Streit um Heringsfang in der Ostsee
Ob Fischer an der deutschen Ostseeküste auch im kommenden Jahr noch im Rahmen einer Ausnahmeregelung gezielt Hering fangen dürfen, ist offen. Nach dem Vorschlag der EU-Kommission eher nicht: Für die anstehenden Beratungen der EU-Fischereiminister Anfang nächster Woche empfiehlt Brüssel, diese Ausnahme auslaufen zu lassen. Der Rostocker Fischereiforscher Christopher Zimmermann hält das für den falschen Weg.
Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, bezeichnete die bisherige Regelung als letzten wichtigen Ansatzpunkt für die Küstenfischerei. Die derzeit noch erlaubten Mengen beim Hering der westlichen Ostsee hätten seiner Einschätzung nach keinen spürbaren Einfluss mehr auf die Entwicklung des Bestands.
Der Naturschutzbund Nabu widerspricht. Angesichts der schlechten Lage der Heringsbestände müsse jedes laichfähige Tier geschont werden, damit sich die Population trotz der zusätzlichen Belastungen durch die Klimakrise überhaupt erholen könne, sagte Meeresschutzexperte Kim Cornelius Detloff. Aus seiner Sicht sind selbst die bisherigen Ausnahmen für die passive Fischerei nicht mehr angemessen.
Kaum noch Spielraum bei Hering und Dorsch
Im Kern geht es um kleinere Boote unter zwölf Metern, die mit passiven Fanggeräten wie Stellnetzen arbeiten. Sie durften bislang unter bestimmten Bedingungen weiter gezielt Hering fangen. Ansonsten war in der westlichen Ostsee nur noch das Anlanden unbeabsichtigter Beifänge erlaubt. Laut Zimmermann spielt das praktisch kaum noch eine Rolle. Früher habe es in der Dorschfischerei noch Heringsbeifänge gegeben, inzwischen gebe es aber faktisch auch keine Dorschfischerei mehr.
Auch Dorsch darf in der westlichen Ostsee schon länger nicht mehr gezielt gefangen werden, sondern allenfalls noch als Beifang. Beide Arten galten früher als wirtschaftliche Grundlage vieler Küstenbetriebe.
Jedes Jahr im Oktober legen die EU-Staaten die Fangobergrenzen für die Ostsee fest. Diese werden anschließend über nationale Quoten verteilt. Grundlage ist jeweils ein Vorschlag der EU-Kommission, die sich dabei auf wissenschaftliche Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) stützt. Zimmermann gehört diesem Gremium selbst an.
EU will Fangmengen weiter senken
Für das kommende Jahr schlägt die EU-Kommission vor, die erlaubte Heringsmenge als Beifang in der westlichen Ostsee fast zu halbieren. Beim westlichen Dorsch soll die zulässige Menge sogar um beinahe 90 Prozent sinken.
Zimmermann plädiert stattdessen dafür, die bisherigen Regeln unverändert fortzuschreiben. Die Fischerei habe auf diese Bestände kaum noch messbaren Einfluss, sagte er. Beim westlichen Hering seien im Vergleich zu 2017 nur noch rund drei Prozent der damaligen Quote übrig.
Hinzu komme, dass selbst diese kleinen Mengen von den Fischern vor Ort oft nicht ausgeschöpft würden. In Vorpommern etwa fressen Kegelrobben Heringe aus den Stellnetzen. Dazu kommen hohe Dieselpreise und witterungsbedingte Probleme wie der Eiswinter in diesem Jahr. Wirtschaftlich lohne sich die Fischerei dadurch immer weniger.
Umwelt und Klima bremsen die Erholung
Dass sich die Bestände trotz nahezu stillgelegter Fischerei nicht erholen, hat nach Ansicht von Fachleuten mehrere Ursachen. Neben der früheren Überfischung spielen Umweltveränderungen und der Klimawandel eine große Rolle. Beim Dorsch in der westlichen Ostsee ist das Problem besonders deutlich: In den oberen Wasserschichten wird es ab Juli zu warm, in tieferen Bereichen fehlt gleichzeitig Sauerstoff. Dadurch schaffen es viele Tiere nicht bis ins Erwachsenenalter.
Nährstoffe und Abgase verschärfen die Lage
Zum Sauerstoffmangel tragen Nährstoffeinträge bei, die das Algenwachstum fördern. Wenn diese Algen später von Bakterien zersetzt werden, wird zusätzlich Sauerstoff verbraucht. Für die Ostsee insgesamt stammt ein großer Teil dieser Einträge aus der Landwirtschaft, etwa durch überschüssigen Dünger. Für Deutschland sei der wichtigste Eintrag laut Zimmermann jedoch jener aus der Atmosphäre. Gemeint sind unter anderem Stickoxide aus Dieselmotoren sowie aus Öl- und Gasheizungen.
Beim Hering sorgen wiederum milde und späte Winter dafür, dass die Entwicklung des Nachwuchses durcheinandergerät. Trotzdem hätte sich Zimmermann vorstellen können, den Fang des westlichen Herings im kommenden Jahr in sehr begrenztem Umfang wieder etwas weiter zu öffnen.
Streit über die richtigen Maßstäbe
Nach Erkenntnissen des Thünen-Instituts wird der westliche Heringsbestand infolge des Klimawandels nie wieder so produktiv sein wie noch vor drei Jahrzehnten. Deshalb, so Zimmermann, müsse auch neu bewertet werden, ab welchem Niveau eine nachhaltige gezielte Fischerei wieder möglich sei. Der ICES halte bislang jedoch an alten Referenzwerten fest, die aus seiner Sicht nicht mehr erreichbar seien.
Anderswo in der Ostsee teils bessere Aussichten
Für andere Bestände schlägt die EU-Kommission teilweise sogar höhere Fangmengen vor. Das gilt etwa für die Sprotte, die für die Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern allerdings kaum Bedeutung hat. Beim Hering in der zentralen Ostsee ist sogar ein Plus von rund 50 Prozent vorgesehen.
Warum sich der Hering dort bislang besser entwickelt als im Westen, ist laut Zimmermann wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Erwärmung im Frühjahr dort zeitweise sogar zu mehr Nachwuchs führe. Dauerhaft müsse das aber nicht so bleiben. Nach dieser Hypothese könnten die östlichen Heringsbestände später vor denselben Problemen stehen, mit denen der westliche Hering bereits heute kämpft.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber