Milliardenwerte im Elektroschrott der EU bleiben ungenutzt
In alten Haushaltsgeräten und ausrangierter Unterhaltungselektronik liegen in der Europäischen Union Rohstoffe im Wert von mehr als 65 Milliarden Euro brach. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Analyse der Boston Consulting Group (BCG) und der Initiative Cradle to Cradle Electronics, die zur IFA in Berlin vorgestellt wurde. Die Studienautoren sehen darin nicht nur ein großes wirtschaftliches Potenzial, sondern warnen auch vor erheblichen Risiken für Europas Industrie durch die starke Abhängigkeit von geopolitisch sensiblen Lieferketten. Sie fordern deshalb ein grundsätzlich anderes Produktdesign nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft.
Hohe Abhängigkeit von Importen
Laut dem Bericht stecken jedes Jahr rund 1,6 Millionen Tonnen kritischer und strategischer Rohstoffe in Geräten, die neu auf den EU-Markt kommen. Dazu zählen unter anderem Kupfer, Aluminium, Lithium, Kobalt und seltene Erden. Ein großer Teil dieser Materialien wird nahezu vollständig aus Nicht-EU-Staaten bezogen. Besonders groß ist die Abhängigkeit von China, das bei schweren seltenen Erden eine dominierende Stellung einnimmt.
Teure Beschaffung, schwache Rückgewinnung
Für Hersteller wird die Versorgung mit diesen Rohstoffen immer kostspieliger. Gründe dafür sind unter anderem Exportauflagen, Engpässe bei Halbleitern sowie die stark steigende Nachfrage durch den Ausbau von KI-Rechenzentren. Gleichzeitig wird das Material aus Altgeräten in Europa bislang nur unzureichend zurückgewonnen.
Zwar entstehen jährlich mehr als 13 Millionen Tonnen Elektroschrott, doch die offizielle Sammelquote liegt nur bei etwa 43 Prozent. Hinzu kommt, dass in europäischen Haushalten schätzungsweise 700 Millionen ungenutzte Smartphones lagern. In ihnen sind rund 50.000 Tonnen strategisch wichtiger Rohstoffe gebunden.
Wertstoffe gehen häufig verloren
Nach Einschätzung der Autoren liegt ein weiteres Problem in der Behandlung des Elektroschrotts. Viele Altgeräte würden geschreddert, verbrannt oder illegal ins Ausland gebracht. Dadurch gingen wertvolle Metalle und wiederverwendbare Bauteile verloren, statt erneut in den Produktionskreislauf zurückzukehren.
Geräte als Rohstofflager denken
Als Lösung schlägt die Studie das Konzept „Cradle to Cradle“ (C2C) vor. Demnach sollten Elektrogeräte von Anfang an als Materialbanken entwickelt werden: frei von problematischen Stoffen, leicht zerlegbar und modular aufgebaut. So könnten einzelne Bestandteile wie Motoren oder Elektronikmodule gezielt repariert, überarbeitet und erneut eingesetzt werden.
Vor allem bei großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen, die noch vielfach in Europa produziert werden, sehen die Autoren großes Potenzial. Durch besser organisierte Kreisläufe könnte dort bis zu die Hälfte des Materialbedarfs für neue Geräte eingespart werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber