Ben Berndt merkte nach eigener Darstellung spätestens dann, dass er im Medienbetrieb angekommen war, als der "Spiegel" nicht in erster Linie über den Inhalt seines mehr als viereinhalbstündigen Gesprächs mit Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke schrieb, sondern über ihn selbst. Das Magazin habe gefragt, wer der Podcaster sei, der Höcke eine so lange Bühne gebe, sagte der 41-jährige Unternehmer aus Köln rückblickend mit erkennbarer Genugtuung.
Das Interview entwickelte sich zu einem Reichweitenhit: Auf YouTube wurde es inzwischen rund 6,1 Millionen Mal angesehen, dazu kommen etwa 118.000 Kommentare sowie mehrere hunderttausend Abrufe auf Plattformen wie Spotify. Kürzlich erhielt Berndt von YouTube außerdem eine Auszeichnung für das Überschreiten der Marke von einer Million Abonnenten – für den deutschen Markt ein außergewöhnlicher Wert.
Konflikt mit der Medienaufsicht in NRW
Berndt gilt inzwischen als auffällige Erscheinung in der deutschen Medienlandschaft. Viele klassische Medien versuchen zu erklären, warum sein Format so erfolgreich ist. Häufig wird argumentiert, dass er mit seinem Stil einen konservativen, teils rechtspopulistischen Zeitgeist bediene.
Diese Deutung erhält zusätzlichen Stoff durch den Streit mit der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen. Die Behörde forderte ihn auf, den Höcke-Podcast nachträglich zu überarbeiten. Der Vorwurf: Berndt habe die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt, weil er Höcke weitgehend ohne kritische Einordnung sprechen ließ. Genau an diesem Punkt setzt jedoch Berndts Selbstverständnis an. Er betrachtet sich nicht als klassischen Journalisten, sondern eher als zugewandten Gastgeber.

Entsprechend kündigt er Widerstand an. Sollte von ihm verlangt werden, sämtliche Episoden zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen, wolle er alle juristischen Mittel ausschöpfen – notfalls bis vor den Bundesgerichtshof, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Joe Rogan als Vorbild
Für Berndts Aufstieg gibt es Parallelen in den USA. Dort führt an Podcast-Star Joe Rogan für viele Politiker kaum ein Weg vorbei. Nach einer verbreiteten Interpretation konnte Donald Trump 2024 bei Rogan viele unentschlossene Wähler erreichen, während seine demokratische Konkurrentin Kamala Harris dem Format fernblieb und die Wahl verlor. Rogan dient auch Berndt selbst als Vorbild. In einer Podcastfolge erzählte er, dass er sich beim Aufbau seines Studios und sogar bei der Auswahl der Mikrofone an Rogans Setup orientiert habe.
Wie Rogan bringt auch Berndt einen Kampfsport-Hintergrund mit. Er trainierte nach eigenen Angaben Krav Maga, das in Israel entwickelte Selbstverteidigungssystem. Auf seiner Website beschreibt er seine persönliche Entwicklung vom "kleinen, dicken Klugscheißer" hin zum Käfigkämpfer in Fight Clubs.
Im dpa-Interview sagte Berndt, dass der Kampfsport ihn auch menschlich verändert habe. Früher habe er Auseinandersetzungen eher gemieden und sich selbst als sehr harmoniebedürftig erlebt. Erst durch das Training habe er gelernt, Konflikte auszuhalten. Nach eigener Darstellung absolvierte er zudem ein duales Studium bei der Lufthansa, bevor er sich mit einem ersten Start-up selbstständig machte.
Vorwürfe wegen politischer Nähe
Die Kombination aus Käfigkampf-Image und einem Höcke-Gespräch ohne spürbare Konfrontation lässt Kritiker vermuten, Berndt bewege sich politisch rechts oder ebne der AfD den Weg. Zu diesen Stimmen gehört auch die frühere SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Sie rief Unternehmen dazu auf, Berndts über Werbung finanzierten Podcast zu boykottieren. Berndt entgegnet darauf knapp, man habe Esken eingeladen, sie habe jedoch sofort abgesagt.
Auffällige und umstrittene Gäste
Sein Podcast begann vor gut vier Jahren vergleichsweise klein – zunächst in der eigenen Küche. Später zog das Format in ein eigenes Studio um. Seitdem führte Berndt Hunderte Gespräche. Anfangs sprach er vor allem mit Bekannten aus der Kampf- und Kraftsportszene, doch bald folgten prominente Namen, darunter etliche Personen, die in klassischen Medien häufig als "umstritten" bezeichnet werden.
Zu seinen Gästen zählten unter anderem Clan-Chef Arafat Abou-Chaker, Philipp Burger von der Band Frei.Wild, die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang sowie der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.
Diekmann kann die Aufregung über das Höcke-Gespräch nur bedingt nachvollziehen. Zwar sei es teils schwer auszuhalten, Höcke viereinhalb Stunden lang zuzuhören. Zugleich erlaube genau diese Länge aber einen direkten Einblick in dessen Denken – etwa wenn er über Migrationspolitik als Mordkomplott oder über einen sogenannten Schuldkult spreche.
Nach Ansicht des Boulevardjournalisten liegt das Versäumnis eher bei den etablierten Medien. Diese müssten ein solches Gespräch auswerten, zuspitzen und die problematischsten Aussagen in den Mittelpunkt stellen, sagte Diekmann der dpa. Aus seiner Sicht habe Berndt Höcke stärker entlarvt als die oft stark choreografierten Interviews aus dem politischen Hauptstadtbetrieb, in denen ritualisierte Fragen häufig auch der Selbstvergewisserung der Interviewer dienten. In solchen Formaten, meint Diekmann, würde Höcke nie so offen sprechen.
Distanz zu klassischen Redaktionen
Auch Melanie Amann, heute Digital-Chefredakteurin der Funke-Mediengruppe und lange beim "Spiegel", ließ sich nach eigener Aussage von Berndts ungeskriptetem Stil inspirieren. Ihr Podcast trägt den Titel "Amann unframed". Beide traten zudem gegenseitig in ihren Formaten auf. Amann machte dabei jedoch deutlich, dass bei Gästen wie Höcke journalistische Einordnung unverzichtbar sei. Berndt hält dagegen: Er spreche einfach mit Menschen – so, wie Menschen es seit Jahrtausenden täten.
Seinen Ansatz erklärt er auch mit grundsätzlicher Skepsis gegenüber dem Journalismus. Viele Journalisten hielten sich für neutraler, als sie tatsächlich seien, sagt er. Deshalb würde es nach seiner Ansicht Redaktionen sogar guttun, wenn dort jeweils auch ein Vertreter mit AfD-naher Perspektive säße. Die AfD sei derzeit eine der erfolgreichsten politischen Kräfte in Deutschland, zugleich aber in vielen Redaktionen besonders unbeliebt. Menschen, die diese Sichtweise tatsächlich verstünden, könnten aus seiner Sicht helfen.
Genau hier zeigt sich ein wesentlicher Teil seines Erfolgsmodells: die bewusste Abgrenzung vom etablierten Medienbetrieb. Berndt, der schon mit 14 Jahren mit Computerteilen handelte und später mit einem Start-up für Babytragen zum Millionär wurde, denkt unternehmerisch. Gäste, die gesellschaftlich stark polarisieren, steigern die Abonnentenzahlen – und nach der Logik digitaler Plattformen auch die Werbeeinnahmen.
Nächste Ziele: Musk, Putin, Rogan
Solange dieses Modell funktioniert, eröffnet sich Berndt ein großes Geschäftsfeld, das weit bis in rechte politische Milieus hineinreicht. Dabei zeigt er hohen Arbeitseinsatz: Mitunter zeichnet er in seinem Studio in einem Kölner Vorort zwei Podcastfolgen pro Tag auf. Das verschaffe ihm zugleich Freiraum im Familienalltag, um sich mit seiner berufstätigen Verlobten bei der Betreuung ihres gemeinsamen Kindes abzuwechseln.
Inzwischen hat er seine Ambitionen weiter ausgeweitet. Ein neues, größeres und repräsentativeres Studio steht kurz vor der Fertigstellung. Auf seiner Wunschliste für künftige Gäste stehen nun Elon Musk, Wladimir Putin, Joe Rogan und Benjamin Netanjahu.
Berndt sagt, er arbeite daran, dass diese Gespräche irgendwann zustande kämen. Am meisten Freude machten ihm Formate, bei denen beide Seiten wirklich Lust auf das Gespräch hätten. Wenn sich ein Gast freue, da zu sein, und er sich gleichermaßen über den Besuch freue, sei das für ihn "wie Kindergeburtstag".
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber