Die Ablehnung einer Olympia-Bewerbung in Hamburg ist für die deutschen Sportfunktionäre ein Rückschlag und zugleich ein Warnhinweis. Aus dem bisherigen Vierkampf um die deutsche Kandidatur für Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 ist nach dem deutlichen Votum in der Hansestadt nun ein Dreikampf geworden. DOSB-Präsident Thomas Weikert betonte jedoch, dass es bundesweit weiterhin eine Mehrheit für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland gebe.
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zog die Bewerbung unmittelbar nach dem Ergebnis zurück. Damit bleiben nur noch München, die Rhein-Ruhr-Region mit Köln als Mittelpunkt sowie Berlin im Rennen um die Auswahl durch den Deutschen Olympischen Sportbund. Sportstaatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) forderte, im weiteren Verfahren nun das Konzept mit den besten Erfolgsaussichten zu identifizieren und auch international überzeugend zu präsentieren.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Frist für die Einreichung der Unterlagen beim DOSB endet am Donnerstagabend. München und Rhein-Ruhr haben sich vorab in Bürgerentscheiden Rückhalt gesichert. In Berlin sprach sich das Abgeordnetenhaus mehrheitlich für eine Bewerbung aus.
In den kommenden Monaten werden DOSB und Fachverbände die Konzepte anhand einer Bewertungsmatrix prüfen. Entscheidend sind dabei vor allem die internationale Anziehungskraft und die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Eine Evaluierungskommission soll anschließend eine Empfehlung aussprechen. Die endgültige Entscheidung fällt am 26. September bei einer außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung in Baden-Baden.

Welche Folgen hat das Hamburger Nein?
DOSB-Vorstandschef Otto Fricke sprach mit Blick auf zuvor 19 erfolgreiche Abstimmungen von einer frustrierenden Entwicklung. Dass Hamburg nach 2015 erneut gegen Olympia votierte, könnte die deutsche Position gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee zunächst schwächen.
Der DOSB will diesen Eindruck aber vermeiden. Fricke wertete das Ergebnis vielmehr als Bestätigung dafür, dass Referenden und andere Beteiligungsformate der richtige Weg seien. Die Hoffnung: Die zahlreichen positiven Bürgerentscheide in anderen Regionen wiegen am Ende schwerer als der Gegenwind aus Hamburg.
Wer liegt im nationalen Rennen vorne?
München dürfte mit guten Karten in die Schlussphase gehen. Beim Bürgerentscheid stimmten 66,4 Prozent für die Bewerbung. Das war weltweit das erste erfolgreiche Referendum zu Sommerspielen und damit ein starkes Signal. Hinzu kommen das olympische Erbe von 1972, die wirtschaftliche Stärke der Stadt und ihre hohe internationale Bekanntheit.
Wie stehen die Chancen von Berlin und Rhein-Ruhr?
Berlin bringt als Hauptstadt viel internationale Ausstrahlung, Geschichte und bekannte Wahrzeichen mit. Die Stadt könnte damit an das Beispiel von Paris 2024 anknüpfen. Allerdings galten die Berliner Pläne lange als wenig entschlossen. Weil aus verfassungsrechtlichen Gründen kein Referendum stattfand und die Opposition im Fall eines DOSB-Zuschlags einen Volksentscheid gegen Olympia in Aussicht stellt, wäre Berlin für den DOSB mit politischem Risiko verbunden.
Die Rhein-Ruhr-Region erhielt bei Abstimmungen in den beteiligten Kommunen ähnlich viel Zustimmung wie München. Die Verantwortlichen verweisen vor allem auf das Potenzial von bis zu 14 Millionen verkauften Tickets. Offen ist jedoch, wie attraktiv das IOC eine Region einschätzt, die international weniger Strahlkraft besitzt als Berlin oder München.
Wie realistisch ist eine deutsche Bewerbung insgesamt?
IOC-Mitglied Michael Mronz bezeichnete den Wettbewerb als hart. Deutschland müsse vorbereitet sein, sobald Europa wieder an der Reihe sei. Als mögliche Bewerber für 2036 gelten unter anderem Indien und Katar. In Europa beschäftigen sich Madrid, Budapest und Istanbul mit Olympia-Plänen. Auch der Norden Großbritanniens denkt über eine Bewerbung für die Zeit nach 2040 nach.
Noch ist allerdings unklar, wann und nach welchen Regeln künftige Spiele vergeben werden. Die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat eine Kommission eingesetzt, die den aktuellen Vergabeprozess überprüfen soll. Ergebnisse werden bis Ende Juni erwartet. Danach wollen auch die deutschen Planer ihr weiteres Vorgehen anpassen.
Warum will Deutschland die Spiele ausrichten?
Aus Sicht von Fachverbänden, Athletenvertretern und Bundesregierung könnte eine Olympia-Bewerbung dem deutschen Sport ein wichtiges Fernziel geben. Damit verbinden sich Hoffnungen auf bessere finanzielle Rahmenbedingungen und strukturelle Verbesserungen. Sportstaatsministerin Schenderlein hatte nach den jüngsten Winterspielen in Italien betont, Deutschland wolle und brauche diese Spiele.
Was führen Kritiker an?
Gegner einer Bewerbung warnen vor enormen Kosten. Ihrer Ansicht nach sind in aktuellen Kalkulationen wichtige Posten wie Sicherheitsausgaben noch nicht vollständig berücksichtigt. Zudem bezweifeln sie, dass Olympische Spiele tatsächlich nachhaltige Vorteile für den Breitensport bringen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion