Fußball

England bezwingt Mexiko in purem Drama

Bellingham schockt Mexiko in 2 Minuten, Kane ist Held und Sünder zugleich – und England erlebt ein WM-Drama für die Ewigkeit.

06.07.2026, 05:05 Uhr

England beendet Mexikos Heim-Traum im Aztekenstadion

England hat die WM-Party von Mitgastgeber Mexiko in einem denkwürdigen Achtelfinale beendet und sich im Aztekenstadion mit 3:2 (2:1) durchgesetzt. Vor 80.824 Zuschauern überstanden die Three Lions sogar eine lange Unterzahl und brachten den Vorsprung mit großer Leidenschaft ins Viertelfinale.

Nach dem Abpfiff rang selbst Harry Kane nach Worten. "Ich kann nicht mal sprechen", sagte Englands Kapitän, der an einem wilden Abend Torschütze, Elfmeter-Verursacher und am Ende Jubelfigur zugleich war. Der Auftritt beeindruckte sogar US-Präsident Donald Trump, der auf Truth Social schrieb, Kane sei ein "großartiger Spieler".

Bellingham trifft doppelt, Mexiko antwortet sofort

Die Engländer überstanden den erwarteten aggressiven Beginn der Gastgeber zunächst mit Ruhe und Ballkontrolle. Statt sich auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen, hielten sie das Tempo niedrig und spielten diszipliniert – und waren über weite Strecken der ersten halben Stunde taktisch klar überlegen.

Die erste große Chance hatte dennoch Mexiko: Raúl Jiménez kam per Flugkopfball zum Abschluss, doch Jordan Pickford parierte stark (15.). Erst nach der Trinkpause wurde England offensiv zwingender. Anthony Gordon setzte sich links durch, scheiterte mit seinem flachen Versuch aber an Raúl Rangel (26.).

Dann folgte Englands stärkste Phase – und Jude Bellingham schlug eiskalt zu. Der Real-Madrid-Profi traf in der 36. und 38. Minute binnen kürzester Zeit zum 2:0. Noch vor der Pause meldete sich Mexiko zurück, als Julián Quiñones nach einer unzureichenden Klärung auf 1:2 verkürzte (42.).

Bellingham sprach später von einem der größten England-Siege seit langer Zeit und dem wichtigsten seiner Karriere. Zugleich zollte er dem Gegner Respekt: "Hut ab vor Mexiko."

Drama pur nach der Pause

Auch im zweiten Durchgang blieb die Partie hochdramatisch. Jarell Quansah von Bayer Leverkusen sah in der 54. Minute nach Videobeweis die Rote Karte. Plötzlich mussten zehn Engländer gegen elf Mexikaner und die gewaltige Kulisse im Stadion bestehen.

Kurz darauf stellte Kane die Nerven unter ohrenbetäubenden Pfiffen unter Beweis. Den fälligen Strafstoß verwandelte er in der 60. Minute sicher zum 3:1 und erzielte damit bereits seinen sechsten Treffer im Turnier.

Doch die nächste Wendung ließ nicht lange auf sich warten. Ausgerechnet Kane verursachte wenig später auf der anderen Seite einen Elfmeter. Jiménez nutzte die Gelegenheit und verkürzte in der 69. Minute auf 2:3. Das Stadion tobte wieder – und Pickford musste England mit weiteren starken Paraden im Spiel halten. Zuvor hatte er sich mit Jiménez bereits ein packendes Privatduell geliefert.

Tuchel spricht von einer Achterbahnfahrt

Trainer Thomas Tuchel zeigte sich nach dem Abpfiff tief bewegt. "Was für ein Drama von der ersten Minute an. Was für ein verrücktes Spiel. Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle", sagte der deutsche Coach. "Ich bin so stolz, dass ich dabei sein durfte."

Besonders lobte Tuchel seinen Mittelstürmer: "Harry ist ein einzigartiger Spieler, eine einzigartige Persönlichkeit." Kane befinde sich "im besten Moment seiner Karriere" und sei zugleich ein außergewöhnlicher Teamplayer.

Auch frühere England-Größen waren beeindruckt. Alan Shearer bescheinigte der Mannschaft einen großartigen Auftritt, Wayne Rooney sprach von einem Spiel, das dem Team enormes Selbstvertrauen im Titelrennen geben könne. In englischen Medien wurde die Partie sogar als Englands größter WM-Sieg seit 1966 gewertet – jenem Jahr des bislang letzten Titelgewinns.

Wetter, Höhe und elf Minuten Nachspielzeit

Schon vor dem Anpfiff hatte das Wetter erneut für Probleme gesorgt. Wegen eines Gewitters über Mexiko-Stadt mit Blitz, Donner und starkem Regen begann die Partie mit einer Stunde Verspätung. Bereits im Spiel Mexikos gegen Ecuador hatte es eine ähnliche Unterbrechung gegeben.

Auch die Höhe von mehr als 2.200 Metern machte das Aztekenstadion einmal mehr zu einem besonderen Schauplatz. Mexiko hatte dort seit 13 Jahren nicht mehr verloren und bei einer WM im Aztekenstadion zuvor überhaupt noch keine Niederlage kassiert.

In der Schlussphase drängten die Gastgeber mit aller Macht auf den Ausgleich. England verteidigte den knappen Vorsprung mit einem Mann weniger auch durch mehr als elf Minuten Nachspielzeit hinweg und rettete den Sieg ins Ziel. Als der Abpfiff ertönte, ließen sich mehrere englische Spieler völlig erschöpft auf den Rasen fallen.

Henderson verletzt – Viertelfinale gegen Norwegen

Mit Mexiko ist nach Kanada der zweite von drei WM-Gastgebern ausgeschieden. Im Viertelfinale wartet nun das Duell zweier Torjäger: Kane trifft mit England auf Erling Haaland, der Norwegen zuvor mit zwei Toren zum Sieg gegen Brasilien geführt hatte.

Getrübt wurde die große englische Freude nur durch eine Verletzung von Jordan Henderson. Der Routinier verletzte sich nach dem Spiel offenbar am Handgelenk und musste sogar ins Krankenhaus. Tuchel nannte das den einzigen echten Dämpfer eines sonst unvergesslichen Abends. "Es passt einfach nicht zu diesem Abend, dass Jordan jetzt nicht bei uns ist", sagte der Coach – und fand zugleich warme Worte für seine Mannschaft: "An dieser Mannschaft gibt es so vieles zu lieben."

Für England aber war es genau die Art von Sieg, die einem Turnierlauf zusätzliche Wucht verleihen kann.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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