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50 Jahre Bowie in Berlin: Hier wurde er clean

Ausgerechnet Berlin: Hier wollte David Bowie den Drogen entkommen – und fand etwas, das sein Leben komplett veränderte.

10.08.2026, 09:00 Uhr

Im August 1976 verlegte David Bowie seinen Lebensmittelpunkt nach West-Berlin – auch, weil er sich dort mehr Anonymität erhoffte. Die Stadt war damals noch von Ruinen, Brachen und der Teilung geprägt; gefühlt lag in fast jede Richtung der Osten. Vor rund 50 Jahren begann damit jene Phase, die später als Bowies „Berliner Zeit“ in die Popgeschichte einging.

Ein guter Anlass also, einige hartnäckige Vorstellungen über Bowie, Berlin, Drogen und „Heroes“ genauer einzuordnen.

Warum kam Bowie 1976 nach Berlin?

Bowie suchte in der Mauerstadt vor allem Abstand von den exzessiven Jahren zuvor. Der Umzug war auch eine Flucht vor persönlichen Problemen und sollte ihm helfen, sich von seinem Drogenmissbrauch zu erholen. Das wirkt im Rückblick fast paradox: West-Berlin galt Mitte der 70er selbst als Hochburg des Heroinkonsums, als Stadt der Fixer und eines wilden Nachtlebens.

In genau diese Jahre fällt auch die Geschichte von Christiane F.. Bekannt wurde sie durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Ihren ersten Kontakt mit Heroin hatte sie der Überlieferung nach als 13-Jährige im April 1976 bei einem Bowie-Konzert in der Deutschlandhalle. Auch in der Verfilmung von 1981 spielt dieser Auftritt eine wichtige Rolle.

Neben dem Wunsch nach einem Neuanfang zog Bowie aber auch Berlins kulturelles Erbe an. Er interessierte sich für die Kunst- und Literaturgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Bertolt Brecht und Kurt Weill, für die expressionistische Künstlergruppe Brücke und für Christopher Isherwoods Berlin-Bücher wie „Mr. Norris steigt um“ und „Leb wohl, Berlin“, die später die Grundlage für „Cabaret“ bildeten.

Genauso aufmerksam verfolgte er die damalige deutsche Musikszene. Bands wie Neu!, Kraftwerk und Tangerine Dream faszinierten ihn, ebenso die Experimentierfreude von Produzenten und Klangtüftlern wie Conny Plank.

Woher kam Bowie damals?

Die Jahre vor Berlin waren für Bowie extrem rastlos. Zwischen Sommer 1973 und Sommer 1976 erfand er sich beinahe pausenlos neu. 1973 verabschiedete er bei einem Konzert in London überraschend seine Kunstfigur Ziggy Stardust – jenen androgynen, bisexuellen Alien-Rockstar, der ihn weltberühmt gemacht hatte.

Es folgte eine hochproduktive Zeit: 1974 erschien „Diamond Dogs“, stark geprägt von George Orwells „1984“, 1975 dann das souligere „Young Americans“. Darauf befand sich mit „Fame“ auch sein erster Nummer-eins-Hit in den USA, entstanden gemeinsam mit John Lennon.

Von Juni bis September 1975 drehte Bowie außerdem Nicolas Roegs Science-Fiction-Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“, überwiegend in New Mexico. Darin spielt er einen Außerirdischen, der als Mensch auf der Erde lebt, um seinen sterbenden Heimatplaneten zu retten. Premiere feierte der Film 1976 auf der Berlinale, die damals noch im Juni stattfand und nicht wie heute im Februar.

Zwischendurch arbeitete Bowie in Los Angeles an „Station to Station“. Von Februar bis Mai 1976 absolvierte er dann die große „Isolar – 1976 Tour“ mit mehr als 60 Konzerten in Nordamerika und Europa, darunter am 10. April 1976 in der Berliner Deutschlandhalle. Danach folgten weitere Aufnahmen in Frankreich und München.

Wie begann sein Leben in Berlin?

Nach diesen anstrengenden Monaten wollte Bowie erst einmal zur Ruhe kommen. Im Spätsommer 1976 wohnte er zunächst einige Wochen in der Schwäbischen Straße in Schöneberg bei Edgar Froese von Tangerine Dream, weil seine spätere Wohnung noch renoviert wurde.

Danach zog er in eine Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155. Bowie sagte später, Edgar Froese und dessen Frau hätten ihm in einer schweren Phase sehr geholfen – auch dabei, vom Kokain loszukommen.

Anfangs lebte Bowie dort zusammen mit Iggy Pop. Die WG hielt jedoch nicht lange. Berichtet wurde unter anderem von Streit über ganz banale Dinge wie Essen im Kühlschrank. Iggy Pop zog schließlich in eine eigene Wohnung im selben Haus. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an Bowie; im Erdgeschoss befindet sich inzwischen eine Praxis für Osteopathie und Physiotherapie.

War Bowies Berliner Alltag wirklich ruhig?

So still, wie Bowie es sich womöglich vorgestellt hatte, war sein Berliner Leben nicht. Er arbeitete intensiv an eigener Musik und unterstützte gleichzeitig Iggy Pop, etwa bei „Lust for Life“ und bei der Fertigstellung von „The Idiot“.

Auch als Schauspieler blieb er aktiv. Anfang 1978 übernahm er in Berlin die Hauptrolle in „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, einem Film vor dem Hintergrund der späten Weimarer Republik. Es war zugleich der letzte Film mit Marlene Dietrich – auch wenn sich beide nie am Set begegneten, weil Dietrich ihre Szenen in Paris drehte.

Abseits der Arbeit erkundete Bowie die Stadt. Er fuhr an den Wannsee, besuchte das Brücke-Museum in Dahlem und ging viel aus. Zu seinen bekannten Anlaufpunkten gehörte das Café „Anderes Ufer“ in der Hauptstraße 157, das heute „Neues Ufer“ heißt.

Außerdem zog es ihn ins glamouröse Travestie-Cabaret „Chez Romy Haag“ an der Ecke Welser-/Fuggerstraße – dort, wo später lange der inzwischen geschlossene Club „Connection“ war. Das Lokal trug den Namen seiner Gründerin Romy Haag, einer in den Niederlanden geborenen Transfrau mit großer Bühnenpräsenz. Berühmt war sie unter anderem für eine genderfluide Gesangsnummer, bei der sie am Ende von „This Is My Life“ dramatisch die Perücke vom Kopf riss. Mit ihr verband Bowie zu Beginn seiner Berliner Jahre auch eine intensive Beziehung.

Welche Musik entstand in Berlin?

Wenn von Bowies Berliner Phase die Rede ist, fällt fast immer der Begriff „Berlin-Trilogie“. Gemeint sind die Alben „Low“ (1977), „Heroes“ (1977) und „Lodger“ (1979), die bis heute zu den wichtigsten Werken seiner Karriere zählen.

Wörtlich darf man diese Bezeichnung aber nur bedingt nehmen: Komplett in Berlin aufgenommen wurde nur „Heroes“. Teile von „Low“ entstanden noch vor Bowies Umzug im Château d’Hérouville bei Paris. „Lodger“ wiederum wurde im Wesentlichen in der Schweiz und in den USA produziert.

Bowies wichtigster Arbeitsort in Berlin waren die Studios in der Köthener Straße in Kreuzberg – direkt in der Nähe des damaligen Grenzgebiets, des Todesstreifens und des Niemandslands des Kalten Krieges, mit Blick auf den verschwundenen alten Potsdamer Platz.

Warum sind die Hansa Studios so legendär?

Gemeint sind die berühmten Hansa Studios, die neben den Abbey Road Studios in London zu den bekanntesten Aufnahmeorten der Popgeschichte zählen. Musikführer Thilo Schmied von Berlin Music Tours führt seit mehr als 20 Jahren Interessierte durch die Studios und zu anderen Bowie-Orten in der Hauptstadt.

Das Gebäude wurde zwischen 1910 und 1913 als Verbandshaus der Berliner Innung des Bauhandwerks errichtet. Sein Herzstück war der Meistersaal, ein Festsaal mit Bühne, in dem unter anderem Meisterbriefe verliehen wurden. In den 1920er Jahren fanden dort auch Bälle und Vorträge statt; sogar Kurt Tucholsky trat hier auf.

Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Umgebung zerstört, 1943 trafen Bomben auch den hinteren Flügel des Gebäudes – der Meistersaal selbst blieb jedoch erhalten. Ab Ende der 40er Jahre diente er als Ballhaus. Nach dem Mauerbau 1961 lag das Haus plötzlich am Rand der Stadt, fast wie am Ende der Welt.

Gerade diese abgeschiedene Lage und die Akustik des Saals mit seiner Holzkassettendecke machten ihn später für Aufnahmen attraktiv. Ariola nutzte den Meistersaal bereits ab 1961 für klassische Musik und Schlagerproduktionen. 1976 richteten die Meisel-Musikverlage dort schließlich die Hansa Tonstudios ein.

Der Meistersaal wurde zu Studio 2. Bowie soll ihn wegen seiner Nähe zur Mauer „the big hall by the wall“ genannt haben. Als er dort arbeitete, waren die heute wieder geöffneten Fenster noch zugemauert – Tageslicht fiel also keines hinein.

Später nahmen dort auch Depeche Mode an „Some Great Reward“ mit Songs wie „People Are People“ und „Master and Servant“ auf, ebenso Nick Cave, Einstürzende Neubauten und U2 mit „Achtung Baby“. Thomas Meisel, Mitgründer der Hansa Tonstudios und Eigentümer des Gebäudes, ließ den Meistersaal 1993/94 restaurieren. Nach weiteren Umbauten kam es im Februar 2009 zur dritten Neueröffnung. Heute dient der Saal vor allem als Veranstaltungsort, wird wegen seiner besonderen Akustik aber wieder häufiger für Aufnahmen genutzt – zuletzt laut Schmied auch von Harry Styles.

Was steckt hinter „Heroes“?

Einer der bekanntesten Bowie-Songs überhaupt entstand nach Angaben von Thilo Schmied an einem einzigen Tag im Juli 1977. Neben der bekannten Version gibt es auch deutsch-englische und französisch-englische Fassungen, die allerdings in der Schweiz eingesungen wurden.

Worum es in „Heroes“ genau geht, bleibt offen für Deutungen. Im Zentrum stehen zwei Liebende, die sich an einer Mauer küssen, während Schüsse fallen. Das Lied handelt von einem kurzen Moment der Nähe, des Muts und eines ganz flüchtigen Heldentums an einem feindseligen Ort.

Dass dabei an die Berliner Mauer gedacht werden kann, liegt nahe. Bowie konnte vom Kontrollraum des Studios aus die Mauer und die DDR-Wachtürme sehen.

Umstritten bleibt jedoch die von Produzent Tony Visconti verbreitete Geschichte, Bowie habe ihn beim Kuss mit der Backgroundsängerin Antonia Maaß beobachtet und daraus den Song entwickelt. Maaß widersprach dieser Darstellung. Schmied hält die Legende ebenfalls für fraglich und verweist darauf, dass auch eine von Bowies Affären namens Clare oder ganz allgemein die Idee der Kunst in den Song eingeflossen sein könnten.

Welche Bedeutung hatte Berlin für Bowie?

Bowie lebte an anderen Orten zwar deutlich länger als in Berlin. Dennoch ist kaum eine Stadt so eng mit seiner Biografie verbunden. Von 1976 bis etwa 1979 wurde Berlin zu einem zentralen Ort seiner künstlerischen und persönlichen Neuorientierung.

Bowie selbst nannte diese Jahre später sehr wichtig und beschrieb das Leben in Berlin als in vieler Hinsicht befreiend.

Legendär bleibt auch sein Auftritt am 6. Juni 1987 auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude. Auch auf der Ostseite, nahe dem Brandenburger Tor, hörten Menschen zu. Zeitzeugen berichten, dass Bowie am Ende von „Time Will Crawl“ die Band vorstellte und dann auf Deutsch Grüße an die Menschen auf der anderen Seite der Mauer schickte.

Die Reaktionen in Ost-Berlin waren heftig: Fans riefen „Die Mauer muss weg!“, die Volkspolizei ging gegen die Proteste vor. 887 Tage später fiel die Mauer.

Dass Berlin Bowie nie ganz losließ, zeigte sich auch 2013. Nach fast zehn Jahren eines zurückgezogenen Lebens in New York meldete er sich an seinem 66. Geburtstag überraschend mit dem Song „Where Are We Now?“ zurück – einem Stück, das stark von seinen Berliner Erinnerungen geprägt ist.

Wovon handelt „Where Are We Now?“

Der Song ist eine melancholische Rückschau auf Orte und Momente seiner Berliner Jahre. Genannt werden unter anderem der Potsdamer Platz, die Nürnberger Straße, das damalige Szene-Lokal Dschungel und das KaDeWe.

Der Schriftsteller Tobias Rüther beschreibt das Lied in der 2025er-Ausgabe seines Buchs „Helden – David Bowie und Berlin“ sinngemäß als eine Art Zeitschleife: Bowie wandert noch einmal durch die Stationen dreier glücklicher Jahre – zum Potsdamer Platz, wo er seine radikalste Musik aufnahm, in den Dschungel, wo er tanzte, und ins KaDeWe, wo er im Feinkostbereich einkaufte, bevor Iggy Pop die Vorräte aufaß.

Gerade darin liegt wohl die anhaltende Faszination dieser Jahre: Berlin war für Bowie weit mehr als nur eine Zwischenstation. Die Stadt wurde für ihn zum Ort der Selbstrettung, der künstlerischen Erneuerung und eines Neuanfangs.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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