Vingegaard nach Tour-Sturz mit Schlüsselbeinbruch raus – Evenepoel siegt, Pogacar kritisiert Nachtkontrollen
Jonas Vingegaard hat die 113. Tour de France nach einem Sturz auf der 15. Etappe vorzeitig beendet. Der zweimalige Toursieger kam 22 Kilometer vor der Bergankunft am Plateau de Solaison in einem Kreisverkehr zu Fall. Später bestätigte sein Team Visma einen Schlüsselbeinbruch. Wegen der Schwere der Verletzung sei ein operativer Eingriff empfohlen worden, der in den kommenden Tagen erfolgen solle. Auch über das Tour-Ende hinaus werde der Däne zunächst pausieren müssen.
Mit bandagiertem rechten Arm und an der rechten Schulter stieg der 29-Jährige zunächst in einen Rettungswagen und wurde anschließend zum Röntgen-Mobil gebracht. Visma-Sportdirektor Marc Reef sagte kurz nach dem Vorfall: „Jonas hat Schmerzen. Das ist natürlich ein Schlag.“ Der Unfall überschattete den gesamten Rennverlauf auf dem Weg zum Schlussanstieg.
Vingegaard war als Zweiter der Gesamtwertung mit 4:30 Minuten Rückstand auf Spitzenreiter Tadej Pogacar in die Etappe gestartet und lag weiter auf Podiumskurs in Paris. Der Kapitän des Visma-Teams hatte die Tour 2022 und 2023 gewonnen, in den beiden darauffolgenden Jahren war er jeweils Zweiter geworden.
Pogacar reagiert betroffen
Pogacar zeigte sich nach dem Aus seines Dauerrivalen sichtlich bewegt. Der Slowene sprach von einer traurigen Situation und betonte, die Tour werde ohne Vingegaard nicht dieselbe sein. Seit 2021 hätten beide den Sieg meist unter sich ausgemacht, inzwischen seien sie einander nähergekommen.
Zugleich übte Pogacar deutliche Kritik an den nächtlichen Dopingkontrollen vor der Etappe. Er sprach von einer „unmenschlichen“ Situation und verwies auf den zerstörten Schlaf. Pogacar sagte, er habe nur vier Stunden geschlafen und sei um fünf Uhr morgens kontrolliert worden. Mit Blick auf Vingegaards Unfall meinte er, nach einer solchen Nacht sei dessen Tour nun ruiniert.
Auch Vingegaard hatte die Kontrolle vor dem Start als „große Überraschung“ bezeichnet. Nach seinen Angaben dauerte es rund 40 Minuten, bis er wieder im Bett war.
Evenepoel holt den Tagessieg
Sportlich ging der Etappensieg an Remco Evenepoel. Der Belgier setzte sich im Schlusssprint gegen Pogacar durch und bescherte dem deutschen Red-Bull-Team den ersten Tagessieg dieser Tour. Isaac del Toro aus Mexiko wurde Dritter.
Evenepoel sprach anschließend von einem besonders wichtigen Erfolg. Er habe sich am letzten Berg gegen den aus seiner Sicht besten Fahrer der Geschichte behauptet. Zudem sei der Sieg auch eine Antwort auf Zweifel gewesen, ob er bei langen Anstiegen mithalten könne.
Lipowitz mit kleinem Rückschlag – Unterstützung für Evenepoel wohl wahrscheinlich
Deutschlands Hoffnungsträger Florian Lipowitz blieb zwar vom Sturz unbehelligt, musste am Schlussanstieg aber einen kleinen sportlichen Rückschlag hinnehmen. Rund sieben Kilometer vor dem Ziel konnte der 25-Jährige nicht mehr mitgehen und erreichte das Ziel 58 Sekunden nach Evenepoel.
Dass sein Teamkollege Pogacar folgen konnte und schließlich die Etappe gewann, dürfte die Kapitänsfrage bei Red Bull eine Woche vor Paris vorerst zu dessen Gunsten geklärt haben. Lipowitz deutete selbst an, dass es darauf hinauslaufen könnte, Evenepoel zu unterstützen. Zugleich zeigte er sich weiter optimistisch und betonte, dass noch sehr harte Tage bevorstünden. Das wichtigste Ziel sei, am Ende einen Fahrer des Teams auf das Podium zu bringen.
Trotz des eigenen kleinen Einbruchs freute sich Lipowitz über den Erfolg seines Teamkollegen und sprach von einem Riesenerfolg für die Mannschaft.
Gesamtwertung neu sortiert
In der Gesamtwertung führt Pogacar nun mit fünf Minuten Vorsprung vor Evenepoel. Del Toro liegt mit 5:58 Minuten Rückstand auf Rang drei. Lipowitz verbesserte sich vom sechsten auf den fünften Gesamtrang, hat nun aber 6:48 Minuten Rückstand auf Pogacar und 1:48 Minuten auf Evenepoel.
Mit Blick auf das kommende Einzelzeitfahren am Dienstag über 26 Kilometer zwischen Évian-les-Bains und Thonon-les-Bains am Genfersee gilt Evenepoel als großer Favorit.
Weitere bittere Wendung für Vingegaard
Für Vingegaard ist der Ausstieg ein weiteres Kapitel anhaltenden Sturzpechs. 2024 war er bei der Baskenland-Rundfahrt schwer gestürzt und erst kurz vor dem Tour-Start wieder fit geworden. Im vergangenen Jahr musste er nach einem Sturz bei Paris-Nizza ebenfalls aufgeben.
Am ersten Ruhetag hatte Vingegaard noch von Rücktrittsgedanken im Vorjahr berichtet. Wegen der wiederholten Rückschläge seien gemeinsam mit dem Team Veränderungen vorgenommen worden. Bei dieser Tour wollte der Däne Pogacar erneut herausfordern und war in guter Form an den Start gegangen.
Sturz vor dem Schlussanstieg
Der Sturz ereignete sich auf dem Weg zum Schlussanstieg zum Plateau de Solaison. Neben Vingegaard kamen auch Pogacars Teamkollege Felix Großschartner und del Toro zu Fall. Der Österreicher und der Mexikaner konnten ihre Fahrt jedoch fortsetzen.
Am Montag steht der zweite Ruhetag an. Am Dienstag folgt mit dem Einzelzeitfahren am Genfersee die nächste wichtige Prüfung im Kampf um das Gesamtklassement.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber