Pogacar fährt im Gelben Trikot nach Paris – und krönt sich zum fünften Tour-Sieg
Tadej Pogacar reckte auf den Champs Élysées fünf Finger in den wolkenverhangenen Pariser Abendhimmel, dann begann Arm in Arm mit seinen Teamkollegen die große Feier. Zuvor hatte der Weltmeister beim furiosen Tour-Finale in Paris noch einmal für ein spektakuläres Kletterstück am Montmartre gesorgt. Der Prestigesieg auf dem Prachtboulevard blieb ihm zwar verwehrt, weil Klassiker-Rivale Mathieu van der Poel das packende Finale für sich entschied. Für Pogacar war das jedoch nur ein kleiner Schönheitsfehler an einem Abend seiner großen Krönung am Arc de Triomphe.
Mit seinem fünften Gesamtsieg bei der Tour de France hat der 27 Jahre alte Slowene Radsport-Geschichte geschrieben. Damit gehört er nun zum exklusiven Kreis der Fünffach-Sieger mit Eddy Merckx, Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain. Die sieben Tour-Erfolge von Lance Armstrong werden nach ihrer Aberkennung wegen Dopingvergehen nicht mehr gezählt.
„Es war ein großartiger Tag. Ich bin sprachlos. Ich bin froh, dass es vorbei ist, dass ich zum fünften Mal gewonnen habe“, sagte Pogacar. Besonders bemerkenswert sei für ihn auch die Konstanz: Siebenmal die Tour gefahren, siebenmal auf dem Podium. Sein Teamkollege Nils Politt kündigte passend zu den Feierlichkeiten schon an, dass „der ein oder andere Korken knallen“ werde.
Auf den 3245 Kilometern von Barcelona nach Paris beherrschte Pogacar die Rundfahrt erneut fast nach Belieben. Fünf Etappensiege, mehr als sechs Minuten Vorsprung im Gesamtklassement auf den zweitplatzierten Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel und neue Kletter-Bestzeiten in Alpen und Pyrenäen unterstrichen seine Ausnahmestellung. Evenepoel sprach selbst von einer „Mission impossible“, sobald Pogacar angriff. Die französische Sportzeitung L’Équipe adelte ihn dafür bewundernd als „Menschenfresser“.
In den Bergen kaum zu schlagen
Vor allem im Hochgebirge war Pogacar für die Konkurrenz kaum erreichbar. Sobald der Weltmeister das Tempo verschärfte, konnten seine Rivalen meist nicht mehr folgen. Besonders eindrucksvoll war sein Auftritt an der legendären Alpe d’Huez: Dort fuhr er in den berühmten 21 Serpentinen zu einer starken Ausreißergruppe auf und nahm ihr innerhalb kurzer Zeit rund dreieinhalb Minuten ab.
Dabei stellte er zugleich eine neue Bestmarke auf. Für die 13,8 Kilometer des Schlussanstiegs benötigte Pogacar 35:26 Minuten und war damit 1:24 Minuten schneller als Marco Pantani bei dessen Rekordfahrt 1995. Mit einem Schnitt von mehr als 23 km/h galt diese Leistung vielen Experten als außergewöhnlich. Schon zuvor hatte der Slowene am Col du Tourmalet ebenfalls eine neue Bestzeit aufgestellt.
Trotzdem gibt sich Pogacar betont nüchtern. Rekorde, sagt er, seien für ihn zweitrangig – entscheidend sei allein der Sieg.
Schon 26 Etappensiege bei der Tour
Mit seiner diesjährigen Ausbeute steht Pogacar inzwischen bei 26 Etappensiegen bei der Tour de France. Vor ihm liegen in der ewigen Rangliste nur Mark Cavendish mit 35 Erfolgen, Eddy Merckx mit 34 und Bernard Hinault mit 28.
Da Pogacar unterwegs auch seinem drittplatzierten Teamkollegen Isaac del Toro half, hätte seine Bilanz sogar noch größer ausfallen können. Bleibt er auf diesem Niveau, könnte er schon bald auch diese Bestmarken angreifen.
Selbst sieht Pogacar seinen Vorsprung weniger in einem gewaltigen Leistungssprung als in der Summe vieler Kleinigkeiten. Seit 2024 sei er nach eigener Einschätzung nicht grundsätzlich stärker geworden, aber deutlich erfahrener. Gerade im Detail habe er sich verbessert.
Merckx traut ihm noch mehr zu
Eddy Merckx sieht den Slowenen längst auf dem Weg zu noch größeren Bestmarken. Der Belgier glaubt nicht, dass Pogacar sich damit zufriedengeben wird, mit den großen Tour-Champions gleichgezogen zu haben. Aus seiner Sicht könnte Pogacar den Rekord an Gesamtsiegen schon bald alleine halten.
Verkürzte Schlussetappe wegen Waldbränden
Seine Krönungsfahrt am Sonntag musste kurzfristig umgestaltet werden. Wegen heftiger Waldbrände im Raum Bordeaux wurde die letzte Etappe verkürzt und komplett in Paris ausgetragen. Ein Teil der eigentlich vorgesehenen Sicherheitskräfte wurde abgezogen, um die Einsatzkräfte in den betroffenen Gebieten zu verstärken.
Dadurch entfiel der Startort Thoiry. Statt 133 Kilometern standen nur noch 88,7 Kilometer auf dem Programm. Zudem wurden die Gesamtzeiten vor dem Finale mit den drei Überquerungen des Montmartre-Hügels neutralisiert, sodass im Klassement keine Zeitverluste mehr drohten.
Kein deutscher Etappensieg – Kanter mit Achtungszeichen
Aus deutscher Sicht blieb erneut ein Tagessieg aus. Max Kanter sorgte auf der Schlussetappe mit Rang vier immerhin für ein Achtungszeichen. Der letzte deutsche Tour-Etappensieg liegt damit bereits fünf Jahre zurück – damals gewann ausgerechnet Pogacars heutiger Helfer Nils Politt in Nîmes.
Lipowitz auf dem Weg zurück
Dazu kam der bittere Ausfall von Florian Lipowitz. Der Bergspezialist, im Vorjahr noch Dritter der Tour, zog sich im Einzelzeitfahren einen Schlüsselbeinbruch zu und musste das Finale von zu Hause verfolgen. „Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut. Die OP ist gut verlaufen. Ich bin jetzt schon wieder daheim und fokussiere mich auf die Erholung“, sagte der 25-Jährige während der Schlussetappe in einer ARD-Zuschaltung.
Ob Lipowitz rechtzeitig für die Weltmeisterschaften zurückkehrt, ist noch offen. „Ich freue mich, wenn ich wieder ganz schmerzfrei bin. Ich habe noch mit den Rippen und dem Atmen zu kämpfen“, sagte er. Bundestrainer Jens Zemke hält ein Comeback bis dahin aber für realistisch. Vermutlich hätte es für Lipowitz selbst ohne den Sturz nur schwer zum Podium gereicht, da Teamkollege Evenepoel den stärkeren Eindruck hinterließ. Das könnte im Red-Bull-Team künftig auch die Frage nach der Kapitänsrolle neu aufwerfen. Auch Isaac del Toro präsentierte sich in den Bergen stärker.
Teamchef vergleicht ihn mit Federer
Für sein Team UAE setzt Pogacar inzwischen Maßstäbe, die weit über den Radsport hinausreichen. Er kann mit langen Solofluchten gewinnen, notfalls aber ebenso im Sprint. Teamchef Mauro Gianetti schwärmte entsprechend und bezeichnete ihn als weltweite Persönlichkeit mit der Aura, dem Charisma und der Anziehungskraft eines Roger Federer.
Nicht alle jubeln ihm zu
So dominant Pogacar auch auftritt, uneingeschränkte Begeisterung löst das nicht bei jedem aus. An der Strecke war vereinzelt auch Missfallen zu hören. Der Slowene reagierte gelassen. Solche Reaktionen machten ihn und sein Team eher noch stärker, sagte er. Wenn er ausgebuht werde, denke er an Novak Djokovic und lasse sich davon motivieren. Zugleich betonte Pogacar, dass ihm die große Mehrheit der Menschen positiv gegenüberstehe.
Die nächsten Ziele warten schon
Für Pogacar, der noch bis 2030 bei UAE unter Vertrag steht, richten sich die Blicke bereits auf die kommenden Aufgaben. Die Vuelta a España fehlt ihm noch in seiner Sammlung großer Rundfahrterfolge. Auch Paris-Roubaix konnte er bislang trotz zweier zweiter Plätze noch nicht gewinnen. Und dass ihm das Regenbogentrikot des Weltmeisters mindestens so viel bedeutet wie das Gelbe Trikot der Tour, ist ohnehin kein Geheimnis.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber