Kehlmann nennt neuen Roman „Afrika“ trotz Kolonialverbrechen sein bislang lustigstes Buch
Daniel Kehlmann hält seinen neuen Roman „Afrika“ ungeachtet des düsteren historischen Hintergrunds für das komischste Buch seiner Laufbahn. Der Autor sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Stoff sei gerade wegen seiner Absurdität nur mit den Mitteln der Komödie angemessen zu erzählen. Es handle sich um eine Farce, weil auf der zugrunde liegenden Konferenz „lauter korrupte Dummköpfe“ zusammenkämen.
Der Roman erscheint an diesem Donnerstag und greift die Kongo-Konferenz auf, die im Winter 1884/85 in Berlin stattfand. Unter Leitung von Reichskanzler Otto von Bismarck steckten die europäischen Mächte damals ihre Einflusszonen in Afrika ab.
Leopold II. als Herrscher über den Kongo-Freistaat
Als folgenreichstes Ergebnis der Zusammenkunft gilt die Anerkennung des belgischen Königs Leopold II. als Souverän des neu geschaffenen Kongo-Freistaats. Ab etwa 1890 ließ er dort die Kautschukvorkommen in den tropischen Regenwäldern systematisch ausbeuten und wurde dadurch unermesslich reich. Seine Privatarmee ging dabei mit äußerster Brutalität vor. Wie viele Menschen getötet wurden, ist bis heute umstritten, doch die sogenannten Kongo-Gräuel zählen unbestritten zu den größten Verbrechen der Kolonialgeschichte.
Kehlmann betont, ein Roman über die Kongo-Konferenz könne nicht als bloße Streitschrift funktionieren. Der koloniale Raubzug dürfe literarisch nur den Hintergrund bilden, im Zentrum müsse das Schicksal eines Einzelnen stehen. Diese Rolle übernimmt der österreichische Legationsrat Gustav von Strinetzky. Kehlmann beschreibt ihn als einen korrupten, aber liebenswürdigen Diplomaten, der am Tag vor einem Duell erwacht und unvermittelt zu der Konferenz entsandt wird.
Satire auf Macht, Selbstüberschätzung und politische Lächerlichkeit
Der Roman arbeitet stark mit satirischen Mitteln, etwa in der Darstellung Bismarcks. Kehlmann ist überzeugt, dass jede Epoche ihre unfreiwillig komischen Figuren hervorbringt. Für die Gegenwart gelte das sogar in besonderem Maße. Den Namen des amerikanischen Präsidenten müsse man gar nicht aussprechen, sagte er sinngemäß, weil ohnehin sofort klar sei, an wen gedacht werde.
Die Anregung zu dem Buch kam von Regisseur Volker Schlöndorff, mit dem Kehlmann befreundet ist. Schlöndorff hatte über viele Jahre Dokumente zur Kongo-Konferenz gesammelt, weil er daraus ursprünglich einen Film machen wollte. Dazu kam es jedoch nicht. Kehlmann berichtete, Schlöndorff habe ihm die Unterlagen schließlich in außergewöhnlicher Großzügigkeit überlassen mit den Worten, er solle damit machen, was er wolle. Anfangs habe er selbst nicht geglaubt, dass daraus ein eigenes Projekt werden könnte. Mit der Lektüre sei seine Faszination jedoch stetig gewachsen.
Deutschlands koloniale Vergangenheit lange im Schatten der NS-Aufarbeitung
Nach Kehlmanns Einschätzung ist die Berliner Konferenz heute in Ländern wie Belgien und Großbritannien bekannter als in Deutschland. Im englischsprachigen Raum werde meist von der „Berlin Conference“ gesprochen. Dass dieses Kapitel hierzulande vergleichsweise wenig präsent sei, erklärt er auch damit, dass die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung lange fast ausschließlich auf die NS-Zeit konzentriert gewesen sei.
Kehlmann verweist darauf, dass selbst der von Deutschland begangene Genozid in Namibia in seinem eigenen Geschichtsunterricht nicht vorgekommen sei. Im damaligen Deutsch-Südwestafrika vernichtete das Deutsche Kaiserreich zwischen 1904 und 1908 systematisch die Volksgruppen der Herero und Nama. Das Vorgehen gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Der 51-jährige Schriftsteller, der seit einigen Jahren in New York lebt, sagte zudem, er habe den breiteren Diskurs über Kolonialismus und über die großen europäischen Verbrechen in Afrika und Asien im Grunde erst außerhalb Deutschlands intensiver wahrgenommen. Auch das habe seine Faszination für die Dokumente über die Konferenz verstärkt.
Parallelen zur Gegenwart
Für Kehlmann liegen die Parallelen zwischen der damaligen Kongo-Konferenz und heutigen politischen Entwicklungen offen zutage. Damals sei über riesige Gebiete und über Millionen Menschen verhandelt worden, als handle es sich um verfügbaren Besitz. Vergleichbare Muster erkenne er heute wieder.
Er verwies dabei auf Donald Trumps Äußerungen zu Grönland und auf Wladimir Putins Haltung zur Ukraine. Zugleich beklagte Kehlmann, dass das Völkerrecht – eine der großen politischen Errungenschaften der Moderne – von vielen Seiten missachtet oder infrage gestellt werde. Kritisch äußerte er sich in diesem Zusammenhang auch zu Friedrich Merz, der vor seiner Wahl zum Kanzler erklärt hatte, Wege finden zu wollen, damit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Fall eines Deutschlandbesuchs ohne Festnahme ein- und ausreisen könne.
Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hatte 2024 Haftbefehl gegen Netanjahu wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg erlassen. Netanjahu weist die Vorwürfe zurück. Kehlmann erinnerte daran, dass Deutschland bislang eigentlich zu den wichtigsten Unterstützern des Gerichts gezählt habe.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber