Wirtschaft

Regierung warnt vor Konjunktur-Knick

Iran-Krieg trifft Deutschland härter als gedacht: Die Wirtschaft schwächelt spürbar – und der Ausblick wird noch düsterer.

15.05.2026, 09:33 Uhr

Die Folgen des Kriegs im Iran belasten die deutsche Wirtschaft zunehmend. Nach dem überraschend robusten Jahresauftakt rechnet die Bundesregierung im zweiten Quartal mit einem deutlichen konjunkturellen Rückschlag. Im Mai-Bericht zur wirtschaftlichen Lage verweist das Bundeswirtschaftsministerium auf immer mehr Hinweise für eine spürbare Abschwächung.

Bereits vor mehr als drei Wochen hatte die Bundesregierung ihre Prognose für das laufende Jahr deutlich gesenkt. Erwartet wird nur noch ein minimales Wachstum von 0,5 Prozent. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht in der Eskalation im Nahen Osten einen zentralen Belastungsfaktor. Der Iran-Krieg verteuere Energie und Rohstoffe und werfe Deutschland ebenso wie andere Volkswirtschaften wirtschaftlich zurück.

Zum Jahresbeginn hatte sich die deutsche Wirtschaft zunächst noch widerstandsfähig gezeigt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts legte das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent zu.

Preissprünge, Lieferprobleme und Unsicherheit

Für das zweite Quartal fällt der Ausblick nun deutlich schwächer aus. Laut Ministerium deuten aktuelle Indikatoren auf einen spürbaren Dämpfer hin. Belastend wirken vor allem steigende Preise, angespannte Lieferketten und die hohe Unsicherheit, die sowohl Unternehmen als auch private Haushalte vorsichtiger werden lässt.

Zugleich dürfte die Lage an den Energie-, Rohstoff- und Finanzmärkten in den kommenden Monaten sehr volatil bleiben. Wie stark die deutsche Wirtschaft getroffen wird, hängt nach Einschätzung der Regierung maßgeblich davon ab, wie lange der Konflikt im Nahen Osten andauert und wie sehr Handelswege sowie Produktionskapazitäten beeinträchtigt bleiben.

Selbst wenn sich die Lage beruhigt, dürften die Folgen noch länger nachwirken. Das betrifft insbesondere Energie- und Rohstoffpreise sowie die Lieferketten.

Ölpreise steigen, Entlastungen im Gespräch

Seit Beginn des Iran-Kriegs sind die Ölpreise kräftig gestiegen. Ein wesentlicher Grund ist, dass die für den weltweiten Ölhandel wichtige Straße von Hormus faktisch geschlossen ist. In Deutschland zeigt sich das vor allem an höheren Spritpreisen.

Bis Ende Juni gilt noch ein von der Bundesregierung beschlossener Tankrabatt. Politiker der schwarz-roten Koalition hatten für den Fall eines länger anhaltenden Konflikts im Nahen Osten zusätzliche Entlastungen in Aussicht gestellt.

Energieintensive Industrie verliert Produktion und Jobs

Besonders stark unter Druck stehen energieintensive Branchen. Nach Daten des Statistischen Bundesamts sank die Produktion in ausgewählten Bereichen wie Chemie, Papier, Glas und Metallerzeugung seit Februar 2022 um 15,2 Prozent. In der gesamten Industrie fiel der Rückgang im gleichen Zeitraum mit 9,5 Prozent deutlich geringer aus. Berücksichtigt sind dabei Daten bis einschließlich März dieses Jahres.

Mit dem Produktionsrückgang gingen auch Arbeitsplätze verloren. Im März 2026 waren in energieintensiven Industriezweigen noch 794.400 Menschen beschäftigt. Das waren 6,3 Prozent weniger als im Februar 2022, also rund 53.200 Stellen weniger.

Stimmung in der Wirtschaft trübt sich weiter ein

Auch die Stimmungsindikatoren haben sich seit Beginn des Iran-Kriegs merklich verschlechtert. Unternehmen sorgen sich vor weiter steigenden Energie- und Rohstoffkosten. Gleichzeitig werden Belastungen durch angespannte Lieferketten zunehmend spürbar.

Besonders deutlich ist die Eintrübung inzwischen im Wohnungsbau. Laut einer Konjunkturumfrage fiel das Geschäftsklima im April von minus 19,3 auf minus 28,4 Punkte. Das ist der stärkste Rückgang seit April 2022 und der kräftigste Einbruch seit rund vier Jahren.

Vor allem die Erwartungen für die kommenden Monate verschlechterten sich erheblich, aber auch die Bewertung der laufenden Geschäfte fiel schwächer aus. Nach Einschätzung des Ifo-Instituts belastet die geopolitische Unsicherheit den Wohnungsbau inzwischen spürbar. Hinzu kommen fragile Lieferketten und steigende Finanzierungskosten.

Auch Materialengpässe nehmen wieder zu. Im April meldeten 9,2 Prozent der befragten Wohnungsbauunternehmen Einschränkungen bei der Materialversorgung, vor allem bei Grundstoffen. Zuvor hatte dieser Wert über mehr als zwei Jahre nur bei rund einem Prozent gelegen.

Regierung plant Reformpaket bis zur Sommerpause

Angesichts der schwächeren Konjunktur wächst der Druck auf die Bundesregierung, strukturelle Reformen voranzutreiben. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zur Priorität erklärt. Wirtschaftsverbände fordern vor allem Entlastungen mit Blick auf steigende Sozialabgaben.

Bis zur parlamentarischen Sommerpause Mitte Juli will die Koalition ein größeres Reformpaket auf den Weg bringen. Geplant sind Maßnahmen bei Rente, Steuern, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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