Womit wohl kaum jemand gerechnet hatte: Ende 2025 feierte Reinhard Mey mit dem mehr als 55 Jahre alten Lied „In meinem Garten“ ein unerwartetes Comeback in den Charts. Ausgelöst wurde der neue Erfolg durch eine Netflix-Dokumentation über den Rapper Haftbefehl. Die melancholische Ballade stieg damals bis auf Platz 15 der deutschen Charts.
Rückkehr zum Anfang
Nun hat der 83-jährige Liedermacher das Stück von 1970 noch einmal neu eingespielt. Die Aufnahme gehört zu seinem frisch veröffentlichten Album „Schatzhauser“. Für sein inzwischen 30. Studioalbum wählte Mey, bekannt durch „Über den Wolken“, den Namen einer Figur aus einem Märchen von Wilhelm Hauff.
Im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ erklärte Mey, dass ihn das Album bewusst zu seinen musikalischen Anfängen zurückführen solle. Mit dem Blick auf sein Leben sei in ihm die Sehnsucht gewachsen, wieder so aufzunehmen wie einst bei seiner ersten Platte im Jahr 1965: schlicht, ohne großen Aufwand, nur mit Stimme und Gitarre.
Ein sehr reduziertes Album
Genau so klingt „Schatzhauser“ auch. Die 13 Lieder kommen ohne Orchester, üppige Arrangements oder moderne Klangspielereien aus. Dadurch wirken die Stücke besonders nahbar und persönlich. Inhaltlich spannt Mey einen weiten Bogen durch seine Erinnerungen. Er singt melancholisch über Reisen, Begegnungen und darüber, wie vergänglich das Leben ist.
Direkter und weniger verträumt zeigt er sich im Lied „Tristan“. Darin verarbeitet er einen Museumsbesuch mit seinem Enkel und denkt zugleich über die Zukunft der Menschheit nach. Mit bissigem Ton beschreibt Mey die zerstörerische Seite des Menschen. Am Ende des Songs ist außerdem die Stimme eines Jungen zu hören, die sich mit seiner abwechselt.
Gedanken über Abschied
Auch wenn viele Titel auf „Schatzhauser“ wie ein Abschied wirken, möchte Mey das nicht als endgültige Botschaft verstanden wissen. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte er, er habe manche Dinge einfach schon einmal aussprechen wollen – für den Fall, dass irgendwann der Abschied komme und nichts ungesagt bleiben solle.
Zugleich machte er klar, dass er keineswegs ans Aufhören denke. Solange ihm das Leben bleibe, wolle er weiterschreiben, denn das bereite ihm nach wie vor große Freude. Er betonte zudem, gesundheitlich gehe es ihm gut: mit stabilem Blutdruck und regelmäßigen acht Kilometern Laufstrecke.
Überraschung über das neue Interesse an „In meinem Garten“
Eine besondere Rolle spielt dabei weiterhin „In meinem Garten“. In der 2025 veröffentlichten Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ singt Haftbefehl, mit bürgerlichem Namen Aykut Anhan, die Ballade in einer Szene mit rauer Stimme an. Rückblickend sagte Mey der FAZ, es habe ihn sehr überrascht, dass ausgerechnet dieses nur von Gitarre begleitete Lied plötzlich eine solche Wiederentdeckung erlebe.
Er schilderte, wie er die Dokumentation sah, ohne zu ahnen, was ihn erwarten würde. Umso mehr habe ihn der Moment getroffen, als der sonst so harte Rapper bei einem über 50 Jahre alten Lied Gefühle zeigte. Mey bedankte sich später bei Haftbefehl, persönlich getroffen haben sich die beiden jedoch bislang nicht. Die neue Version des Songs könnte daher durchaus auch als musikalisches Dankeschön verstanden werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber