Niedersachsen

Schock in Stade: Mordkommission ermittelt

Sechsfacher Mord in Stade? Der 45-Jährige sitzt in U-Haft – und neue Details zum mutmaßlichen Motiv schockieren.

01.07.2026, 05:00 Uhr

Ermittlungen nach tödlicher Schussattacke in Stade laufen auf Hochtouren

Zwei Tage nach dem Gewaltereignis mit sechs Todesopfern in Stade treibt eine eigens eingesetzte Mordkommission die Ermittlungen weiter voran. Die Polizei setzt weiterhin stark auf Hinweise aus der Bevölkerung und bittet Zeuginnen und Zeugen erneut, Fotos oder Videos zu übermitteln, die zur Aufklärung der tödlichen Schüsse in der Jugendhilfeeinrichtung beitragen könnten. Der mutmaßliche Täter sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 45-jährigen Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit sechsfachen Mord vor. Nach bisherigen Erkenntnissen soll er während eines Gesprächs in der Einrichtung plötzlich eine mitgebrachte Schusswaffe gezogen und auf die Anwesenden geschossen haben. Fünf Menschen starben noch am Tatort, ein weiteres Opfer später im Krankenhaus.

Unter den Getöteten sind zwei Frauen und ein Mann aus dem Raum Hannover, die als Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover in der Stader Jugendhilfeeinrichtung waren. Getötet wurden zudem zwei Frauen und ein Mann, die dort als Beschäftigte der Einrichtung arbeiteten. Insgesamt kamen damit vier Frauen und zwei Männer ums Leben.

Nach den Schüssen floh der Verdächtige in einem Auto, das von einer 65-Jährigen gesteuert wurde. Polizeikräfte schossen auf die Reifen des Wagens und nahmen die Insassen fest. Nach bisherigen Erkenntnissen soll die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen haben. Sie wurde befragt und inzwischen aus dem Gewahrsam entlassen.

Verdächtiger soll schon zuvor aggressiv aufgefallen sein

Im Zentrum der Ermittlungen steht weiterhin ein möglicher Zusammenhang mit dem Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter des Tatverdächtigen. Nach bisherigen Erkenntnissen sollte es bei dem Termin in der Einrichtung um das Sorgerecht für das Baby gehen.

Zugleich werden weitere Hintergründe zum Mann bekannt. So führt die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Bedrohung. Nach Angaben der Behörde soll er am 22. April im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter an der Medizinischen Hochschule Hannover Ärzten gegenüber aggressiv aufgetreten sein und ihnen verbal gedroht haben. Dabei geht es laut Staatsanwaltschaft um die Behandlung des Kindes wegen eines Schütteltraumas.

Ob der Vater seine Tochter tatsächlich geschüttelt und verletzt hat, ist nach Angaben der Medizinischen Hochschule Hannover bislang nicht abschließend geklärt. Nach der Behandlung des Säuglings wurde demnach ein Verfahren wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen beide Eltern eingeleitet. Dieses läuft nach Klinikangaben noch.

Auch der Polizei war der 45-Jährige bereits bekannt. Nach Angaben von Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol galt er allerdings nicht als „absolut gewalttätig“.

OLG Celle befasst sich mit Sorgerechtsstreit

Im Sorgerechtsstreit ist das Oberlandesgericht Celle mit dem Fall befasst. Beide Elternteile haben nach Angaben einer Sprecherin Beschwerde gegen eine familiengerichtliche Eilentscheidung des Amtsgerichts Neustadt am Rübenberge eingelegt. Eine Entscheidung des OLG stand zuletzt noch aus.

Das Amtsgericht hatte unter anderem angeordnet, dass Mutter und Tochter gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Zudem blieb es dabei, dass beiden Elternteilen die Gesundheitssorge für das Kind entzogen ist.

Die Mutter des Kindes ist 34 Jahre alt. Sie wurde nach der Tat von der Polizei befragt. Nach der Schließung der betroffenen Mutter-Kind-Gruppe wurden sie und ihr Baby nach Angaben des Sozialministeriums anderweitig untergebracht.

Hilfeplangespräch fand nicht auf Anordnung eines Gerichts statt

Das Gespräch mit den Eltern im Rahmen der Jugendhilfe, bei dem es später zu der tödlichen Tat kam, fand nicht auf Anordnung oder Veranlassung eines Gerichts statt. Nach Darstellung des niedersächsischen Sozialministeriums ist es grundsätzlich üblich, dass Hilfeplangespräche dieser Art in einer Einrichtung und nicht etwa auf einer Polizeiwache oder bei Gericht stattfinden.

In Einzelfällen werde die Polizei hinzugezogen, wenn Kommunen oder Jugendämter die Gefahrenlage entsprechend einschätzen. Das sei hier nicht geschehen. Nach Angaben des Ministeriums werden mögliche Hinweise auf Gefährdungen durch Jugendämter grundsätzlich berücksichtigt; dafür gebe es auch entsprechende Ratgeber und Leitfäden. Ob darüber hinaus weitere Vorgaben oder zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, müsse nun diskutiert werden. Konkrete Aussagen zu Art und Umfang möglicher Maßnahmen seien derzeit aber noch nicht möglich.

Große Anteilnahme bei Gedenkfeiern in Stade und Hannover

Die Tat hat weit über Stade hinaus Entsetzen ausgelöst. In der Marktkirche Hannover versammelten sich Hunderte Menschen zu einer Gedenkandacht für die Opfer. Die Kirche war so voll, dass nicht alle Anwesenden einen Platz fanden. Unter den Trauernden waren Angehörige, Freunde, Bekannte und zahlreiche Kolleginnen und Kollegen der Getöteten. Viele Menschen zeigten sich tief erschüttert und weinten.

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sagte bei der Andacht, die Gewalttat habe das ganze Land schockiert. Mit Gebeten, Texten und Musik sollte ein Zeichen der Verbundenheit gesetzt werden – auch für die Beschäftigten in den Jugendämtern insgesamt.

Bereits am Vorabend hatte es in der St.-Wilhadi-Kirche in Stade einen ähnlichen Andrang gegeben. Auch dort kamen zahlreiche Menschen zusammen, um Trost und Halt zu finden.

Sozialarbeitende häufig Gewalt ausgesetzt

Nach Einschätzung der Bildungsgewerkschaft GEW arbeiten Beschäftigte in sozialen Einrichtungen oft unter hohem Druck. Gerade bei Themen wie Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung seien sie einem erhöhten Risiko verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Solche Übergriffe seien häufig in Dynamiken häuslicher Gewalt und patriarchaler Kontrollmuster verwurzelt.

Aus Sicht der GEW braucht es für einen besseren Schutz ein funktionierendes Zusammenspiel von Jugendämtern, Polizei und Trägern. Gleichzeitig bleibt das Grundproblem bestehen: Soziale Arbeit und Jugendhilfe leben von Vertrauen und leichter Zugänglichkeit. Würden Einrichtungen zu stark abgeschottet oder mit aufwendigen Sicherheitskontrollen versehen, könnte das Hilfesuchende zusätzlich abschrecken.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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