Wirtschaft

Chemie-Boss warnt: «Lieferketten bleiben noch Monate kaputt»

Was passiert nach der Öffnung von Hormus? Adnoc-Manager Rainer Seele warnt – und sagt, was Europas Chemie jetzt tun muss.

27.05.2026, 04:30 Uhr

Die Weltwirtschaft wird sich nach Einschätzung des deutschen Chemiemanagers Rainer Seele auch im Fall einer baldigen Freigabe der Straße von Hormus noch längere Zeit auf Störungen einstellen müssen. Dem Handelsblatt sagte der frühere Wintershall-Chef, die globalen Lieferketten würden sich nicht sofort normalisieren: Eine Erholung werde vielmehr mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Die USA und der Iran verhandeln derzeit über eine Wiederöffnung der Meerenge, die für den weltweiten Energiehandel von zentraler Bedeutung ist. Vor dem Krieg wurde über die Straße von Hormus rund ein Fünftel der globalen Öl- und Flüssigerdgastransporte abgewickelt. Wegen der weitgehenden Blockade bleiben die Preise hoch – mit Folgen für Unternehmen, Industrie und Verbraucher weltweit.

Große Engpässe auch nach einer Öffnung

Selbst wenn der Seeweg vor der iranischen Küste wieder freigegeben werde, dauere es laut Seele, bis die Lieferungen vor allem in Asien wieder ankommen. Zunächst müssten viele Staaten ihre strategischen Reserven auffüllen. Der Rückstand sei enorm, sagte der Manager, der heute beim staatlichen Ölkonzern Adnoc in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig ist und früher auch den österreichischen Energiekonzern OMV geführt hat.

Die Versorgung mit Rohstoffen dürfte daher aus seiner Sicht noch bis weit in die zweite Jahreshälfte angespannt bleiben. Besonders die Chemieindustrie in Asien werde das zu spüren bekommen. Bei den Energiekosten erwartet Seele dagegen eine schnellere Entlastung. Ein erheblicher Teil des aktuellen Preisniveaus sei auf eine Risikoprämie zurückzuführen, die rasch verschwinden könne, sobald sich eine politische Lösung abzeichne. Dann dürfte auch der Rohölpreis wieder in Richtung des Vorkriegsniveaus von etwa 80 Dollar je Barrel sinken.

Sorge um die Nachfrage

Größere Sorgen bereitet Seele nach eigenen Worten jedoch die schwache Nachfrage. Entscheidend sei, ob nach dem Wiederanfahren der Anlagen überhaupt genügend Abnehmer vorhanden seien. Schon zu Jahresbeginn habe die Weltwirtschaft keine klare Erholung erkennen lassen. Ab März sei die Nachfrage nach Vorprodukten wie Chemikalien vor allem deshalb gestiegen, weil Kunden sich vorsorglich eingedeckt hätten, um ihre Produktion abzusichern. Dahinter stecke jedoch kein nachhaltiger Wachstumstrend.

Die verarbeitende Industrie sehe sich nun mit deutlich höheren Einkaufskosten konfrontiert. Diese würden viele Unternehmen weiterreichen, was letztlich bei den Verbrauchern über steigende Preise ankomme. Seele befürchtet deshalb, dass die Folgen des Golfkonflikts das Vertrauen von Kunden und Konsumenten zusätzlich schwächen könnten. Von den aktuellen Problemen der Lieferketten profitiere Europa seiner Meinung nach allenfalls vorübergehend.

Europas Chemie braucht Innovation statt Massenware

Zwar könne Europa kurzfristig Nutzen daraus ziehen, dass asiatische Wettbewerber derzeit unter Druck stehen. Doch dieser Vorteil werde nicht von Dauer sein. Spätestens im kommenden Jahr dürfte sich der Wettbewerb auf dem Chemimarkt wieder verschärfen, wenn China erneut große Mengen günstiger Produkte auf den Weltmarkt bringe.

Langfristig sieht Seele die Zukunft der europäischen Chemie daher nicht in der Basischemie, sondern in Innovation, Spezialisierung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Gerade in der Grundstoffchemie seien die Aussichten in Europa aus seiner Sicht schlecht. Wegen der hohen Kosten werde dort kaum noch investiert. Produktionen würden vielmehr in Regionen ausgebaut, in denen Rohstoffe reichlich vorhanden und Energiepreise niedrig seien.

Mit standardisierter Massenchemie könne Europa nicht bestehen, so Seele. Deutschland verfüge zwar nur über wenige eigene Rohstoffe, habe aber eine große Stärke bei Forschung und Innovation. Genau darauf müsse die Industrie künftig setzen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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