Siemens-Energy-Chef warnt vor wachsender Gefahr für Deutschlands Energie-Infrastruktur
Nach Einschätzung von Siemens-Energy-Vorstandschef Christian Bruch ist die Energie-Infrastruktur in Deutschland derzeit stärker bedroht als in vielen anderen europäischen Staaten. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte er, man müsse akzeptieren, dass sich kritische Infrastruktur nicht lückenlos absichern lasse. Zugleich habe sich die Gefährdung in den vergangenen zwölf bis 18 Monaten spürbar verschärft.
Bruch begründete dies auch mit der besonderen Rolle Deutschlands. Als großes Land, das in einem Konfliktfall als Transitland fungieren und eine zentrale Funktion übernehmen würde, sei die Bundesrepublik besonders verwundbar. Dieses Risiko müsse sowohl der Politik als auch der Bevölkerung klar sein.
Zuletzt hatten Vorfälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen Aufmerksamkeit erregt, bei denen das Stromnetz attackiert worden war. Nach Einschätzung der Ermittler spricht vieles dafür, dass in beiden Fällen verfassungsfeindliche Sabotage dahintersteht.
Forderung nach zivilem Operationsplan
Aus Sicht des Siemens-Energy-Chefs ist es dringend notwendig, rasch einen zivilen Operationsplan zu erarbeiten, um in Krisensituationen handlungsfähig zu sein. Dabei gehe es unter anderem um den Schutz der Strom- und Wasserversorgung sowie um die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung. Deutschland müsse sich darauf vorbereiten, weil solche Vorfälle Teil sogenannter hybrider Angriffe sein könnten.
Bruch verwies darauf, dass sowohl die Zahl solcher Zwischenfälle als auch die Intensität von Cyberangriffen auf Infrastruktur deutlich zunehme. Die neue Bedrohungslage verlange deshalb ein systematisches Vorgehen. Entscheidend sei, Schäden schnell beheben zu können. Derzeit sei Deutschland dafür noch nicht ausreichend aufgestellt. Die gesetzlichen Grundlagen seien zwar vorhanden, nun müsse aber zügig praktische Einsatzfähigkeit hergestellt werden.

Schnelle Reparaturen statt Illusion vollständigen Schutzes
Vollständiger Schutz kritischer Infrastruktur sei kaum realistisch, räumte Bruch ein. Mit vergleichsweise einfachen Mitteln lasse sie sich stören. Deshalb müsse neben dem Schutz vor allem die Fähigkeit verbessert werden, Schäden schnell zu reparieren. Gemeint seien spezialisierte Einsatzteams, die im Ernstfall rasch eingreifen können.
Als Beispiel nannte Bruch die Ukraine, wo solche Abläufe angesichts ständiger russischer Angriffe auf kritische Infrastruktur bereits gut organisiert seien. Wichtig seien dort vor allem kurze Meldewege und genaue Kenntnisse darüber, wo Ersatzteile lagern. Aus seiner Sicht ist das bedeutsamer, als anzunehmen, man könne sämtliche Anlagen vollständig sichern.
Zudem müsse Resilienz von Beginn an in die Steuerung und Absicherung der Infrastruktur einbezogen werden. Auch die Sichtbarkeit sensibler Einrichtungen sieht Bruch kritisch. In Deutschland werde oft sehr deutlich kenntlich gemacht, wo sich wichtige Anlagen befinden. Das sei aus Sicherheitsgründen nicht unbedingt ideal.
Siemens Energy als globaler Energietechnikkonzern
Siemens Energy wurde 2020 vom Siemens-Konzern abgespalten und als eigenständiges Unternehmen an die Börse gebracht. Der Konzern entwickelt und liefert Technologien für Stromerzeugung und Stromübertragung, für erneuerbare Energien einschließlich Windkraft sowie für industrielle Energieanwendungen. Siemens Energy zählt zu den weltweit führenden Unternehmen der Energietechnik. Im Geschäftsjahr 2025 beschäftigte der Konzern rund 103.000 Menschen weltweit, darunter etwa 27.000 in Deutschland.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber