Gianni Infantino steht nach dem Zusammenbruch seiner milliardenschweren Investorenpläne stärker denn je unter Druck. Der FIFA-Präsident wollte sich beim 77. FIFA-Kongress im März in Rabat regulär für eine weitere und zugleich letzte Amtszeit von vier Jahren wählen lassen. Noch vor kurzer Zeit galt seine Wiederwahl als nahezu Formsache. Inzwischen hat sich die Lage deutlich verändert.
Mitten in der eskalierenden Debatte setzte Infantino in den sozialen Medien zwar noch einen harmlosen Akzent und gratulierte Bastian Schweinsteiger zum 42. Geburtstag. Doch der Weltverbandschef braucht derzeit selbst genau jene Eigenschaften, die er dem Ex-Weltmeister zuschrieb: Kampfgeist und Führungsstärke.
Vom WM-Hoch in die Krise
Noch vor wenigen Wochen konnte sich Infantino als Gewinner präsentieren. Die erstmals mit 48 Teams ausgetragene Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko stellte er trotz vieler Diskussionen als Erfolg dar. Nach FIFA-Angaben bzw. entsprechenden Berichten soll das Turnier rund 13,1 Milliarden Euro an Einnahmen eingebracht haben – mehr als jede WM zuvor.
Kurz darauf folgte jedoch der Vorstoß, der nun zur Belastung für seine Präsidentschaft geworden ist. Geplant war, rund 20 Prozent an einer neuen FIFA-Tochter namens FIFA Forward Enterprise (FFE) an private Investoren zu verkaufen. Das neue Unternehmen sollte zunächst mit 20 Milliarden Dollar bewertet werden und die kommerziellen Rechte zentral bündeln – darunter jene an der Männer- und Frauen-WM sowie an der Club-WM.
Brisant daran: Infantino hätte in dieser Tochtergesellschaft selbst als Geschäftsführer wirken können. Als wichtige Figur war zudem Technologieinvestor Joshua Kushner vorgesehen, der über seine Investmentfirma Thrive eine Schlüsselrolle hätte übernehmen sollen. Dessen Bruder Jared Kushner ist mit Ivanka Trump, der Tochter von US-Präsident Donald Trump, verheiratet.
Berichten zufolge setzte Infantino den 211 Mitgliedsverbänden für eine Zustimmung eine Frist bis zum 19. September und stellte im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht. Das Vorhaben scheiterte jedoch krachend. Auch Trump ging anschließend auf Distanz und erklärte, mit Infantino über solche Investorenpläne gar nicht gesprochen zu haben.
UEFA verschärft die Attacken
Besonders deutlich positioniert sich inzwischen die UEFA unter Präsident Aleksander Ceferin gegen den FIFA-Chef. Der europäische Dachverband erklärte, die derzeitige FIFA-Führung habe nicht nur das Vertrauen der UEFA, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie verloren.
Die Kritik beschränkt sich dabei nicht auf das inzwischen gestoppte Investorenmodell. Die UEFA warf Infantino vor, einen "schäbigen", hinter verschlossenen Türen eingefädelten und undurchsichtigen Deal vorangetrieben zu haben. Unterstützung erhält Ceferin dabei auch vom DFB um Präsident Bernd Neuendorf.
Zugleich kündigte die UEFA an, gemeinsam mit den Mitgliedsverbänden und in enger Abstimmung mit anderen Konföderationen aufzuarbeiten, wie es zu diesem Vorgang kommen konnte. Dabei solle keine Option von vornherein ausgeschlossen werden.
Zusätzlichen Sprengstoff liefert ein weiterer Vorwurf: Nach UEFA-Darstellung liegen beim Weltverband Rücklagen von mehr als fünf Milliarden US-Dollar weitgehend ungenutzt auf Konten. Dieses Geld müsse stattdessen dem Fußball in den Mitgliedsländern zugutekommen.
Tebas: Rückzug des Plans reicht nicht
Auch Spaniens Liga-Chef Javier Tebas hat seine Angriffe auf Infantino verschärft. In den sozialen Medien forderte er eine neue Führung für den Weltfußball – mit moderneren Strukturen, mehr institutioneller Glaubwürdigkeit und Entscheidungen, die gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden.
Tebas sieht das eigentliche Problem nicht allein in dem aufgegebenen Verkauf von Rechten. Aus seiner Sicht geht es um ein Führungsmodell, das Macht konzentriert, Kontrollmechanismen schwächt und direkt Betroffene an den Rand drängt. Der Rückzug des Vorhabens ändere daran nichts; er sei nur die Spitze des Eisbergs.
Wächst der Widerstand bis zum Misstrauensvotum?
Inzwischen wird nicht mehr nur über Kritik, sondern offen über konkrete Schritte gegen Infantino gesprochen. Die britische "Times" berichtete, der FIFA-Präsident könnte sich einer außerordentlichen Sitzung des FIFA-Rats stellen müssen, bei der seine Gegner ihn zum Rücktritt drängen.
Als weiterer Weg gilt ein außerordentlicher Kongress: Dafür müssten mindestens 43 der 211 FIFA-Mitgliedsverbände eine solche Versammlung verlangen und dort ein Misstrauensvotum auf den Weg bringen.
Bis zum 18. November können Bewerbungen für das Amt des FIFA-Präsidenten eingereicht werden. Ob es tatsächlich zu einer ernsthaften Kampfkandidatur gegen den Schweizer kommt, ist offen. Mehrere Namen werden bereits genannt.
Mögliche Gegenkandidaten
Aleksander Ceferin (58)
Der UEFA-Präsident gilt als erfahrener Machtpolitiker und führt derzeit den europäischen Widerstand gegen Infantino an. Der slowenische Jurist stilisiert sich gern als Gegenmodell zum FIFA-Chef, auch wenn er selbst die Kommerzialisierung der UEFA konsequent vorangetrieben hat. Vor seinem geplanten Abschied als UEFA-Präsident 2027 hatte Ceferin bereits erklärt, jede Organisation brauche irgendwann "frisches Blut". Ob er diesen Gedanken nun auf die FIFA anwendet, ist offen – logisch wäre seine Kandidatur allemal.
Nasser Al-Khelaifi (52)
Der Präsident von Paris Saint-Germain und Chef der einflussreichen Clubvereinigung EFC hatte frühere FIFA-Pläne wie eine WM im Zwei-Jahres-Rhythmus nicht sofort zurückgewiesen und sich gesprächsbereit gezeigt. Das galt als diplomatische Haltung. Inzwischen hat Al-Khelaifi allerdings signalisiert, dass er kein Interesse am FIFA-Spitzenamt habe. Vorerst bleibt er damit UEFA-Exekutivmitglied und enger Verbündeter Ceferins.
Mattias Grafström (45)
Der gebürtige Schweizer ist seit 2024 offiziell FIFA-Generalsekretär und Nachfolger von Fatma Samoura. Eigentlich gilt er als enger Vertrauter von Infantino. Dennoch wird ihm in Berichten nachgesagt, dass er sich Chancen auf das höchste Amt im Weltfußball ausrechnet.
Victor Montagliani (60)
Der Kanadier steht seit 2016 an der Spitze des Kontinentalverbands Concacaf. Im Machtkampf mit Infantino zählt er zu den schärferen Kritikern. Er verurteilte den Vorstoß als einseitige und ungeheuerliche Handlung, die von schlechter Regierungsführung und Führungsschwäche zeuge. Damit gilt Montagliani als möglicher Bewerber mit ernsthaften Ambitionen.
Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa (60)
Der Präsident des asiatischen Fußballverbands AFC war bereits 2016 Gegenkandidat von Infantino. Damals verlor er knapp. Auch diesmal positionierte sich sein Verband gegen die Investorenpläne und verlangte stattdessen Dialog sowie Respekt vor geordneten Führungsstrukturen. Al-Chalifa bleibt damit ein denkbarer Herausforderer.
Infantino ist angeschlagen – aber nicht isoliert
Trotz des massiven Gegenwinds ist Infantino nicht ohne Rückhalt. Nach Informationen des "Guardian" soll er als Sofortmaßnahme sogar eine Beratungsfirma eingeschaltet haben, um die Beziehungen zu den Nationalverbänden zu verbessern. Offiziell bestätigt ist das bislang nicht.
Zudem erhält der Schweizer weiter Unterstützung aus einzelnen Verbänden. Ägypten, Marokko, Libanon und Katar haben ihm zuletzt den Rücken gestärkt. Das zeigt: Der Widerstand wächst zwar spürbar, doch entschieden ist der Machtkampf an der Spitze des Weltfußballs noch nicht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber