Der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler weitet seinen Sparkurs in Europa deutlich aus. Das Unternehmen will weitere 3.460 Stellen streichen, davon rund 2.660 in Deutschland. Zudem sollen fünf europäische Standorte aufgegeben werden, vier davon in Deutschland.
Als Gründe nennt der MDax-Konzern die anhaltende Krise der Autoindustrie in Europa, hohe Kosten und rückläufige Umsätze in Teilen des Kerngeschäfts. Nach Unternehmensangaben machen die Entwicklung der Branche und strukturelle Probleme zusätzliche Einschnitte notwendig.
Fünf Standorte betroffen, vier davon in Deutschland
Nach Angaben von Schaeffler sollen perspektivisch fünf Standorte geschlossen werden. In Deutschland betroffen sind die Werke in Dortmund, Berlin, Morbach in Rheinland-Pfalz und Schwalbach in Hessen.
Bereits bekannt war, dass das Werk Dortmund mit derzeit rund 430 Beschäftigten aufgegeben werden soll. Auch der Standort Morbach mit etwa 160 Mitarbeitenden steht vor dem Aus. In Berlin sollen die Aktivitäten an dem Standort mit aktuell rund 270 Beschäftigten eingestellt werden.
Auch Schwalbach soll geschlossen werden. Ein Großteil der dort etwa 385 Beschäftigten soll an den Standort Frankfurt wechseln. Insgesamt sind dort nach früheren Unternehmensangaben rund 190 Stellen vom Abbau betroffen.
Darüber hinaus will Schaeffler den Werkzeugbau in Höchstadt einstellen. Im Sondermaschinenbau an den Standorten Erlangen und Schweinfurt sind ebenfalls Anpassungen vorgesehen. Weitere Kapazitäts- und Strukturanpassungen plant der Konzern unter anderem in Herzogenaurach, Bühl, Höchstadt, Nürnberg und Regensburg.
Umsetzung bis Ende 2028 geplant
Die Sparmaßnahmen sollen nach Unternehmensangaben im Wesentlichen bis Ende 2028 umgesetzt werden. Der Abschluss ist für 2029 vorgesehen.
Vorstand fordert Gehaltsverzicht und will selbst beginnen
Ergänzt werden soll das Sparprogramm durch einen temporären Gehaltsverzicht der verbleibenden Belegschaft. Dieser sogenannte „Solidaritätsbeitrag“ gilt aus Sicht des Vorstands inzwischen als wichtigstes Element des Programms.
Konzernchef Klaus Rosenfeld sagte RTL/ntv, der Vorstand wolle dabei selbst den Anfang machen: Die Konzernspitze soll auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten. Über die konkreten Details für die übrige Belegschaft muss jedoch noch verhandelt werden.
Rosenfeld bekräftigte zugleich das Bekenntnis zum Standort Deutschland. Aus Sicht der Unternehmensführung soll der Solidaritätsbeitrag helfen, heimische Standorte zu stützen.
Schwache Zahlen und hoher Kostendruck
In den ersten neun Monaten des Jahres sank der Umsatz von Schaeffler leicht auf 17,5 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von elf Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte der Konzern noch einen Verlust von 244 Millionen Euro verbucht.
Das Unternehmen verweist neben der Branchenkrise vor allem auf den anhaltend hohen Kostendruck. Besonders belastet ist das Geschäft mit Komponenten für Motoren, Getriebe und Fahrwerk. In dieser größten Sparte gehen die Umsätze zurück, weshalb ein erheblicher Teil der geplanten Stellenstreichungen dort ansetzt.
Stellenabbau ist Teil eines größeren Umbauprogramms
Der neue Abbau ist Teil eines umfangreichen Programms zur Ergebnisverbesserung. Schaeffler hatte Anfang 2024 den Konkurrenten Vitesco übernommen. Dadurch stieg die weltweite Mitarbeiterzahl zunächst von gut 83.000 auf rund 115.000 zum Jahresende 2024.
Im selben Jahr beschloss der Vorstand bereits den Abbau von zunächst 4.700 Stellen auf freiwilliger Basis bis 2029. Hinzu kam vor wenigen Wochen ein Altersteilzeitprogramm mit 1.800 geplanten Stellenstreichungen.
Ende September beschäftigte Schaeffler in Deutschland noch 31.957 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gemessen daran würde die Belegschaft hierzulande durch die verschiedenen Programme um rund 18 Prozent schrumpfen – also nahezu um ein Fünftel.
Ziel des laufenden Programms ist es, Überkapazitäten abzubauen, Entwicklungskapazitäten anzupassen, Personalkosten zu senken und die Organisation weniger komplex zu machen. Nach früheren Unternehmensangaben sind in Europa insgesamt 16 Standorte von Maßnahmen betroffen. Rund 50 Prozent der wegfallenden Stellen entfallen auf die Produktion, etwa 30 Prozent auf Forschung und Entwicklung und weitere 20 Prozent auf andere Funktionsbereiche.
Einsparziel ab 2030
Durch die Maßnahmen soll sich das jährliche Ergebnis des Unternehmens ab 2030 um 300 Millionen Euro verbessern. Die Einmalkosten des Programms bezifferte Schaeffler auf rund 480 Millionen Euro.
Warum Schaeffler unter Druck steht
Schaeffler ist in vier Geschäftsbereichen aktiv. Die größte Sparte liefert Komponenten für Verbrenner- und Elektroautos. Gerade im klassischen Zuliefergeschäft geraten die Erlöse unter Druck. Vor allem bei Komponenten für Motoren, Getriebe und Fahrwerk sinken die Umsätze. Andere Bereiche wie Elektromobilität, Autoersatzteile sowie das Geschäft mit Industriekunden konnten ihre Umsätze zwar steigern, teils aber nur begrenzt.
Zulieferer hängen an den Autobauern
Hinzu kommt die starke Abhängigkeit von den großen Autoherstellern. Wenn Konzerne wie VW oder BMW sparen, bekommen Zulieferer den Druck meist früh zu spüren – etwa durch harte Preisverhandlungen oder ausbleibende Preiserhöhungen trotz gestiegener Kosten.
Konkurrenz aus China verschärft den Druck
Ein zusätzlicher Belastungsfaktor ist die Konkurrenz aus China. Der Aufstieg chinesischer Autobauer hat die Marktverhältnisse innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Laut Branchenangaben exportierten Hersteller aus der Volksrepublik 2025 bereits rund acht Millionen Autos. Europa ist ein wichtiges Ziel dieser Exportoffensive.
Zugleich verlieren deutsche Hersteller nicht nur in China Marktanteile, sondern zunehmend auch in anderen Ländern. Viele chinesische Autobauer sind trotz staatlicher Unterstützung hoch verschuldet und sitzen auf nicht ausgelasteten Kapazitäten. Das verschärft den internationalen Preiskampf zusätzlich. Weil der Autoabsatz in China zuletzt nachgab, wächst der Exportdruck weiter – und damit auch der Wettbewerbsdruck auf europäische Zulieferer wie Schaeffler.
Ein vergleichbares Sparprogramm in China plant Schaeffler nach Angaben eines Sprechers nicht. Zur Begründung verweist das Unternehmen auf deutlich flexiblere Arbeitsmärkte und niedrigere Personalkosten als in Deutschland.
Scharfe Kritik von IG Metall und Betriebsrat
Die IG Metall und der Konzernbetriebsrat reagierten mit deutlicher Kritik auf das neue Sparprogramm. Konzernbetriebsratschef Uli Schoepplein warf der Unternehmensführung vor, den Standort Deutschland nicht zu stärken, sondern zu schwächen.
Wörtlich erklärte Schoepplein: Wer immer neue Abbauprogramme auflege, Standorte schließe und die Personalkosten senken wolle, stärke Deutschland nicht, sondern schwäche es.
Auch der IG-Metall-Unternehmensbeauftragte Thomas Höhn kritisierte, Schaeffler habe zwar ein detailliertes Abbaukonzept für Deutschland und zugleich eine globale Wachstumsstrategie präsentiert. Es fehle aber die Verbindung zwischen beidem.
Arbeitnehmer fordern ein Zukunftskonzept
Die Arbeitnehmervertreter verlangen deshalb ein Zukunftskonzept für die deutschen Standorte. Aus ihrer Sicht braucht es eine klare Antwort darauf, welche Produkte und Technologien künftig in Deutschland entwickelt und gefertigt werden, wo investiert werden soll und wie viel Beschäftigung bis 2030 gesichert werden kann.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber