Gut eine Stunde nach seinem hart erkämpften EM-Sieg war Leo Neugebauer die Anspannung schon wieder kaum anzusehen. Hinter dem Alexander Stadium sprang der Zehnkämpfer mit Freunden und Familie auf einer Wiese vor Freude umher und strahlte über das ganze Gesicht. Von den Strapazen des Wettkampfs war beim 26-Jährigen in diesem Moment kaum noch etwas zu merken.
Dabei hatte der Weltmeister, der sich in Birmingham nun auch den Europameistertitel sicherte, zuvor einen extrem kräftezehrenden Mehrkampf hinter sich gebracht. Besonders das direkte Duell mit seinem deutschen Teamkollegen Niklas Kaul machte den Kampf um Gold bis zum Schluss spannend. Neugebauer sprach anschließend von einem deutlich dramatischeren Verlauf als bei seinem WM-Triumph in Tokio vor knapp einem Jahr. Gerade bei seiner ersten EM habe er sich selbst beweisen wollen.
Neugebauer zeigt seine Kämpferqualitäten
Für ihn sei der Titel vor allem eine wichtige Bestätigung nach dem Erfolg in Tokio gewesen, erklärte Neugebauer. Zugleich habe er sich selbst zeigen wollen, dass er in entscheidenden Momenten leiden und durchhalten könne — eine Eigenschaft, die für einen starken Zehnkämpfer unverzichtbar sei.
Als Favorit angereist, hielt Neugebauer dem großen Druck stand. Auch mehrere Rückschläge brachten ihn nicht aus dem Konzept. Ein schwacher 400-Meter-Lauf am Ende des ersten Tages, Schwierigkeiten im Stabhochsprung durch falsch eingestellte Höhen und unpassende Ständerabstände sowie Beschwerden an der Wade forderten ihn körperlich wie mental.
Neugebauer sagte, im Zehnkampf tauchten immer wieder unerwartete Probleme auf, mit denen man umgehen müsse. Am Ende habe es aber gereicht. Dass er im abschließenden 1.500-Meter-Lauf noch einmal alles aus sich herausholen musste und völlig erschöpft ins Ziel kam, lag auch an Kauls starker Aufholjagd.
Kaul freut sich über Silber
Der 28-Jährige spielte am traditionell starken zweiten Wettkampftag seine Qualitäten aus und kämpfte sich noch einmal heran. Am Ende fehlten ihm lediglich 38 Punkte zu Gold. Kaul betonte danach, dass er die Silbermedaille gewonnen habe — und nicht etwa Gold verloren.
Für Kaul ist es der größte Erfolg seit seinem EM-Triumph vor vier Jahren in München. Der Weltmeister von 2019 sagte, er habe in den vergangenen Jahren gelernt, wieder mit Freude Zehnkampf zu betreiben. Nach den enttäuschenden Olympischen Spielen in Paris, die er nur auf Rang acht beendet hatte, habe bei ihm ein Umdenken eingesetzt.
Damals sei er zu verbissen der olympischen Medaille hinterhergelaufen und damit gescheitert, erklärte Kaul. Schon das vergangene Jahr sei dann wieder deutlich besser gewesen, unter anderem mit Platz vier bei den Weltmeisterschaften.
Blick nach vorn
Auch in Zukunft will Kaul seinem deutschen Rivalen das Leben schwer machen. Dafür müsse er in ein oder zwei Disziplinen noch zulegen, damit das Duell in den kommenden Jahren spannend bleibe, sagte er. Mit der konkreten Analyse wolle er sich aber erst später beschäftigen. Zunächst steht für ihn das Feiern der Silbermedaille im Vordergrund — so wie bei Neugebauer der verdiente EM-Titel.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber