Auf dem Flug in die USA sah sich Joti Chatzialexiou noch einmal „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ an. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama erzählt, wie Oakland-A’s-General-Manager Billy Beane gemeinsam mit einem Wirtschaftsanalysten ein schlagkräftiges Team mit kleinem Budget formt. Grundlage ist ein Statistikverfahren, das unterbewertete Spieler sichtbar macht.
Knapp zehn Jahre liegt diese Reise inzwischen zurück. Damals arbeitete Chatzialexiou noch beim Deutschen Fußball-Bund und war für die Professionalisierung der Nationalmannschaften zuständig. Während eines Leadership-Programms in den USA traf der heutige Sportvorstand des 1. FC Nürnberg auch Beane persönlich, der im Film von Brad Pitt gespielt wird.
Baseball als Vorreiter bei der Datennutzung
Wie Chatzialexiou der Deutschen Presse-Agentur sagte, habe ihn diese Begegnung nachhaltig beeindruckt. Er nutze Daten zwar schon lange gern, sei aber nie ein klassischer „Daten-Nerd“ gewesen. Gerade deshalb habe ihn fasziniert, wie Billy Beane und dessen Kollegen im Baseball arbeiten. Dort würden in der Spielerakquise deutlich mehr Daten verwendet als im Fußball üblich gewesen seien.
Besonders beeindruckt habe ihn die Tiefe und Präzision der Auswertung. Das sei damals Welten von dem entfernt gewesen, was im Fußball üblich war.
Diese Vorliebe für analytische Arbeit prägt inzwischen auch seinen Alltag in Nürnberg. Der Club, der am Mittwoch in der zweiten Runde des DFB-Pokals bei Bayer Leverkusen für eine Überraschung sorgen will, gehört als Tabellenzweiter inzwischen zur Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Dazu beigetragen hat auch eine besondere Partnerschaft im Bereich Scouting und Datenanalyse.
Seit Juni 2025 kooperiert der 1. FC Nürnberg als exklusiver deutscher Partner mit Jamestown Analytics. Auch Brighton & Hove Albion, Royale Union Saint-Gilloise, Como 1907 und Heart of Midlothian FC arbeiten mit dem Unternehmen zusammen. Sie alle nutzen die Datenbanken von Jamestown Analytics als Grundlage für Transferentscheidungen – und sind sportlich derzeit erfolgreich.
Der Schlüssel liegt im Algorithmus
Chatzialexiou berichtete, er habe gezielt nach einem starken Datenanbieter gesucht. Über sein Netzwerk sei der Kontakt zu Jamestown Analytics entstanden, danach habe es mehrere Gespräche gegeben. Rückblickend sei die Zusammenarbeit eine der besten frühen Entscheidungen in Nürnberg gewesen, weil das Unternehmen den Club in den Transferfenstern wertvoll unterstützt und bei der Spielerakquise geholfen habe.
Das Herzstück von Jamestown Analytics ist ein streng geschützter Algorithmus. Die Firma ging aus Starlizard hervor, einem Unternehmen des Mathematikers und Pokerspielers Tony Bloom, das Gewinnwahrscheinlichkeiten im Sportwettenbereich berechnet. Bloom, der wegen seiner Kaltblütigkeit am Pokertisch den Spitznamen „Lizard“ erhielt, ist zudem Mehrheitseigner von Brighton.
Der frühere Southampton-Manager Nathan Jones bescheinigte Bloom eine klare Struktur und ein starkes Team. Trainerentscheidungen würden dort ebenso vernünftig getroffen wie Personalentscheidungen bei Spielern, die früh erkannt, verpflichtet und gezielt weiterentwickelt würden.
Daten entdecken Talente mit Potenzial
Sowohl in England als auch in Nürnberg half die intensive Datennutzung dabei, Spieler zu finden, die sportlich überzeugten und später hohe Transfererlöse ermöglichten. Ein prominentes Beispiel ist Nationalspieler Deniz Undav, der 2020 noch beim SV Meppen spielte, anschließend über Saint-Gilloise und Brighton zum VfB Stuttgart wechselte und seinen Marktwert massiv steigerte.
Auch Nürnberg profitierte davon. So wurde Mohamed Ali Zoma 2025 in der dritten italienischen Liga entdeckt. Der aktuell verletzte Angreifer zählt inzwischen zu den Topstürmern der 2. Bundesliga.
Erst Daten, dann der Charaktertest
Trotz aller Begeisterung für Statistiken will Chatzialexiou Transfers nicht allein auf Daten stützen. Viele Clubs arbeiteten zwar grundsätzlich so, sagte er, doch Zahlen könnten keinen Charakter abbilden. Für Nürnberg sei genau dieser Punkt ebenfalls wichtig.
Sportlich lieferten die Analysen eine sehr belastbare Grundlage. Im nächsten Schritt müsse aber geprüft werden, ob sich diese Eindrücke auch in einem Charaktertest bestätigten.
Am Ende gehe es um Menschen, betonte der Sportvorstand. Deshalb werde beim FCN niemand ausschließlich wegen guter Daten verpflichtet. Entscheidend sei auch, wie jemand in die Kabine und zur DNA des Vereins passe. Selbst große sportliche Qualität reiche nicht aus, wenn wichtige Charaktereigenschaften fehlten.
Mut zur Innovation zahlt sich aus
Die Zusammenarbeit mit Jamestown Analytics steht auch für den Mut und Innovationsdrang von Vereinen wie Nürnberg oder Como. Nach Einschätzung Chatzialexious war genau diese Offenheit ein wichtiger Faktor beim Zustandekommen der Partnerschaft.
Zwar könne Nürnberg nicht mit Europas größten Clubs konkurrieren, dafür aber gemeinsam mit dem Unternehmen etwas aufbauen. Das habe Jamestown Analytics offenbar überzeugt. Zugleich habe er gehört, dass andere deutsche Vereine anfangs deutlich zurückhaltender gewesen seien. Nürnberg habe sich dagegen bewusst und aus Überzeugung für diesen Weg entschieden – und sei heute dankbar für die enge und erfolgreiche Zusammenarbeit.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber