vollautonome große Landsysteme wie Kampfpanzer würden zwar nicht sofort flächendeckend eingeführt, doch der Trend gehe klar in Richtung zunehmender Assistenzfunktionen, die Soldaten entlasten sollen.

Rheinmetall: Mensch soll über Waffeneinsatz entscheiden

Auch Rheinmetall-Chef Armin Papperger geht davon aus, dass autonome Systeme in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden. Aus seiner Sicht dürfte die Zukunft in einem Zusammenspiel bemannter und unbemannter Fahrzeuge liegen. Ein wesentlicher Vorteil sei, dass im Einsatz eher Material als Menschenleben gefährdet würden.

Wie stark Künstliche Intelligenz in solchen Systemen eingebunden ist, variiert je nach Modell. Papperger betont allerdings, dass bei bewaffneten Anwendungen der Mensch stets die letzte Entscheidung über einen Schuss abgeben müsse. Das sei der ethische Grundsatz seines Unternehmens und entspreche auch den Erwartungen der Nato-Kunden. Um das international sicherzustellen, spricht er sich für weltweite UN-Regeln aus, die autonome Entscheidungen über tödliche Gewalt verbieten.

Kritik von Friedensaktivisten

Friedensgruppen betrachten die Entwicklung mit großer Skepsis. Marius Pletsch von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) sagt, autonome Fahrzeuge könnten zwar sinnvoll sein, wenn sie bei der Bergung von Verwundeten oder beim Entschärfen von Minen helfen. Die Betonung dieser Einsatzfelder wirke aber auch wie eine Beruhigungsstrategie in der öffentlichen Debatte.

Nach seiner Einschätzung ist das Interesse von Militärs und Rüstungsfirmen groß, solche Systeme zu bewaffnen und ihre Feuerkraft künftig in größerem Umfang einzusetzen. Die Entscheidung darüber, wer oder was angegriffen werde, dürfe nicht Maschinen überlassen werden. Genau diese Gefahr wachse jedoch, wenn Waffensysteme immer autonomer würden und Kriegsführung weiter beschleunigt werde.

Wie auch Vertreter der Industrie hofft Pletsch auf verbindliche internationale Regeln durch die Vereinten Nationen. Zwar werde seit 2014 im Rahmen der UN-Waffenkonvention über solche Fragen gesprochen, konkrete Ergebnisse seien bislang aber weitgehend ausgeblieben. Er warnt vor folgenschweren Fehlern – etwa wenn ein gegnerischer Soldat sich ergeben wolle, ein autonomes Kampffahrzeug dies jedoch nicht erkenne und trotzdem feuere.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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