Johannes Liebmann tauscht EM-Rausch gegen Familienurlaub im Allgäu
Nach seinen spektakulären Tagen in der lauten Pariser Schwimmarena zieht es Johannes Liebmann erst einmal in die Ruhe der Berge. Statt Feiern steht für den 19-Jährigen nach seiner herausragenden Europameisterschaft ein Wanderurlaub mit der Familie im Allgäu auf dem Programm.
Dabei hat der junge Norddeutsche einiges zu verarbeiten. Sein Auftritt im Centre Aquatique Olympique glich einem Traum: zweimal Gold, dazu ein Weltrekord über 1500 Meter Freistil und ein Europarekord über 800 Meter. Bei seiner ersten Langbahn-EM der Erwachsenen erreichte Liebmann Dinge, von denen viele Schwimmer nur träumen. Dass er danach bewusst Abstand vom Trubel sucht und lieber in die Natur fährt, passt zu seinem zurückhaltenden Auftreten.
Klemet: bodenständig, fleißig und schüchtern
Teamkollege Oliver Klemet, der im Weltrekordrennen über 1500 Meter Bronze gewann, beschreibt Liebmann als ausgesprochen geerdet. Er sei immer gut gelaunt, arbeite hart und habe sich den Erfolg im Training verdient. Außerdem frage er die erfahreneren Athleten oft um Rat.
Trotz seiner außergewöhnlichen Leistungen sei Liebmann weiterhin derselbe geblieben, sagte Klemet. Selbst wenn man ihn inzwischen als neuen Superstar bezeichnen könne, sei er immer noch sehr schüchtern und in vielerlei Hinsicht vorbildlich.
Mit dem Begriff Superstar kann Liebmann selbst wenig anfangen. Er erklärte, dass man sich im Team manchmal scherzhaft so nenne. Vor Klemet und den anderen etablierten Schwimmern habe er großen Respekt. Dass er nun plötzlich vor ihnen stehe, könne er selbst noch kaum glauben.

Weltrekord sorgt für Staunen im deutschen Team
Von einem Zufall konnte bei Liebmanns Triumph allerdings keine Rede sein. Seine Zeit von 14:26,79 Minuten über 1500 Meter war fast vier Sekunden schneller als die bisherige Bestmarke des US-Amerikaners Bobby Finke, die dieser vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen aufgestellt hatte. Liebmann ist damit erst der zweite Deutsche nach Jörg Hoffmann im Jahr 1991, der auf dieser längsten Beckenstrecke einen Weltrekord schwamm.
Sein Magdeburger Trainingspartner Lukas Märtens, selbst Weltrekordler über 400 Meter, sprach von Gänsehaut. Auch Sven Schwarz, Vize-Weltmeister, zeigte sich beeindruckt und sagte, daran sehe man, auf welcher Erfolgswelle der junge Schwimmer gerade unterwegs sei. Es mache großen Spaß, mit ihm zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten. Zugleich scherzte Schwarz, man müsse nun dranbleiben, um ihn vielleicht irgendwann wieder schlagen zu können.
Ganz unantastbar war Liebmann in Paris aber doch nicht. Über 400 Meter Freistil schied er am Sonntagmorgen im Vorlauf aus. Enttäuscht zeigte er sich dennoch nicht. Nach einer kurzen Nacht habe er ohnehin nicht viel erwartet. Vielleicht, so meinte er, liefen die 400 Meter im kommenden Jahr besser.
Wellbrock adelt das Rennen als Kunst
Auffällig ist auch, wie beliebt Liebmann im Team ist. Der junge Schwimmer, der im April mit einem Europarekord über 800 Meter erstmals größere Schlagzeilen schrieb, hebt immer wieder hervor, wie sehr ihm das Training mit den erfahrenen Athleten hilft. Bereits mit 16 Jahren war er nach Magdeburg gewechselt. Dort trainiert er unter Bundestrainer Bernd Berkhahn gemeinsam mit Topstars wie Florian Wellbrock und Lukas Märtens.
Über Wellbrock sagte Liebmann, technisch habe er sich vieles von ihm abgeschaut und dadurch ein sauberes Niveau erreicht. Wellbrock selbst, der in Paris dreimal Gold im Freiwasser gewann und inzwischen in Kalifornien Urlaub macht, gratulierte aus der Ferne via Instagram.
Seine Worte fielen deutlich aus: Mehr als ein „Wow“ falle ihm dazu kaum ein. Das sei kein Sport, sondern Kunst gewesen. Auch Klemet sprach von einem perfekten Rennen.
Trotz Triumph bleiben Zweifel und Bescheidenheit
Dass Liebmann nach diesen Erfolgen überheblich werden könnte, wirkt derzeit kaum vorstellbar. In Paris präsentierte er sich so, wie ihn seine Teamkollegen schildern: bescheiden, respektvoll und eher zurückhaltend. Er ist stolz auf seine Resultate, wirkt aber weit entfernt von Arroganz oder Selbstgefälligkeit.
Nach seinem überragenden 1500-Meter-Rennen gab Liebmann sogar zu, vor den Beckenwettkämpfen durchaus Zweifel gehabt zu haben. Er habe das Gefühl gehabt, in den Wochen zuvor nicht optimal trainiert zu haben.
Trainer Bernd Berkhahn habe ihm diese Sorgen jedoch genommen. Der Coach habe ihm deutlich gesagt, dass er sehr gut trainiert habe. Das habe ihm Selbstvertrauen gegeben, erklärte Liebmann. Die Zeiten im Training seien tatsächlich stark gewesen.
Typisch für seine Art schob er noch hinterher, dass er sonst meistens einfach mit den anderen mitschwimme und sich über die Gesellschaft freue.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber