Kevric holt EM-Gold, deutsches Team überzeugt in Zagreb
Helen Kevric strahlte nach ihrem Triumph, reckte erst beide Daumen nach oben und ließ sich dann glücklich die Goldmedaille umhängen. Die 18-Jährige setzte bei den Turn-Europameisterschaften in Zagreb ein Ausrufezeichen – und mit ihr präsentierte sich auch das deutsche Team in starker Form. Das galt selbst angesichts der Rückkehr der russischen Turnerinnen um Mehrkampf-Europameisterin Angelina Melnikowa. Bundestrainer Gerben Wiersma zog nach den Gerätefinals ein rundum positives Fazit: Es sei eine großartige, starke Leistung gewesen, sagte er, und er sei ein stolzer Cheftrainer.
Vier Jahre nach Elisabeth Seitz gewann damit wieder eine deutsche Turnerin den EM-Titel am Stufenbarren. Karina Schönmaier durfte sich nach ihrer Silbermedaille im Sprung trotz verpasster Titelverteidigung ebenfalls freuen. Pauline Schäfer-Betz verpasste am Schwebebalken eine Medaille nur denkbar knapp – wegen einer um zwei Sekunden zu langen Übung blieb ihr Bronze verwehrt.
Wichtiger Schritt Richtung WM
Gemeinsam mit Silja Stöhr und Lea Marie Quaas hatte das Trio bereits zuvor einen wichtigen Erfolg eingefahren: Mit Rang vier in der Qualifikation sicherte sich die deutsche Mannschaft das Ticket für die Weltmeisterschaften im Oktober in Rotterdam. Im Team-Finale blieb zum Abschluss mit Platz fünf zwar ein weiterer Medaillenerfolg aus. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles gehört das deutsche Frauen-Team damit aber zumindest in Europa weiter zu den Top-Nationen.
Für Kevric war der Erfolg besonders bedeutend. Schon bei der Heim-EM im vergangenen Jahr in Leipzig war sie als Hoffnungsträgerin am Stufenbarren eingeplant gewesen. Eine schwere Verletzung am linken Knie stoppte die Stuttgarterin jedoch damals. In ihre Bresche sprang Schönmaier, die am Sprung sowie im Mixed-Wettbewerb mit Timo Eder Titel gewann. In Zagreb erfüllte Kevric nun die Erwartungen und sicherte sich ihre erste internationale Einzelmedaille bei den Frauen.
Titel, Preisgeld und eine aufblasbare Banane
Nach ihrem Sieg zeigte sich Kevric erleichtert. Sie sei vor allem dankbar, wieder auf diesem Niveau turnen zu können, ihre Leistung erneut gezeigt zu haben und nun mit Gold dazustehen, sagte sie. Neben dem EM-Titel erhielt sie auch 3.000 Euro Preisgeld. Erstmals wurden bei Europameisterschaften die besten acht Athletinnen und Athleten finanziell belohnt. Zusätzlich bekamen die Siegerinnen und Sieger eine aufblasbare Banane überreicht. Kevric meinte lachend, sie habe zunächst gar nicht gewusst, ob sie diese behalten dürfe – finde sie aber richtig cool.
Trainerfrage bleibt offen
Deutlich zurückhaltender reagierte Kevric, als es um ihre persönliche Trainingssituation ging. Fragen dazu wollte sie an diesem Tag möglichst ausklammern und stattdessen lieber über ihren sportlichen Auftritt sprechen. Seit den Missbrauchsvorwürfen am Kunst-Turn-Zentrum Stuttgart hatte sie Schwierigkeiten, mit ständig wechselnden Trainerinnen eine feste Struktur zu finden. Auch die Zusammenarbeit mit der US-Amerikanerin Aimee Boorman, die Simone Biles zur Weltklasse führte, sowie mit deren Landsfrau LaPrise Williams brachte keine dauerhafte Lösung.
Bundestrainer Wiersma sprach offener über das Thema. In Stuttgart werde Kevric derzeit von mehreren Trainerinnen betreut. Während ihrer Aufenthalte in Italien trainiere sie mit dem früheren Spitzenathleten Enrico Pozzo. Mit ihm und den übrigen Heimtrainern stehe er im regelmäßigen Austausch, erklärte Wiersma. Er sei stark mit dieser Situation befasst. Die Verantwortlichen würden Schritt für Schritt planen – zunächst bis zur EM, nun bis zur WM in acht Wochen. Für die Zukunft hoffe man auf eine dauerhaft stabile Lösung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber