Familiengeschichten haben im Serienkosmos weiterhin Konjunktur – ob im viktorianischen England, in noblen Stadtpalais oder in modernen Villen am Stadtrand. Ein Blick auf die Programme von Streamingdiensten, Mediatheken und Fernsehsendern zeigt: Stoffe über Verwandtschaft, Erbe und Machtkämpfe ziehen das Publikum nach wie vor an.
Neu im ZDF-Streamingangebot ist etwa „The Forsytes – Familie verpflichtet“, eine Neuadaption der Romane von Literaturnobelpreisträger John Galsworthy. Im Mittelpunkt steht eine vermögende Londoner Börsenmaklerfamilie im viktorianischen Zeitalter. Auch anderswo bleibt das Thema präsent: Netflix bringt im September die zweite Staffel der Krimikomödie „The Gentlemen“, in der sich eine Adelsfamilie mit einem Drogenkartell einlässt. Zudem ist die Historienserie „The Gilded Age“, die rivalisierende New Yorker Familien porträtiert, bei den Emmy Awards als beste Dramaserie nominiert.
Warum Familien- und Dynastie-Serien so erfolgreich sind
Streit in der Familie, Loyalität, Konkurrenz und versteckte Machtspiele sind Erfahrungen, mit denen fast jeder etwas anfangen kann. Genau deshalb funktionieren solche Serien in ganz unterschiedlichen Genres, sagt Daniela Schlütz, Medienwissenschaftlerin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Die Spannweite reiche von leichten Formaten wie „Modern Family“ oder „Türkisch für Anfänger“ bis zu ernsteren Reihen wie „Peaky Blinders“ oder romantischen Historienstoffen wie „Bridgerton“.
Ob Liebesdrama oder erbitterter Machtkampf wie in „Succession“: Solche Geschichten bieten viele Anknüpfungspunkte. Nach Einschätzung von Schlütz geht es dabei immer um die Familie als grundlegende Form des menschlichen Zusammenlebens. Deshalb könnten sich viele Menschen in die Figuren und Konflikte hineinversetzen.

Zwischen Zusammenhalt und Freiheitsdrang
Im Kern kreisen viele dieser Produktionen um die Frage, wie Menschen innerhalb einer Familie miteinander umgehen wollen. Häufig entsteht dabei ein Spannungsfeld zwischen dem Erhalt der Familie oder Dynastie auf der einen Seite und dem Wunsch einzelner Mitglieder nach Selbstbestimmung auf der anderen.
Gerade Serien, die in vergangenen Epochen spielen – etwa „Downton Abbey“ oder „The Crown“ – leben zudem von einer nostalgischen Wirkung. In einer unübersichtlichen Gegenwart kann der Blick in eine vermeintlich geordnetere Welt mit klareren Regeln reizvoll sein. Hinzu kommt die Neugier auf vergangene Lebenswelten.
Allerdings, so Schlütz, sollte man Familienserien und Dynastie-Serien nicht gleichsetzen. Zwar ist jede Erzählung über eine Dynastie auch eine Familiengeschichte, doch nicht jede Familienserie handelt von einflussreichen Clans. Oft stehen auch ganz gewöhnliche, eher unauffällige Familien im Mittelpunkt.
Wenn Macht zum zentralen Thema wird
Sobald es um Dynastien geht, kommt meist ein weiterer Aspekt hinzu: Macht. Solche Serien erstrecken sich oft über längere Zeiträume und behandeln Fragen von sozialer Ungleichheit, Klassenverhältnissen und Vetternwirtschaft. Damit reichen ihre Themen deutlich über private Konflikte hinaus.
Dass der britische „Guardian“ 2025 bereits von „Dynastycore“ sprach, also von einem Boom rund um Serien über große Familiengeschichten, passt ins Bild. In diesem Zusammenhang liefen unter anderem „House of Guinness“ über die berühmte Brauereifamilie sowie die dritte Staffel von „The Gilded Age“. Auch „The Forsytes – Familie verpflichtet“ war damals im britischen Fernsehen gestartet und ist nun beim ZDF zu sehen.
Worum es in „The Forsytes“ geht
Die sechsteilige Serie zeigt, wie die scheinbar intakte Welt der wohlhabenden Londoner Familie Forsyte Risse bekommt. Auslöser ist ein Machtkampf zwischen zwei Cousins um die Nachfolge im Familienunternehmen. Gleich zu Beginn formuliert die Matriarchin den Anspruch des Clans: Ein Forsyte müsse den Wert von Aktien, Familie und Ansehen kennen – und dürfe die in ihn gesetzten Erwartungen nicht enttäuschen. Ein Ideal, das kaum zu erfüllen ist.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Reiz solcher Formate. Nach Ansicht von Schlütz spielt oft auch eine gewisse Schadenfreude mit hinein, wenn das sorgfältig gepflegte Bild einer dysfunktionalen Familie zerbricht. Zuschauerinnen und Zuschauer nutzten Serienfiguren häufig für den sozialen Vergleich – um sich selbst einzuordnen oder sich von den Problemen auf dem Bildschirm abzugrenzen.
„Succession“ als Musterbeispiel
Besonders deutlich wird das bei „Succession“ mit Jeremy Strong und Kieran Culkin. Die 2018 gestartete und nach vier Staffeln beendete Serie erzählt von den Intrigen in der Familie eines Medienunternehmers und wurde mit zahlreichen Emmys und Golden Globes ausgezeichnet. Die Familie Roy erinnert dabei an eine Mischung aus den Trumps und dem Umfeld von Medienmogul Rupert Murdoch.
Die Roys erscheinen eitel, selbstgerecht und nachtragend. Ihr Reichtum und ihre gesellschaftliche Stellung werden nicht als bewundernswert inszeniert, sondern eher als unerquicklich und leer. Gerade das macht die Serie bemerkenswert: Sie kommt weitgehend ohne echte Identifikationsfiguren aus und fesselt trotzdem ein großes Publikum.
Ein Dauerbrenner im Fernsehen und beim Streaming
Familien- und Dynastiegeschichten haben Zuschauer schon lange begeistert. Zu den frühen Klassikern zählen die großen 80er-Jahre-Soaps „Dallas“ und „Dynasty“, hierzulande als „Der Denver-Clan“ bekannt.
Neu ist also weniger das Interesse an solchen Stoffen als vielmehr die Masse. Im Zeitalter des Streamings werde enorm viel produziert, sagt Schlütz. Gerade lange Familien- und Dynastie-Serien profitieren davon: Sie eignen sich besonders gut dafür, mehrere Folgen oder ganze Staffeln am Stück zu schauen – und gelten damit als idealer Stoff zum Binge-Watching.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber