Wer hat in Cannes die besten Chancen auf die Goldene Palme?
Am Samstagabend fällt in Cannes die Entscheidung: Welcher Film wird mit der Goldenen Palme ausgezeichnet? Im Rennen sind sehr unterschiedliche Werke – darunter ein Film mit Sandra Hüller über die Familie Mann im zerstörten Nachkriegsdeutschland, ein sensibles Drama über die Beziehung zwischen einer Heimleiterin und einer todkranken Künstlerin sowie ein russischer Thriller über Macht, Ehebruch und Krieg. Mehrere Titel gelten bei Kritikerinnen und Kritikern als besonders aussichtsreich.
„Vaterland“: Thomas Mann, Erika Mann und ein zerstörtes Deutschland
Früh als Favorit gehandelt wurde „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski. Das in strengem Schwarz-Weiß inszenierte Drama verknüpft politische Zeitgeschichte mit einer persönlichen Familienerzählung. Im Mittelpunkt stehen der Schriftsteller Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) und seine Tochter Erika Mann (Sandra Hüller), die 1949 durch das Deutschland der Nachkriegszeit reisen.
Dem polnischen Regisseur ist damit ein eindringlicher Film über Familie, Verlust, Exil, Identität und die Frage nach Heimat gelungen. Das Branchenblatt Deadline lobte die Arbeit als eine „Meisterklasse künstlerischer Disziplin“ und hob besonders Sandra Hüller hervor, der praktisch jede Rolle zuzutrauen sei. Mit nicht einmal 90 Minuten ist „Vaterland“ zugleich der kürzeste Wettbewerbsbeitrag.
„All of a Sudden“: Ein leises, menschliches Drama
Großen Zuspruch erhielt auch „All of a Sudden“ von Ryūsuke Hamaguchi. Mit einer Laufzeit von über drei Stunden ist es der längste Film im Wettbewerb. Erzählt wird von der Leiterin eines Seniorenheims in Paris, gespielt von Virginie Efira, die eine neue Form der Pflege etablieren möchte und dabei auf Widerstand trifft. Als sie einer an Krebs erkrankten japanischen Künstlerin begegnet, verkörpert von Tao Okamoto, entsteht zwischen beiden Frauen eine enge Verbindung.

Hamaguchis Film lebt stark von Dialogen und einer ruhigen, feinfühligen Erzählweise. Viele Kritiker betonen seine große Wärme und Menschlichkeit. Variety schrieb, der Film erinnere nicht nur daran, was Kino sein könne, sondern sogar daran, was das Leben sein könne. Auch für Darstellerpreise werden Efira und Okamoto als ernsthafte Kandidatinnen gehandelt.
„Minotaur“: Ehekrise, Macht und Krieg im Hintergrund
Bleibenden Eindruck hinterließ zudem „Minotaur“ von Andrej Swjaginzew, einem der international bekanntesten russischen Regisseure. Der Thriller ist von Claude Chabrols Film „Die untreue Frau“ aus dem Jahr 1969 inspiriert. Im Zentrum steht der Unternehmer Gleb (Dmitri Masurow), der herausfindet, dass seine Frau (Iris Lebedewa) ihn betrügt.
Swjaginzew erzählt daraus jedoch nicht nur eine Geschichte über Eifersucht, Rache und Täuschung. Er bettet das Geschehen in das Russland des Jahres 2022 ein und macht den Krieg gegen die Ukraine zu einer ständigen Hintergrundpräsenz. Behörden setzen Gleb etwa unter Druck, Mitarbeiter zu benennen, die für den Fronteinsatz eingezogen werden könnten. Dadurch erhält der Film eine deutlich politische Dimension.
Der Regisseur, der für „Leviathan“ bereits für den Oscar nominiert war, verließ nach Beginn des russischen Angriffskriegs wie viele andere Kulturschaffende seine Heimat und lebt inzwischen in Frankreich. Nach der Vorführung von „Minotaur“, der trotz seiner Schwere auch humorvolle Momente hat, gab es in Cannes langen und begeisterten Beifall.
Auch „Fjord“ wird viel zugetraut
Ebenfalls intensiv diskutiert wurde „Fjord“ des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu. In dem moralisch komplexen Drama spielen Sebastian Stan und Renate Reinsve ein rumänisch-norwegisches Ehepaar, das mit seinen Kindern nach Norwegen zieht. Dort gerät die Familie unter Verdacht, die eigene Tochter körperlich misshandelt zu haben.
Kritikerlob ist kein sicherer Siegerhinweis
Wie jedes Jahr gilt jedoch: Gute Kritiken bedeuten nicht automatisch den Hauptpreis. Im vergangenen Jahr setzte sich überraschend „Ein einfacher Unfall“ des iranischen Regisseurs Jafar Panahi durch. Über die diesjährigen Gewinner entscheidet eine Jury unter Leitung des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion