Victoria Carl arbeitet auf ihr Comeback hin
Als Victoria Carl Ende September in Oberhof erstmals wieder auf ihre Teamkolleginnen traf, konnte sie ihre Gefühle nicht zurückhalten. Die Skilangläuferin sagte, sie habe sich eigentlich vorgenommen, nicht zu weinen – in diesem Moment sei das aber unmöglich gewesen.
Seitdem bereitet sich die wegen eines Dopingvergehens gesperrte Olympiasiegerin im Teamsprint von 2022 wieder gemeinsam mit der Mannschaft auf ihre Rückkehr vor. Nach Ablauf ihrer 18-monatigen Sperre ist das Comeback beim Weltcup vom 4. bis 6. Dezember in Trondheim geplant. Carl machte deutlich, wie groß ihre Sehnsucht nach Wettkämpfen ist: Am liebsten würde sie sofort wieder mit Startnummer antreten, müsse sich aber noch etwas gedulden.
Bereits eine Woche vor dem Weltcup möchte die 31-Jährige beim Fis-Rennen im norwegischen Gaalaa erstmals wieder starten, um die nötigen Punkte für die Rückkehr in den Weltcup zu sammeln. Die letzten Grundlagen dafür will sie sich in den ersten beiden Novemberwochen in einem Trainingslager mit dem deutschen Team im finnischen Muonio holen.
Viele Gespräche nach der Rückkehr ins Team
Innerhalb der deutschen Mannschaft wurde die Thüringerin laut DSV-Sportdirektor Peter Schlickenrieder herzlich aufgenommen. Das Wiedersehen sei sehr emotional gewesen, berichtete er. Zugleich habe es aber auch intensive und sachliche Gespräche gegeben.
Der Grund: Im März 2025 war Carl positiv auf Clenbuterol getestet worden. Entsprechend habe es im Team zahlreiche Fragen gegeben – etwa, warum der Fall nicht früher angegangen worden sei und wie es überhaupt dazu kommen konnte. Schlickenrieder sagte, die Mannschaft habe den Vorgang gemeinsam mit Carl sehr gründlich aufgearbeitet, auch um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Ihre Schilderungen seien so detailliert und nachvollziehbar gewesen, dass einige Kolleginnen erkannt hätten, dass ihnen so etwas ebenfalls passieren könnte.

Für den Sportdirektor war vor allem wichtig, wie offen, ehrlich und direkt innerhalb des Teams über den Fall gesprochen wurde. Diese Auseinandersetzung könne helfen, ähnliche Situationen künftig zu vermeiden. Zudem betonte er, Carl könne der Mannschaft mit ihren Erfahrungen auch sportlich weiterhelfen.
Carl selbst hatte den positiven Befund mit der Einnahme des Hustenmittels Spasmo Mucosolvan erklärt. Dieses sei ihr während der Militär-WM von einem Bundeswehrarzt verabreicht worden. Das Präparat wird vor allem bei Atemwegserkrankungen wie Asthma eingesetzt. Nach langen Monaten voller Selbstzweifel sehe sie nun wieder Hoffnung.
Verband und Team stehen hinter ihr
Nach der positiven Probe und der Sperre, durch die sie auch die Olympischen Winterspiele in diesem Jahr verpasste, sei für sie zunächst eine Welt zusammengebrochen, sagte Carl. Nun versuche sie Schritt für Schritt, sich alles wieder aufzubauen. Jeder Mensch mache Fehler, erklärte sie, niemand sei eine Maschine – und jeder verdiene eine zweite Chance. Diese wolle sie nun bestmöglich nutzen.
Rückhalt bekommt die Vorjahres-Zweite im Gesamtweltcup sowohl vom Verband als auch aus der Mannschaft. Schlickenrieder sagte, ihr Ausfall habe das Team hart getroffen. Umso größer sei nun die Freude über ihre Rückkehr. Er lobte Carl als sehr eigenverantwortliche Athletin, die offen mit Fehlern umgehe.
Johaug als mögliches Beispiel
Für ihr Comeback kann Carl auch auf ein prominentes Beispiel blicken: Therese Johaug. Die Norwegerin war 2016 ebenfalls nach einer positiven Dopingprobe für 18 Monate gesperrt worden und feierte danach eine äußerst erfolgreiche Rückkehr mit drei weiteren Olympiasiegen und sieben WM-Titeln. Wie Carl hatte auch Johaug damals ihre Unschuld beteuert und ein medizinisches Produkt als Ursache genannt.
Schlickenrieder sieht zwischen beiden Fällen durchaus Gemeinsamkeiten. Deshalb warnt er davor, vorschnell zu urteilen. Schnelle Vorverurteilungen seien äußerst problematisch, sagte er.
Wie stark ist Carl bei ihrem Neustart?
Mit Spannung blickt der Sportdirektor auf Carls sportliche Rückkehr. Er traue ihr eine starke Wiederkehr zu und betonte, sie befinde sich leistungsmäßig mindestens wieder auf dem Niveau von vor der Sperre.
Gleichzeitig will er den Druck nicht zu sehr erhöhen. Die große Vorfreude und Motivation könnten auch in Übermotivation umschlagen, warnte Schlickenrieder. Deshalb sei es wichtig, ruhig zu bleiben und die Erwartungen nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen.
Carl selbst hat ihre Ziele allerdings bereits hoch gesteckt. In der kommenden Saison wolle sie die Beste sein, sagte die zweimalige WM-Medaillengewinnerin kürzlich im Podcast Be Proud Talk. Ob das am Ende gelinge, sei offen – das Ziel aber stehe fest. Sie wolle stärker zurückkommen als zuvor.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber