Europa verliert bei wichtigen Zukunftstechnologien weiter an Boden gegenüber den USA und China. Während die beiden Technologiemächte ihre Abhängigkeit von ausländischen Digitalangeboten in den vergangenen Jahren verringern konnten, ist Europa heute stärker auf externe Technologien angewiesen als noch vor etwas mehr als zehn Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute veröffentlichte Vergleichsstudie des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn, die gemeinsam mit dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation erstellt wurde.
Für die Analyse entwickelten die Autoren den Digital Dependence Index (DDI). Untersucht wurden 51 Industrie- und Schwellenländer im Zeitraum von 2010 bis 2023. Der Index misst auf einer Skala von 0 bis 1, wie abhängig Staaten in vier zentralen Feldern sind: Hardware-Handel, IT-Dienstleistungen, Software-Plattformen und Technologiepatente. Dabei steht 0 für vollständige Eigenständigkeit und 1 für komplette Abhängigkeit.
Die Ergebnisse zeigen: Die durchschnittliche digitale Abhängigkeit europäischer Länder stieg zwischen 2010 und 2023 leicht um 0,5 Prozentpunkte auf 0,69. China konnte seinen Wert im gleichen Zeitraum dagegen um 10,8 Prozentpunkte auf 0,43 senken. Die USA verbesserten sich um 6,0 Prozentpunkte und bleiben mit einem DDI von 0,38 das weltweit unabhängigste Digitalland.
Deutschland im Mittelfeld
Deutschland landet im internationalen Vergleich mit einem DDI von 0,73 auf Platz 25. Damit liegt die Bundesrepublik im Mittelfeld und auf einer Stufe mit Österreich und Thailand. Seit 2010 hat sich Deutschlands digitale Verwundbarkeit um 2,4 Prozentpunkte erhöht. Nach Einschätzung der Studienautoren ist dies vor allem auf die wachsende Abhängigkeit bei Software und IT-Diensten zurückzuführen.
Im Detail ergibt sich für Deutschland ein gemischtes Bild. Positiv fällt auf, dass die deutsche Wirtschaft innerhalb Europas die geringste Abhängigkeit bei Patenten im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie aufweist. Im weltweiten Maßstab reicht das jedoch nicht aus: Der Abstand zu den USA beträgt 26 Prozent, zu China 20 Prozent und zu Südkorea 12 Prozent.
Große Defizite bei Plattformen
Wie viele andere europäische Staaten ist Deutschland bei digitalen Plattformen nahezu vollständig auf Anbieter aus dem Ausland angewiesen. Das betrifft etwa Betriebssysteme, Suchmaschinen und Cloud-Angebote. Gemeinsam mit Ländern wie Frankreich, Italien und Großbritannien zählt Deutschland laut Studie zu einer Gruppe postindustrieller Staaten, die zwar über starke Industrie- und Forschungsstrukturen verfügen, bei eigenen Plattform-Ökosystemen jedoch deutliche Schwächen haben.
Im europäischen Durchschnitt zeigt sich dabei eine klare Spaltung: Bei IT-Dienstleistungen mit einem Wert von 0,42 und bei Hardware mit 0,59 fällt die Abhängigkeit noch vergleichsweise moderat aus. Bei Plattformen mit 0,98 und Patenten mit 0,99 ist Europa hingegen nahezu vollständig auf Drittstaaten angewiesen.
Die Forscher weisen zudem auf eine mögliche Verzerrung der Statistik durch den sogenannten Irland-Effekt hin. Der vergleichsweise niedrige Abhängigkeitswert Irlands von 0,40 sei vor allem darauf zurückzuführen, dass zahlreiche große US-Konzerne aus steuerlichen Gründen dort ihren europäischen Sitz haben. Wird Irland aus der Berechnung herausgenommen, verwandelt sich Europas Handelsbilanz bei digitalen Dienstleistungen in den Jahren 2022 bis 2024 von einem Überschuss in ein deutliches Defizit von rund 350 Milliarden US-Dollar.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber