Bundesweite Proteste an mehreren Mercedes-Standorten
Zehntausende Beschäftigte von Mercedes-Benz haben am Freitag in mehreren deutschen Werken gegen die geplante Verschärfung des Sparkurses protestiert. Die IG Metall hatte zu den Aktionen vor den Werkstoren aufgerufen. Besonders sichtbar war der Protest in Sindelfingen: Vor Tor 7 sorgten Trillerpfeifen und Schläge auf ein rot lackiertes Ölfass für lautstarke Protestbilder.
In Baden-Württemberg, dem Kernland des Autobauers, gab es Kundgebungen unter anderem in Sindelfingen, Stuttgart-Untertürkheim, Rastatt und Kuppenheim. Weitere Aktionen fanden laut Gewerkschaft in Bremen, Berlin, Hamburg und Germersheim statt. Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich bundesweit mehr als 33.000 Beschäftigte. Mercedes sprach ohne die Kundgebung in Berlin von rund 15.750 Teilnehmern.
Unterschiedliche Angaben zur Beteiligung in Sindelfingen
Am traditionsreichen Werk in Sindelfingen, wo unter anderem die S-Klasse gebaut wird, bezifferte die IG Metall die Zahl der Teilnehmer auf rund 20.000. Ein Unternehmenssprecher nannte dagegen 10.000 Protestierende.
Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali wandte sich in Sindelfingen direkt an die Belegschaft. Zuvor hatte er erklärt, die Beschäftigten seien mit den Plänen des Vorstands und dem aus ihrer Sicht verbundenen Abbau sozialer Standards nicht einverstanden. Hart erkämpfte Errungenschaften dürften nicht zurückgedreht werden, so der Tenor seiner Kritik.
IG Metall kündigt weitere Aktionen in der Autoindustrie an
Die Gewerkschaft versteht die Mercedes-Proteste als Auftakt für weitere bundesweite Aktionen. Für den 9. Juli ist in Stuttgart unter anderem ein Autokorso von Beschäftigten der Autoindustrie geplant. Auch beim Volkswagen-Konzern sollen nach Angaben der IG Metall weitere Protestaktionen folgen.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte bei einer Kundgebung in Düsseldorf, Wettbewerbsfähigkeit dürfe nicht über schlechtere Arbeitsbedingungen organisiert werden. Entscheidend seien vielmehr Investitionen in zukunftsfähige Produkte, Standorte und Beschäftigte.
Bereits im Vorfeld hatte die Gewerkschaft der Branche einen konfliktreichen Sommer und Herbst angekündigt, falls Hersteller und Zulieferer weiter auf Stellenabbau und Verlagerungen setzen. Die IG Metall verweist darauf, dass im vergangenen Jahr rund 50.000 Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie weggefallen seien.
Mercedes setzt auf Dialog und sieht Produktion abgesichert
Ein Sprecher von Mercedes-Benz erklärte, das Unternehmen nehme die Sorgen und Unsicherheiten der Belegschaft ernst. Man setze weiter auf einen verantwortungsvollen Dialog und bewerte die Arbeitsniederlegungen entlang der geltenden rechtlichen und betrieblichen Regelungen.
Zugleich teilte der Konzern mit, mögliche Auswirkungen auf die Produktion könnten durch die hohe Flexibilität in den Werken zeitnah aufgefangen werden. Bereits zuvor hatte Mercedes betont, den Betriebsrat frühzeitig über schwierige Entscheidungen zu informieren und dessen kritische Haltung zur geplanten Produktivitätsoffensive zu respektieren.
Vorstand verweist auf dramatische Lage in Deutschland
In einem Schreiben an die Beschäftigten in Deutschland hatte der Vorstand von Mercedes-Benz Ende vergangener Woche erklärt, der Konzern müsse weiterhin mit hohem Tempo die Kosten senken, um bei den Produktpreisen wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Lage am Standort Deutschland sei derzeit „dramatisch“.
Als Sofortmaßnahme sollen etwa 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten in Deutschland ihre tarifliche Sonderzahlung im Juli nicht wie erwartet erhalten. Die Zahlung wird stattdessen auf das kommende Jahr verschoben. Dabei handelt es sich um den sogenannten Transformationsbaustein in Höhe von 18,4 Prozent des individuellen monatlichen Regelentgelts. Nach Angaben der IG Metall kann diese Sonderzahlung in wirtschaftlich schwierigen Betrieben verschoben oder ausgesetzt werden.
Darüber hinaus will das Unternehmen Abläufe beschleunigen, Strukturen verschlanken und die Kosten pro Arbeitsstunde senken. In den kommenden Wochen soll außerdem mit dem Betriebsrat über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich gesprochen werden.
Debatte um die 35-Stunden-Woche gewinnt neue Brisanz
Die Diskussion über eine mögliche längere Arbeitszeit berührt einen alten Kernkonflikt der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Die 35-Stunden-Woche war das Ergebnis jahrelanger Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern. Nach langen Arbeitskämpfen in den 1980er Jahren wurde zunächst die 37-Stunden-Woche eingeführt, später die 36-Stunden-Woche und 1995 in den westdeutschen Bundesländern schließlich die 35-Stunden-Woche erreicht.
In Ostdeutschland ist diese Wochenarbeitszeit nach Angaben der IG Metall noch nicht überall flächendeckend umgesetzt, die Angleichung schreitet demnach aber voran.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber