Wirtschaftsverbände sehen im Zollstreit zwischen USA und Kanada neue Chancen für Europa
Der eskalierende Handelskonflikt zwischen der US-Regierung und Kanada könnte aus Sicht deutscher Wirtschaftsverbände neue Möglichkeiten für Deutschland und die EU eröffnen. Zwar belasten die neuen Handelsbarrieren auch deutsche Unternehmen mit Standorten in Nordamerika. Zugleich aber, so die Hoffnung, könnte Europa als verlässlicher Handelspartner für Kanada an Attraktivität gewinnen.
Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), erwartet eine stärkere Neuorientierung Kanadas im Außenhandel. Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger werde, dürfte ihr Interesse an alternativen Absatzmärkten wachsen. Nach Treiers Einschätzung macht jede neue US-Zollmaßnahme Europa ein Stück attraktiver.
Deutliches Potenzial für mehr Handel
Auch Dirk Jandura, Präsident des Exportverbands BGA, sieht wachsende Chancen für das Kanada-Geschäft. Wenn sich für Kanada im direkten Nachbarschaftsverhältnis zu den USA Türen schlossen, werde der Blick zwangsläufig stärker über den Atlantik gehen. Europa solle diese Gelegenheit nutzen, um mehr deutsche Produkte, Maschinen und Technologien in Kanada abzusetzen.
Nach Angaben von Statistics Canada stiegen die kanadischen Exporte in Länder außerhalb der USA im Juli bereits den dritten Monat in Folge. Mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar, umgerechnet rund 15,9 Milliarden Euro, erreichten sie einen Rekordwert. Deutschland gehörte dabei zu den wichtigsten Zielländern.
Jandura geht davon aus, dass die jüngste Zuspitzung des Zollstreits diesen Trend weiter verstärkt. Kanada spiele im deutschen Außenhandel bislang nur eine eher kleine Rolle, gerade deshalb sei das Wachstumspotenzial erheblich. Bereits 2025 legten die deutschen Warenimporte aus Kanada um knapp 28 Prozent auf rund 9,1 Milliarden Euro zu.
Trotzdem bleibt Kanada im deutschen Außenhandel ein vergleichsweise kleiner Partner. Nach Daten des Statistischen Bundesamts liegt das Land bei den wichtigsten Importländern Deutschlands nur auf Rang 31. Bei den deutschen Exporten kommt Kanada mit einem Volumen von 12,5 Milliarden Euro auf Platz 25.
CETA als Grundlage für engere Beziehungen
Treier verweist darauf, dass die EU mit Kanada durch das Handelsabkommen CETA bereits eine belastbare Basis für engere Wirtschaftsbeziehungen habe. Seit der vorläufigen Anwendung des Abkommens im Jahr 2017 sei der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um 76 Prozent gestiegen. Aus seiner Sicht ist das vorhandene Potenzial dennoch längst nicht ausgeschöpft.
Auch Zahlen des BGA unterstreichen diese Entwicklung: Der Warenhandel zwischen der EU und Kanada stieg binnen acht Jahren von gut 46 Milliarden auf 81,5 Milliarden Euro. Dennoch macht Kanada bislang nur rund 1,8 Prozent des EU-Warenaußenhandels aus.
Neben klassischen Exportchancen geht es aus Sicht der Verbände auch um strategische Themen. Dazu zählen Kooperationen bei Innovationen, kritischen Rohstoffen, wirtschaftlicher Sicherheit und widerstandsfähigeren Lieferketten.
Streit um Zölle und Einfuhrverbote verschärft sich weiter
Im Konflikt mit Kanada hat die US-Regierung neue Einfuhrverbote für bestimmte Waren aus dem Nachbarland angekündigt. Ab dem 29. September sollen einige Molkereiprodukte, alkoholische Getränke und Motorräder nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt werden dürfen. Ein hochrangiger Regierungsvertreter bezifferte den betroffenen Warenwert auf einen einstelligen Milliarden-Dollar-Bereich. Erfasst sind unter anderem auch Mopeds sowie bestimmte Weine, Biere, Wodka und Schnäpse.
Zusätzlich wies Präsident Donald Trump das Beschaffungswesen von US-Behörden an, künftig keine kanadischen Produkte mehr zu kaufen. Zugleich wurden einzelne Zollmaßnahmen angepasst: Für Waren wie Steinsalz und Zement sollen die Aufschläge ab dem 15. September entfallen, während unter anderem Geländefahrzeuge und weitere Molkereiprodukte neu auf die Liste kommen.
Dem jüngsten Schritt war bereits eine Eskalation im August vorausgegangen. Damals verhängten die USA Zölle von bis zu 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar, darunter Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein. Vorausgegangen war das Scheitern von Handelsgesprächen zwischen beiden Ländern.
Kanada reagiert mit Gegenzöllen
Kanada hatte seinerseits bereits in der Nacht zum Dienstag Gegenzölle auf US-Importe in Kraft gesetzt. Betroffen sind unter anderem Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Papier und Elektronik.
US-Präsident Trump begründet seine Zollpolitik damit, Kanada nutze die Vereinigten Staaten seit Jahren aus. Zugleich behauptet er, die USA seien auf den Handel mit dem Nachbarn nicht angewiesen. Tatsächlich ist Kanada nach US-Daten jedoch der zweitgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten.
Kaum Schnäppchen, aber mehr Wettbewerb
DIHK und BGA rechnen damit, dass künftig mehr kanadische Waren nach Europa umgeleitet werden. Eine massive Umlenkung der Handelsströme erwarten die Verbände allerdings nicht. Produkte ließen sich nicht ohne Weiteres von einem Markt auf den anderen verschieben.
Für Verbraucher in Deutschland bedeutet das nach Einschätzung des BGA wohl keine plötzliche Flut billiger kanadischer Waren in den Supermärkten. Mehr Angebot könne aber den Wettbewerb erhöhen – und das sei grundsätzlich positiv für Händler und Konsumenten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber