Wirtschaft

Hängt Afghanistans Zukunft an Frauenarbeit?

Fünf Jahre Taliban – und ausgerechnet Afghanistans Unternehmerinnen werden zum überraschenden Hoffnungsschimmer im Krisenland.

15.08.2026, 03:00 Uhr

Langsam löst Rukia Resai rot schimmernde Seifen aus einer Silikonform und stapelt sie vorsichtig übereinander. In der kleinen Werkstatt im Westen Afghanistans liegt der Duft von Kräutern, Safran und Kurkuma in der Luft. Die Produktion läuft auf Hochtouren.

Fast fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht steckt Afghanistan weiter in einer schweren humanitären Krise. Nachdem die Islamisten im August 2021 zunächst große Teile des Landes und kurz darauf Kabul eingenommen hatten, verschärften sich Armut und Not spürbar. Dennoch gibt es Frauen, die trotz aller Hindernisse wirtschaftliche Perspektiven schaffen.

Unternehmerin trotz Verbote

Die heute 21-jährige Rukia Resai gründete ihre Seifenmanufaktur vor vier Jahren in Herat. Weil Frauen unter den Taliban viele Bildungswege versperrt sind, konnte sie nicht studieren und musste ihre Schulzeit hastig abschließen. Auch ihr Vater verlor damals seine Arbeit. Inzwischen beschäftigt das Familienunternehmen regelmäßig acht Menschen, bei vielen Bestellungen auch mehr. Resai sagt, die Arbeit habe nicht nur ihr selbst geholfen, sondern auch ihren Schwestern und der gesamten Familie neuen Halt gegeben. Die gemeinsame Tätigkeit habe sich sogar positiv auf die seelische Verfassung aller ausgewirkt.

Immer tiefere Not im Land

Seit der Machtübernahme der Taliban hat sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert. Nach dem Zusammenbruch der früheren Regierung brach zunächst die Wirtschaft ein. Hinzu kamen die weitgehende Isolation vom internationalen Finanzsystem und zurückgehende Hilfszahlungen.

Seifenfabrik in Afghanistan
Rukia Resai war ein weiterer Bildungsweg versperrt. Jetzt ist sie Unternehmerin. Quelle: Fardina Akbari/dpa

In den Wintermonaten könnten nach Schätzungen fast 40 Prozent der Bevölkerung von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein. Rund 3,7 Millionen Kleinkinder gelten als akut mangelernährt. Internationale Hilfsorganisationen beschreiben ihre Programme häufig als unzureichend angesichts des enormen Bedarfs.

Neben fehlendem Geld belastet auch die Rückkehr vieler Menschen das Land. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks sind in den vergangenen fünf Jahren fast 3,9 Millionen Menschen aus den Nachbarstaaten Iran und Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt – teils freiwillig, teils unter Druck. Die Weltbank verweist zwar auf ein gewisses Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr, betont aber zugleich, dass die Bevölkerung pro Kopf durch die starke Zuwanderung deutlich ärmer geworden sei.

Auch die Spannungen mit Pakistan verschärfen die Lage. Im Zuge gegenseitiger Angriffe wurden Grenzübergänge für den Warenverkehr geschlossen. Afghanische Produkte wie Melonen und Nüsse gelangen dadurch nicht mehr wie gewohnt ins Nachbarland, zugleich sind Importe über pakistanische Häfen blockiert.

Frauen unter strengen Auflagen

Zusätzlich erschweren die Taliban den Alltag durch strenge Vorschriften, vor allem für Frauen. Sie dürfen vielerorts nicht mehr regulär in Büros arbeiten, sollen auf Wegen von männlichen Angehörigen begleitet werden und sich vollständig verhüllen. Zudem werden die Regeln regional unterschiedlich und oft willkürlich durchgesetzt.

Wie drastisch diese Einschränkungen sind, zeigt das Beispiel von Ghoncheh Karimi. Die 39-jährige Imkerin fährt seit der Machtübernahme der Taliban täglich als Mann verkleidet mit dem Motorrad zu ihren Bienenstöcken rund um Herat, etwa 15 Kilometer entfernt. Einmal wurde sie deshalb von Taliban festgenommen. Bei dem Verhör habe sie erklärt, sie ziehe es vor, in Männerkleidung ehrlich Geld zu verdienen und ihre Familie zu ernähren, statt sich in Abhängigkeit drängen zu lassen. Danach sei sie wieder freigelassen worden.

Karimi arbeitet seit 18 Jahren als Imkerin. Heute betreut sie 120 Bienenstöcke und bildet sowohl Frauen als auch Männer in diesem Handwerk aus. Mit dem Verkauf von Honig kann sie nach eigenen Angaben den Lebensunterhalt der Familie sichern und sogar medizinische Kosten tragen, etwa für eine Augenoperation ihres Sohnes. Sie sei stolz darauf, mit ihrer Arbeit dazu beizutragen, dass ihre Kinder ihre Ziele verfolgen können.

Offizielle Zusagen und harte Realität

Der stellvertretende afghanische Wirtschaftsminister Latif Nasari erklärte gegenüber der dpa, sein Ministerium unterstütze von Frauen geführte Unternehmen im Rahmen islamischer Vorgaben. Frauen arbeiteten in kleinen und mittleren Betrieben sowie dort, wo es nötig sei, etwa an Flughäfen, bei Banken oder im Sicherheitsbereich. Afghanistan strebe nachhaltiges Wirtschaftswachstum an, an dem auch Frauen unter Berücksichtigung nationaler Werte mitwirkten.

Fachleute zeichnen jedoch ein anderes Bild: Für reguläre Beschäftigungsverhältnisse erhalten Frauen kaum noch Genehmigungen.

Firmen von Frauen oft erfolgreicher

Laut einer Analyse der Weltbank trägt derzeit vor allem der Privatsektor das fragile Wachstum der afghanischen Wirtschaft. Besonders auffällig: Unternehmen, die von Frauen geführt werden, schneiden demnach besser ab als viele männlich geführte Betriebe. Sie steigern ihren Umsatz stärker und stellen schneller zusätzliches Personal ein. Ohne die massiven Einschränkungen für Frauen könnte die Wirtschaft des Landes deutlich besser dastehen.

Wachstum scheitert oft am fehlenden Spielraum

Doch nicht nur Verbote bremsen den Aufstieg vieler Unternehmerinnen, sondern auch fehlendes Kapital und mangelnde Produktionsmöglichkeiten. Rukia Resai würde ihre Seifenproduktion gern deutlich ausbauen. Über soziale Medien vermarktet sie ihre Produkte bereits erfolgreich. Im vergangenen Jahr stand sogar ein größerer Exportauftrag nach Tadschikistan im Raum. Doch ihre kleine Werkstatt konnte die nötige Produktionsmenge nicht leisten – gearbeitet wird bislang in einer nur zwölf Quadratmeter großen Küche.

Nach Resais Eindruck haben sich die Einschränkungen für Frauen in diesem Jahr noch verschärft. Trotzdem setzt sie auf Eigeninitiative. Auf Hilfe von außen zu warten, sei keine Lösung, meint sie. Wer überleben wolle, müsse sich letztlich selbst helfen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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