Christine Lagarde beendet ihre Amtszeit als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) früher als geplant. Die Notenbank in Frankfurt teilte wenige Stunden vor ihrem Zinsentscheid mit, dass die Französin zum 7. Februar 2027 ausscheidet. Darüber habe sie den EZB-Rat sowie EU-Ratspräsident António Costa informiert.
Regulär wäre Lagardes achtjährige Amtszeit erst Ende Oktober 2027 ausgelaufen. Seit dem 1. November 2019 steht sie an der Spitze der EZB; am 1. Januar wird sie 71 Jahre alt. Zuletzt hatten sich Hinweise verdichtet, dass sie künftig die Führung des Weltwirtschaftsforums in Davos übernehmen könnte.
Ihre Entscheidung begründete Lagarde nun auch politisch und persönlich. Sie wolle Rede- und Meinungsfreiheit und die Freiheit, sich mit Themen zu befassen, die nicht zur Geldpolitik gehörten. In der aktuellen Zeit könne sie nicht neutral bleiben, wie es ihre Rolle als Notenbankchefin verlange, sagte sie. Zudem werde Wahrheit ihrer Ansicht nach immer wieder durch falsche Darstellungen verzerrt.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte Lagarde als verlässliche Krisenmanagerin. Mit ruhiger Hand habe sie dazu beigetragen, Europas Wirtschaft stabil und widerstandsfähig zu halten.
Führungswechsel in schwieriger Lage
Für die EZB kommt der Rückzug in einer heiklen Phase. Der Iran-Krieg hat die Inflation im Euroraum nach jüngsten Angaben im September auf 3,8 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit drei Jahren getrieben. Das mittelfristige EZB-Ziel von 2,0 Prozent Preissteigerung ist damit vorerst wieder in weitere Ferne gerückt.
Kritik kam aus dem Europaparlament. Markus Ferber, wirtschaftspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion, nannte einen Führungswechsel mitten in einer Phase erhöhter Inflation, nervöser Anleihemärkte und geopolitischer Spannungen das falsche Signal.
Trotz des Inflationsschubs verschob der EZB-Rat eine mögliche dritte Zinserhöhung in diesem Jahr auf seine Dezember-Sitzung. Vorerst bleibt der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bei 2,5 Prozent. Lagarde warnte zugleich, steigende Energiepreise könnten die Inflation weiter anheizen, während zugleich Risiken für das Wachstum bestünden. Sollte sich die Lage nicht grundlegend ändern, sei die Richtung klar, sagte sie mit Blick auf eine mögliche weitere Zinserhöhung.
Suche nach Nachfolger startet sofort
Costa würdigte Lagarde ausdrücklich. Europa habe in unsicheren Zeiten von ihrer Führung und ihrem klaren Bekenntnis zum europäischen Projekt profitiert. Während Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrisen und Inflationsschocks habe sie maßgeblich zur Stabilität und Widerstandskraft des Euroraums beigetragen.
Zugleich kündigte Costa an, das Verfahren zur Bestimmung einer Nachfolge werde noch am selben Tag eingeleitet, um einen reibungslosen Übergang an der EZB-Spitze sicherzustellen.
Auch die Bundesregierung bringt sich bereits in Stellung. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) erklärte, Deutschland werde sein Gewicht als größter Staat im Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle neue Führungsspitze der EZB zu formen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) betonte, nun beginne der im EU-Vertrag vorgesehene Besetzungsprozess, den die Staats- und Regierungschefs der Eurozone bis zum Jahresende abschließen wollten.
Poker um die Nachfolge beginnt
Mit dem früheren Abgang müssen die Staats- und Regierungschefs der 21 Eurostaaten die Besetzung eines der wichtigsten europäischen Spitzenämter schneller als geplant klären. Politisch ist der Zeitpunkt brisant: Frankreichs scheidender Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Merz könnten die Nachfolge noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 auf den Weg bringen.
Völlig überraschend kommt der Schritt nicht. Bereits im Februar 2026 hatte die Financial Times berichtet, Lagarde wolle sich noch vor der Wahl in Frankreich zurückziehen. Als Hintergrund galten Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Abstimmung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone gewinnen und die Neubesetzung an der EZB-Spitze erschweren könnten. Macron darf nicht erneut kandidieren. Im September hatte Lagarde selbst erstmals bestätigt, sie könne die EZB womöglich „ein paar Monate“ früher verlassen.
Mehrere Top-Posten stehen zur Entscheidung an
Für die Nachfolge wird auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel genannt. Deutschland hat in der mehr als 25-jährigen Geschichte der EZB bislang noch nie die Präsidentschaft gestellt.
Als Favoriten gelten allerdings vor allem der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos, heute Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an dem Posten signalisiert hatte, wechselt Anfang Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Washington.
Damit wird in Kürze auch ihr Sitz im sechsköpfigen EZB-Direktorium frei. Zudem endet im Juni 2027 die Amtszeit von Chefvolkswirt Philip R. Lane. Beobachter rechnen deshalb damit, dass in Europa gleich mehrere Spitzenposten gemeinsam neu verhandelt werden.
Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, erwartet, dass die EU-Staats- und Regierungschefs die drei 2027 frei werdenden Direktoriumsposten möglichst als Gesamtpaket vergeben wollen — spätestens beim EU-Gipfel am 17. und 18. Dezember, möglicherweise sogar schon früher. Deutschland dürfte demnach wohl einen Nachfolgekandidaten für Schnabel benennen.
Hürden für einen Deutschen
Als großes Hindernis für einen deutschen EZB-Chef gilt, dass mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche an der Spitze der Europäischen Kommission steht. Zwei Deutsche an der Spitze so wichtiger EU-Institutionen dürften im europäischen Personalpoker nur schwer durchsetzbar sein.
Ein vorzeitiger Rückzug an der Spitze der Notenbank wäre zudem nicht ohne Vorbild. Schon bei der Gründung der EZB setzte Europa auf einen Kompromiss: 1998 wurde nicht ein Vertreter der Schwergewichte Deutschland oder Frankreich Präsident, sondern der Niederländer Wim Duisenberg. Er schied 2003 aus Altersgründen vorzeitig aus. Seine Nachfolger Jean-Claude Trichet und Mario Draghi absolvierten dagegen jeweils die vollen acht Jahre.
Lagarde wollte der EZB einen eigenen Stil geben
Lagarde trat als erste Frau an der Spitze der EZB mit dem Anspruch an, eigene Akzente zu setzen. Themen wie Klimaschutz, die Förderung von Frauen und eine verständlichere Kommunikation der Notenbank rückten stärker in den Fokus. Bei ihrem Amtsantritt kündigte sie an, „jeden Stein umzudrehen“ und betonte, sie habe ihren „eigenen Stil“.
Zugleich musste sie den EZB-Rat wieder stärker zusammenführen. Ihr Vorgänger Mario Draghi hatte kurz vor dem Ende seiner Amtszeit gegen erheblichen Widerstand eine Verschärfung der ultralockeren Geldpolitik mit Null- und Negativzinsen durchgesetzt.
Krisenmanagerin im Euro-Tower
Schneller als erwartet war Lagarde als Krisenmanagerin gefordert. Die Juristin, die anders als ihre drei Vorgänger nie an der Spitze einer nationalen Notenbank stand, übernahm die EZB in einer Phase, die kurz darauf von Corona-Pandemie, Börsenturbulenzen und Ölpreisschocks geprägt wurde. Die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin sowie spätere IWF-Chefin wirkte zu Beginn in ihrer neuen Rolle mitunter noch unsicher.
So sorgte sie zu Beginn der Corona-Krise Anfang März 2020 für Irritationen an den Finanzmärkten, als sie erklärte, sie strebe kein „Whatever it takes 2.0“ an. Nur wenig später reagierte die EZB jedoch mit einem umfangreichen Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen.
Kampf gegen die Inflation prägte ihre Amtszeit
Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine stand die EZB wieder im klassischen Zentrum ihrer Aufgabe: die Inflation einzudämmen und den Euro stabil zu halten. Die Teuerung im Euroraum stieg 2022 zeitweise auf knapp elf Prozent.
Mit einer Serie von zehn Zinserhöhungen in Folge gelang es der EZB, den Preisauftrieb zu bremsen. Zusätzlichen Druck erzeugte später erneut der Ölpreisschock im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg, der die Inflation 2026 wieder steigen ließ. Eine schnelle Entspannung ist nicht in Sicht — der Druck auf die EZB bleibt auch über Lagardes Abschied hinaus hoch.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber