Laura Poitras zeigt in neuem Film drastische ICE-Einsätze in Minneapolis
Die Oscarpreisträgerin Laura Poitras präsentiert in ihrer neuen Dokumentation „They’re Here“ erschütternde Bilder von Einsätzen der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis im vergangenen Winter. Der Kurzfilm wurde bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt.
Gemeinsam mit Co-Regisseurin Rachel Lauren Mueller wertete Poitras nach eigenen Angaben vielfältiges Material aus: Videos lokaler Aktivisten, Dashcam-Aufnahmen, Bodycam-Mitschnitte sowie Handyvideos und Bilder aus Überwachungssystemen der betroffenen Viertel. Mueller filmte zudem selbst vor Ort.
Kinder aus Fahrzeugen gezerrt
Die Aufnahmen wirken verstörend und chaotisch. Zu sehen sind vermummte ICE-Kräfte, die Erwachsene und Kinder aus Autos reißen, verletzte Demonstranten zu Boden drücken und fesseln. Journalisten mit Gasmasken fliehen aus dem Tumult. In weiteren Szenen ist aus der Distanz zu beobachten, wie gefesselte Menschen über das Rollfeld zu Flugzeugen gebracht werden. Ein anonymisierter Migrant berichtet, er müsse sich im Kofferraum verstecken, um sicher zur Arbeit zu kommen.
Zu hören sind auch Anwohner, die versuchen, ICE-Beamte und deren Fahrzeuge auf den Straßen zu erkennen. Das sei schwierig, weil die Einsatzkräfte weder einheitliche Uniformen noch klar identifizierbare Fahrzeuge nutzten.
Obwohl es sich um einen Dokumentarfilm handelt, greift der Film bewusst auf Elemente der Horrorfilm-Ästhetik zurück. So verfolgt etwa eine Aktivistin auf Dashcam-Aufnahmen ein mutmaßliches ICE-Fahrzeug durch das verschneite Minneapolis. Der Wagen stoppt schließlich vor ihrem Haus. Kurz darauf erscheint eine maskierte Person, schaut direkt in die Kamera und deutet auf das Gebäude.
„Ein Albtraum“
Im vergangenen Winter hatte die US-Regierung Tausende Bundesbeamte von ICE und anderen Behörden nach Minneapolis entsandt. Die Razzien standen im Zusammenhang mit der harten Abschiebepolitik von Präsident Donald Trump. Nachdem bei solchen Einsätzen zwei US-Bürger von Bundesbeamten erschossen worden waren, wuchsen Wut und Proteste.
Inzwischen hat ICE seine Vorgehensweise angepasst und setzt verstärkt auf weniger auffällige Abschiebemaßnahmen. Allein im Juli nahm die Behörde fast 50.000 Menschen fest – so viele wie in keinem anderen Monat seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit.
„Was wir derzeit in den Vereinigten Staaten erleben, ist ein Albtraum“, sagte Poitras in Venedig. In den etablierten Medien werde diese Form von Gewalt zunehmend normalisiert, kritisierte sie. Kino könne dazu beitragen, diese Normalisierung aufzubrechen und sichtbar zu machen, was tatsächlich geschehe.
Proteste zeigten Wirkung
Beide Regisseurinnen betonten zugleich, dass der entschlossene Widerstand der Einwohner dazu beigetragen habe, dass sich ICE-Kräfte aus Minneapolis zurückzogen.
Laura Poitras erhielt für ihre Edward-Snowden-Dokumentation „Citizenfour“ einen Oscar. 2022 gewann sie in Venedig mit „All the Beauty and the Bloodshed“, einem Film über die Fotografin Nan Goldin, den Goldenen Löwen. Es war erst das zweite Mal, dass ein Dokumentarfilm den Hauptpreis des Festivals erhielt. „They’re Here“ läuft in diesem Jahr allerdings außer Konkurrenz.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber