Florian Lipowitz griff in der brütenden Hitze des Zentralmassivs auf der letzten Etappe vor dem ersten Ruhetag schnell zu Trinkflaschen aus dem Teamwagen – und reichte kurz darauf auch Remco Evenepoel eine davon.
Im Profiradsport ist das eigentlich eine ganz alltägliche Szene. Auffällig war diesmal eher, dass das französische Fernsehen diesen Moment bei der Tour de France ausführlich zeigte. Das machte deutlich, wie genau das Verhältnis der beiden Red-Bull-Kapitäne nach den ersten Spannungen beobachtet wird. Auch bei Eurosport in Deutschland sorgten die Bilder für belustigte Reaktionen.
Lipowitz selbst wollte daraus kein großes Thema machen. Er blickte lieber auf das Sportliche. "Ich glaube, wir können so weit happy sein", sagte er. "Wir können jetzt nach vorne schauen."
Evenepoel teilt öffentlich gegen Lipowitz aus
Trotzdem wird derzeit fast jeder gemeinsame Auftritt der beiden Teamkollegen genau analysiert. Der Grund ist vor allem die deutliche öffentliche Kritik des belgischen Olympiasiegers nach der Bergetappe in den Pyrenäen. "Ich habe um einen Kilometer Führungsarbeit gebeten, aber das ging nicht", hatte Evenepoel verärgert gesagt.
Am Ruhetag verzichtete das Team auf eine Presserunde. Gerade deshalb dürfte die Diskussion um die interne Rollenverteilung weitergehen. Seit Evenepoels Verpflichtung wird schließlich darüber gesprochen, ob eine Doppelspitze mit dem meinungsstarken Belgier und dem eher ruhigen Lipowitz bei der Tour funktionieren kann.
Nach der kräftezehrenden ersten Woche sprach Lipowitz vor allem über die Bedingungen. Vor allem die Hitze habe allen zugesetzt. Außerdem sei der Start dieser Tour von Beginn an deutlich härter gewesen als im vergangenen Jahr.
Social-Media-Video sorgt für Spott
Innerhalb der Mannschaft wird zwar betont, dass sich beide gut verstehen und es keine grundlegenden Probleme gebe. Auch Lipowitz sagte nach Evenepoels Vorwürfen: "Ich glaube, es ist alles geklärt." Der Belgier hatte bemängelt, am Schlussanstieg der Pyrenäen-Etappe nicht genug Unterstützung bekommen zu haben. Im Sprint der Verfolger musste er sich am Ende Isaac del Toro aus Mexiko geschlagen geben.
Ein anschließend veröffentlichtes Video aus dem Teambus sollte die Lage beruhigen, löste in den sozialen Netzwerken aber neue Reaktionen aus. Darin sitzen Lipowitz und Evenepoel nebeneinander, während ein Teammitarbeiter hinter der Kamera sagt, draußen warte man auf einen heftigen Streit. Beide antworten gleichzeitig mit "Nein". Evenepoel ergänzt: "Man redet und man vergisst."
Doch gerade sein ernster Gesichtsausdruck wurde im Netz wieder aufgegriffen. Bei X wurde sogar scherzhaft von einem "Geiselvideo" gesprochen.
Ex-Profi Jens Voigt sagte bei Eurosport, er könne Evenepoels Frust zwar nachvollziehen, weil dieser den Sprint unbedingt habe gewinnen wollen. Trotzdem gelte im Radsport eine klare Regel: Die eigene Mannschaft kritisiere man nicht öffentlich. Genau das sei der Fehler gewesen.
Voigt bezweifelt deshalb, dass die Sache komplett erledigt ist. Seiner Einschätzung nach könnte ein kleiner schwelender Konflikt bleiben. Möglich sei auch, dass Evenepoel mit seiner deutlichen Ansage die Kapitänsfrage zu seinen Gunsten beeinflussen wollte.
Was passiert, wenn Lipowitz im Hochgebirge stärker ist?
Auf dem letzten, vergleichsweise leichteren Anstieg der Etappe übernahm Evenepoel in der Verfolgergruppe hinter Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard den Großteil der Arbeit. Auch im Zeitfahren von Barcelona war der Belgier stärker als Lipowitz.
Am ersten wirklich schweren Berg dieser Tour, dem Tourmalet, konnte er seinem deutschen Teamkollegen allerdings nicht folgen – anders als viele vor dem Rennen erwartet hatten. Genau solche Anstiege stehen in den kommenden Wochen noch öfter an. Dort dürfte sich auch der Kampf um die Podestplätze entscheiden.
Lipowitz rechnet damit, dass sich das Feld mit den schweren Etappen weiter auseinanderziehen wird. Gegen Ende der Woche, wenn es Richtung Markstein geht, erwartet er noch einmal Bewegung im Gesamtklassement.
Gut möglich also, dass sich die Hierarchie im Team bald von selbst klärt. Und dann könnte am Ende sogar Evenepoel derjenige sein, der Flaschen für Lipowitz holt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber