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Zwei Titel, Weltrekord: Ist Liebmann jetzt der Superstar?

Mit 19 verzaubert Liebmann die Schwimm-EM: Olympiasieger schwärmen von »Kunst«. Wer ist der deutsche Shootingstar von Paris?

16.08.2026, 12:47 Uhr

Johannes Liebmann tauscht EM-Rausch gegen Allgäu – deutsches Team beendet starke EM mit 14 Becken-Medaillen

Nach den spektakulären Tagen in der lauten Pariser Schwimmarena zieht es Johannes Liebmann erst einmal in die Ruhe der Berge. Statt großer Feierlichkeiten steht für den 19-Jährigen nach seiner herausragenden Europameisterschaft ein Wanderurlaub mit der Familie im Allgäu auf dem Programm.

Während Liebmann am letzten Wettkampftag als Zuschauer auf der Tribüne mitfieberte, sorgten seine Teamkollegen für einen starken deutschen Abschluss. Isabel Gose baute ihr beeindruckendes Medaillenkonto mit ihrer dritten Silbermedaille im Becken weiter aus, Maya Werner holte zum dritten Mal Bronze und Olympiasieger Lukas Märtens sicherte sich im letzten Rennen doch noch die erhoffte Einzelmedaille.

Märtens zeigte sich danach zufrieden. Dafür, dass er sich am Morgen kaum habe bewegen können, habe er das Rennen gut durchgezogen, sagte er mit einem Lächeln. Insgesamt habe das Team bei dieser EM richtig stark abgeliefert.

Bilanz soll Rückenwind für Olympia bringen

Vor allem aus deutscher Sicht überstrahlte Liebmann die Titelkämpfe in der prächtigen Pariser Halle. Der junge Norddeutsche gewann zweimal Gold, stellte über 1500 Meter Freistil einen Weltrekord auf und schwamm über 800 Meter zu einem Europarekord.

Die deutschen Beckenschwimmer kamen in Paris insgesamt auf 14 Medaillen: zweimal Gold, sechsmal Silber und sechsmal Bronze. Das ist nicht nur eine starke Bilanz, sondern soll auch Schub für die Zukunft geben. Leistungssportdirektor Christian Hansmann richtete den Blick bereits auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Genau dorthin solle der Aufschwung nun mitgenommen werden.

Wenn in Los Angeles um olympisches Edelmetall geschwommen wird, ist Liebmann erst 21 Jahre alt und dürfte noch deutlich mehr Erfahrung haben. Die Erinnerungen an die tosende Pariser Schwimmhalle nimmt er nun aber erst einmal mit in die Berg-Idylle.

Ein EM-Märchen für den 19-Jährigen

Liebmann hat nach diesen Tagen einiges zu verarbeiten. Seine Geschichte im Centre Aquatique Olympique liest sich wie ein Märchen: Gold über 1500 Meter Freistil mit Weltrekord, zuvor der Titel über 800 Meter Freistil mit Europarekord. Bei seiner ersten Langbahn-EM der Erwachsenen erreichte er Dinge, von denen viele Schwimmer in einer ganzen Karriere nur träumen.

Dass er nach diesem Höhenflug bewusst Abstand vom Trubel sucht und lieber mit der Familie ins Allgäu fährt, passt zu seinem zurückhaltenden Auftreten.

Klemet: bodenständig, schüchtern und vorbildlich

Teamkollege Oliver Klemet, der im Weltrekordrennen über 1500 Meter Bronze gewann, beschreibt Liebmann als ausgesprochen geerdet. Er sei immer gut gelaunt, arbeite hart und habe sich den Erfolg im Training verdient.

Trotz der außergewöhnlichen Leistungen sei Liebmann derselbe geblieben, sagte Klemet. Selbst wenn man ihn inzwischen als neuen Superstar bezeichnen könne, sei er immer noch sehr schüchtern und in vielerlei Hinsicht vorbildlich.

Mit dem Begriff Superstar kann Liebmann selbst wenig anfangen. Im Team nenne man sich manchmal scherzhaft gegenseitig so, erklärte er. Vor Klemet und den anderen etablierten Schwimmern habe er großen Respekt. Dass er nun plötzlich vor ihnen stehe, könne er selbst noch immer kaum glauben.

Weltrekord sorgt für Staunen im deutschen Team

Von einem Zufall konnte bei Liebmanns Triumph keine Rede sein. Seine Zeit von 14:26,79 Minuten über 1500 Meter Freistil war fast vier Sekunden schneller als die bisherige Bestmarke des US-Amerikaners Bobby Finke. Liebmann ist damit erst der zweite Deutsche nach Jörg Hoffmann im Jahr 1991, der auf dieser längsten Beckenstrecke einen Weltrekord schwamm.

Sein Magdeburger Trainingspartner Lukas Märtens, selbst Weltrekordler über 400 Meter, sprach von Gänsehaut. Auch Sven Schwarz, der in Paris ebenfalls überzeugte und Silber gewann, zeigte sich beeindruckt. Man sehe daran, auf welcher Erfolgswelle Liebmann gerade unterwegs sei, hieß es aus dem Team.

Ganz unantastbar war Liebmann in Paris aber nicht. Über 400 Meter Freistil schied er am Sonntagmorgen im Vorlauf aus. Wirklich störte ihn das jedoch kaum. Nach dem überragenden Vortag und einer kurzen Nacht habe er ohnehin nicht mit viel gerechnet.

Auch Gose, Werner und Märtens prägen die EM

Neben Liebmann drückten vor allem Isabel Gose mit dreimal Silber, Maya Werner mit dreimal Bronze und Sven Schwarz mit Silber den Beckenrennen aus deutscher Sicht den Stempel auf. Gose gewann darüber hinaus im Freiwasser sogar zweimal Gold.

Dass über 400 Meter Freistil erneut die Italienerin Simona Quadarella schneller war als sie, ärgerte Gose spürbar. Nach zwei Niederlagen über die längeren Strecken sei ein drittes Mal besonders schmerzhaft gewesen.

Auch Lukas Märtens verpasste ein spezielles Ziel. Mit Gold über 400 Meter wäre er gleichzeitig Olympiasieger, aktueller Weltmeister, Europameister und Weltrekordhalter gewesen. Mit insgesamt drei Medaillen in Paris fiel seine Bilanz dennoch stark aus: Silber mit der Mixed-Staffel über 4×200 Meter Freistil, Bronze mit der Männer-Staffel über dieselbe Distanz und nun Bronze im Einzel.

Wellbrock adelt das Rennen als Kunst

Auffällig ist auch, wie beliebt Liebmann im Team ist. Der junge Schwimmer, der im April mit einem Europarekord über 800 Meter erstmals größere Schlagzeilen schrieb, betont immer wieder, wie sehr ihm das Training mit den erfahrenen Athleten hilft. Bereits mit 16 Jahren war er nach Magdeburg gewechselt. Dort trainiert er unter Bundestrainer Bernd Berkhahn gemeinsam mit Topstars wie Florian Wellbrock und Lukas Märtens.

Über Wellbrock sagte Liebmann, technisch habe er sich vieles von ihm abgeschaut und dadurch ein sehr sauberes Niveau erreicht. Wellbrock selbst, der in Paris dreimal Gold im Freiwasser gewann und inzwischen in Kalifornien Urlaub macht, gratulierte aus der Ferne via Instagram.

Seine Worte fielen deutlich aus: Mehr als ein „Wow“ falle ihm dazu kaum ein. Das sei kein Sport, sondern Kunst gewesen. Auch Klemet sprach von einem perfekten Rennen.

Trotz Triumph bleiben Zweifel und Bescheidenheit

Dass Liebmann nach diesen Erfolgen überheblich werden könnte, wirkt derzeit kaum vorstellbar. In Paris präsentierte er sich so, wie ihn seine Teamkollegen schildern: bescheiden, respektvoll und eher zurückhaltend. Er ist stolz auf seine Resultate, wirkt aber weit entfernt von Arroganz oder Selbstgefälligkeit.

Nach seinem überragenden 1500-Meter-Rennen gab Liebmann sogar zu, vor den Beckenwettkämpfen durchaus Zweifel gehabt zu haben. Er habe das Gefühl gehabt, in den Wochen zuvor nicht optimal trainiert zu haben.

Trainer Bernd Berkhahn habe ihm diese Sorgen jedoch genommen. Der Coach habe ihm deutlich gemacht, dass er sehr gut gearbeitet habe. Das habe ihm das nötige Selbstvertrauen gegeben. Auf den langen Strecken im Becken ist Liebmann nach dieser EM nun endgültig einer der Gejagten.

Typisch für seine Art schob er noch hinterher, dass er sonst meistens einfach mit den anderen mitschwimme und sich über die Gesellschaft freue.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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