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Was uns jetzt bleibt? Nur Kopien

Frauen ab 45 im TV? Oft Fehlanzeige oder Klischee. Warum ein Serien-Hit zeigt, dass starke Rollen längst möglich sind.

30.08.2026, 09:00 Uhr

Debatte um Frauenrollen im Fernsehen: Ältere Schauspielerinnen fordern realistischere Figuren

Für Schauspielerin Annika Ernst hat die aktuelle Diskussion eine besondere Pointe: Ausgerechnet in einer Lebensphase, in der sie sich nach eigenen Worten so wohl in ihrem Körper fühlt wie nie zuvor, wird ihr Alter öffentlich zum Thema. Die 47-Jährige hatte vor einigen Wochen bekanntgemacht, dass sie sich über längere Zeit jünger ausgegeben hatte.

Hintergrund sei der Druck in der Branche gewesen. Bei einer früheren Castingshow sei sie älter gewesen als viele Mitbewerberinnen, woraufhin die Produktion ihr Alter kurzerhand um drei Jahre nach unten korrigiert habe. Ernst sagte der Deutschen Presse-Agentur, sie habe lange geglaubt, jünger wirken zu müssen, um weiterhin Rollen zu bekommen. Damit wolle sie nun Schluss machen.

Kritik an einem strukturellen Problem

Der Fall verweist aus Sicht vieler Schauspielerinnen auf ein tiefer liegendes Problem: Mit zunehmendem Alter würden Frauen in Film und Fernsehen seltener besetzt, und wenn doch, dann oft in sehr begrenzten Rollenbildern.

Gesine Cukrowski beschreibt das Angebot als einseitig. Häufig gebe es die verlässliche Großmutter, die sich um die Enkel kümmert. Zentral erzählte Frauenfiguren seien dagegen selten. Falls ältere Frauen doch im Mittelpunkt stünden, dann oft im Zusammenhang mit Krankheit oder tragischen Schicksalen. Aus Gesprächen mit Kolleginnen wisse sie, dass Frauen Ende 50 oder Mitte 60 oft vor allem Rollen mit Demenzbezug angeboten bekämen. Das habe mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen wenig zu tun.

Schauspielerin Gesine Cukrowski
Schauspielerin Gesine Cukrowski engagiert sich für das Thema. (Archivbild) Quelle: Jens Kalaene/dpa

Cukrowski fordert deshalb eine angemessenere Darstellung älterer Frauen. In der Gesellschaft gebe es unzählige starke, interessante Frauen jenseits der 47, deren Geschichten bislang kaum erzählt würden. Stattdessen dominierten stereotype Figuren. Das müsse sich ändern.

Wunsch nach Hauptrollen jenseits von Klischees

Auch Annika Ernst wünscht sich, dass Frauen mit 45 oder 50 ebenso selbstverständlich Hauptfiguren sein können wie Männer. Das entspreche viel eher der Realität. Sie kenne zahlreiche ältere Frauen, die Verantwortung übernähmen, aktiv seien und ihr Leben gestalteten. Im Fernsehen werde diese Stärke bislang zu selten sichtbar.

Zu oft entstehe noch der Eindruck, Frauen hätten ihren Höhepunkt bereits mit Ende 30 überschritten. Dabei beginne danach für viele erst eine besonders spannende Phase. Nach der öffentlichen Korrektur ihres Alters habe Ernst viel verständnisvolle Resonanz erhalten. Für sie könnte das ein Hinweis darauf sein, dass ein Umdenken begonnen hat.

Ihre Vorstellungen von künftigen Rollen sind klar: Frauen mittleren Alters sollten auch in Actionfilmen, Thrillern oder Roadmovies Abenteuer erleben dürfen — und zwar nicht nur als Mutter oder Mentorin der eigentlichen Hauptfigur. Ebenso wünscht sie sich Komödien über Frauen in der Lebensmitte, die ohne Wechseljahres- oder Midlife-Crisis-Klischees auskommen. Auch Liebesgeschichten mit Menschen über 40 sollten selbstverständlicher werden, ohne dass die Frau automatisch deutlich jünger besetzt wird.

„Bridgerton“ als Beispiel

Als positives Beispiel nennt Ernst die Erfolgsserie Bridgerton. Dort gebe es mehrere ältere Frauenfiguren, die kraftvoll, präsent und handlungsbestimmend seien. Solche Konstellationen vermisse sie in deutschen Produktionen.

In der von Shonda Rhimes produzierten Serie, die im Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts spielt, stehen zwar vor allem jüngere Liebesgeschichten im Zentrum. Dennoch prägen auch ältere Frauen die Handlung maßgeblich — etwa Lady Agatha Danbury oder Lady Violet Bridgerton, die als Witwe noch einmal eine neue Liebesgeschichte erlebt.

Männer gelten länger als attraktiv

Dass Männer auch im höheren Alter noch als attraktiv und interessant wahrgenommen werden, sei in der Branche schon lange üblich, sagen Schauspielerinnen. Katy Karrenbauer beobachtet, dass ältere Männer mit grauen Haaren häufig sogar an Ausstrahlung gewinnen. Entsprechend breit sei auch ihr Rollenangebot — etwa in Historien- oder Kriegsfilmen.

Mehr Frauen hinter der Kamera als Teil der Lösung

Unterstützung kommt auch aus der Produktionsbranche. Michelle Müntefering, Chefin der Produktionsallianz, betont, dass bei der Frage der Gleichstellung beides zusammengehöre: Wer erzählt Geschichten, und welche Frauen kommen darin überhaupt vor?

Nach Zahlen der Filmförderungsanstalt wird das Kinopublikum vielfältiger, gerade ältere Zielgruppen gewinnen an Gewicht. Diese Entwicklung müsse sich auch in Stoffen und Figuren widerspiegeln. Einen wichtigen Ansatz sieht Müntefering im Gleichstellungsbonus der FFA. Produktionen können zusätzliche Fördermittel erhalten, wenn Frauen zentrale kreative Funktionen wie Regie oder Drehbuch übernehmen. Mehr Frauen in solchen Schlüsselpositionen könnten dazu beitragen, dass auch vor der Kamera ein breiteres und realitätsnäheres Bild von Frauen entsteht.

Appell gegen Rückschritte

Schauspielerin Anne Ratte-Polle verweist in der Debatte zudem auf die gesellschaftliche Dimension. In Zeiten, in denen es wieder Gegenbewegungen und Rückschritte gebe, sei es besonders wichtig, Frauen jeden Alters sichtbar zu machen und zu stärken. Der Versuch, weiblichen Einfluss zurückzudrängen, sei spürbar — doch Frauen ließen sich nicht mehr so leicht kleinhalten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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