Nach WM-Aus: Kanzlerlob für DFB-Team sorgt für Spott
Nach dem frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM war die Bewertung in vielen Medien eindeutig: von "Trauerspiel" bis "Blamage" reichten die Reaktionen. Eine deutlich positivere Sicht nahm ausgerechnet der Bundeskanzler ein.
Weniger als eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff schrieb er auf X, dass das Ausscheiden zwar wehtue, das Spiel aber mitreißend gewesen sei. Zudem lobte er Einsatz und Zusammenhalt der Mannschaft und erklärte, Deutschland könne stolz auf das Team sein.
Opposition wirft dem Kanzler Realitätsferne vor
Mit dieser Einschätzung traf der Kanzler allerdings kaum die Stimmung vieler Fans. In sozialen Netzwerken überwog Unverständnis, die Formulierung "Welches Spiel?" verbreitete sich rasch. Auch Politiker anderer Parteien reagierten mit Hohn.
Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann schrieb, sie wisse nicht, was schlimmer gewesen sei: die Partie oder die Bewertung des Kanzlers. Von anderer Seite wurde der Kommentar genutzt, um grundsätzliche Kritik an der Bundesregierung anzubringen. Aus der AfD hieß es sinngemäß, der Kanzler sei es gewohnt, schwache Leistungen schönzureden. Sevim Dagdelen vom BSW sprach von "Realitätsverlust auf Kanzlerniveau".
Der Kanzler verteidigte seine Haltung später erneut auf X. Er betonte, dass Erfolge gemeinsam gefeiert würden und man auch in Niederlagen zusammenstehen müsse. Wer für Deutschland spiele, verdiene Rückhalt und keinen Spott.
Niederlage kommt politisch zur Unzeit
Das Scheitern des DFB-Teams trifft den Kanzler auch deshalb unglücklich, weil er seit Längerem beklagt, in Deutschland werde zu viel schlechtgeredet und zu wenig Zuversicht gezeigt. Nun ist die Nationalmannschaft erneut bereits vor dem Achtelfinale ausgeschieden – zum dritten Mal in Folge.
Dabei hatte er auf einen positiven Effekt des Turniers für die Stimmung im Land gehofft. Schon Anfang Mai hatte er in der ARD-Sendung Miosga gesagt, ein erfolgreiches Abschneiden der Mannschaft könne das gesellschaftliche Klima spürbar verbessern. Sogar ein Einzug ins Finale schien er damals für möglich zu halten.
Frankreich schon früh als schwieriger Gegner im Blick
Bereits in der Vorrunde war der Optimismus jedoch gedämpft. Beim G7-Gipfel verfolgte der Kanzler auf seinem Handy Teile des französischen 3:1 gegen Senegal. Schon da zeichnete sich ab, dass Deutschland im Achtelfinale auf Frankreich hätte treffen können.
In einem RTL-Interview sagte er damals, er habe den möglichen Termin eines Achtelfinals bereits im Kopf – und wisse auch, wer der Gegner sein könnte. Gegen Frankreich werde es "verdammt schwer", so seine Einschätzung.
Keine USA-Reise, stattdessen Reformstress
Wäre Deutschland gegen Paraguay weitergekommen, hätte der Kanzler womöglich sogar eine Reise in die USA in Erwägung gezogen, um ein Duell mit Frankreich vor Ort zu verfolgen. Diese Überlegung hat sich nun erledigt.
Statt eines möglichen WM-Schubs für die nationale Stimmung steht nun schlechte Laune im Land im Raum – ausgerechnet vor wichtigen Gesprächen über das große Reformpaket der Koalition. Union und SPD wollen dazu in den kommenden Tagen Entscheidungen treffen. Ein Erfolg der Nationalelf hätte den Teamgeist in diesen schwierigen Verhandlungen womöglich eher gefördert.
Ein Bild bleibt von dieser WM
Von der WM wird für den Kanzler am Ende wohl vor allem eine Szene in Erinnerung bleiben: Beim G7-Gipfel überreichte er US-Präsident Donald Trump zu dessen 80. Geburtstag ein Deutschland-Trikot. Trump nahm das Geschenk mit eher verhaltener Freude entgegen, lächelte kurz und legte es anschließend beiseite.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber