Fußball

Bellingham doppelt zu: England schockt auch Norwegen

Schon wieder dreht England ein Spiel – und wirft Norwegen raus. Warum ausgerechnet ein Ex-Bundesliga-Profi zum Schlüsselfaktor wurde.

12.07.2026, 01:46 Uhr

Bellingham schießt England gegen Norwegen ins WM-Halbfinale – dort wartet Argentinien

England darf weiter vom nächsten großen WM-Triumph nach 1966 träumen – noch zwei Siege fehlen bis zum Titel. Die Mannschaft von Thomas Tuchel setzte sich in Miami nach Verlängerung mit 2:1 (1:1, 1:1) gegen Norwegen durch und steht damit im Halbfinale. Dort trifft England in Atlanta auf Titelverteidiger Argentinien.

Matchwinner war Jude Bellingham, der in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit sowie in der Verlängerung traf. Zunächst hatten die Norweger durch einen sehenswerten Distanztreffer von Andreas Schjelderup vorgelegt.

Für Bellingham war das Spiel auch mit Blick auf eine mögliche Sperre brisant. Seine Mutter Denise habe ihm die ganze Woche eingeschärft, auf seine Worte, seine Emotionen und seine Tacklings zu achten, erzählte der Offensivstar. Eine zweite Gelbe Karte und damit ein Ausfall im Halbfinale sollte er unbedingt vermeiden. Das gelang – und nach dem Viertelfinale werden Verwarnungen laut Reglement ohnehin gelöscht.

Nach dem Schlusspfiff feierten die englischen Fans in Miami ihren Doppeltorschützen mit „Hey Jude“. Auch die verbliebenen Beatles meldeten sich via Instagram zu Wort. Bellingham selbst zeigte sich überwältigt: „Das übertrifft meine kühnsten Träume“, sagte der 23-Jährige. Von solchen Abenden träume man nicht einmal.

Tuchel zwischen Lob und Kritik

Trotz des Erfolgs zeigte sich Tuchel anschließend nicht rundum zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft. „Wir haben uns das Leben sehr schwer gemacht mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben“, sagte der England-Coach. Sein Team sei „schlampig“ gewesen, habe zu viele technische Fehler gemacht und nicht schnell genug gespielt. Im Kopf sei er mit der Leistung nicht zufrieden gewesen.

Gleichzeitig lobte Tuchel vor allem die Widerstandskraft seiner Mannschaft. Das sei „pure Mentalität“, sagte der Bundestrainer – so stark, dass man sie „in Flaschen abfüllen und verkaufen“ könne. Über Bellingham urteilte er: „Das war eine Weltklasse-Leistung von einem Weltklasse-Spieler.“

Etwas weniger begeistert war Bellingham von Tuchels Kritik. Nach mehr als 120 Minuten in großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit meinte der Matchwinner, vielleicht wisse der Trainer nicht genau, wie es sei, unter solchen Bedingungen zu spielen.

Viel Ballbesitz für England, gefährlichere Aktionen von Norwegen

Vor 64.478 Zuschauerinnen und Zuschauern trotzten zahlreiche prominente Gäste der Hitze in Florida. Unter anderem verfolgten David und Victoria Beckham, Norwegens Kronprinz Haakon sowie Tennis-Ikone Venus Williams die Partie im Stadion der Miami Dolphins.

England kontrollierte zu Beginn mit fast 70 Prozent Ballbesitz das Geschehen, fand gegen tief stehende Norweger jedoch kaum Lösungen. Ein Kopfball von Bellingham in der 19. Minute und ein Freistoß von Harry Kane kurz vor der halben Stunde sorgten zunächst nicht für Torgefahr.

Den ersten Abschluss auf das Tor verbuchte dann überraschend Norwegen: Erling Haaland prüfte Jordan Pickford per Kopf, der Ball war jedoch zu zentral. Kurz darauf wurde es deutlich gefährlicher. Schjelderup zog aus der Distanz ab – ob als Flanke oder Schuss gedacht, blieb offen. Der Ball schlug mit 113 km/h im langen Eck ein, Pickford sah dabei nicht glücklich aus.

Nach der Führung trat Norwegen mutiger auf. Alexander Sörloth verzog aus der Drehung, Martin Ödegaard zielte ebenfalls auf das englische Tor, konnte Pickford aber nicht überwinden. Wenig später vergab Sörloth bei einem Konter eine vielversprechende Situation, als er statt auf Haaland zu passen ins Dribbling ging und den Ball verlor.

Diskussion um den Ausgleich und das Kamerakabel

Das rächte sich umgehend. Anthony Gordon brachte den Ball in die Mitte, Bellingham setzte sich kraftvoll im Strafraum durch und traf in der Nachspielzeit der ersten Hälfte aus kurzer Entfernung zum 1:1.

Dem Treffer voraus ging jedoch eine kuriose Szene, die lange für Diskussionen sorgte. Nach einem Abschlag von Norwegens Torwart Örjan Nyland schien ein gespanntes Kamerakabel den Ball in der Luft zu stoppen, woraufhin dieser vor Gordon herunterfiel – und damit die Ausgleichsszene einleitete. Bellingham sagte später, er habe die Situation nicht genau gesehen. Die FIFA verwies darauf, dass der Chip im Ball keine Berührung registriert habe. Die Norweger und auch TV-Bilder deuteten allerdings auf etwas anderes hin. Ex-Nationalspieler Gary Neville meinte, er würde in diesem Fall eher den Norwegern als dem Weltverband glauben.

Für England zählte zunächst nur das Ergebnis: Der erste Schuss auf das norwegische Tor führte direkt zum Treffer. Kurz vor dem Pausenpfiff jubelten die Three Lions erneut, doch Kane stand bei seinem vermeintlichen 2:1 in seinem 120. Länderspiel im Abseits.

Norwegen bleibt nach Standards brandgefährlich

Auch nach dem Seitenwechsel hielt Norwegen an seiner Taktik fest, überließ England den Ball und lauerte auf Konter sowie Standards. Pickford musste erst gegen eine missratene Hereingabe von Sörloth eingreifen und parierte danach einen Kopfball von Haaland. Wenig später traf Torbjörn Heggem nach einer Ecke zwar zur erneuten norwegischen Führung, doch der Treffer wurde nach Videobeweis aberkannt, weil Haaland zuvor Eliot Anderson gefoult hatte.

Vor allem bei ruhenden Bällen blieb Norwegen gefährlich. Nach einer Ecke rettete Pickford zunächst stark, beim anschließenden Kopfball von Kristoffer Ajer bewahrte nur noch die Latte England vor dem Rückstand. Die Engländer brachten im zweiten Durchgang keinen einzigen Schuss auf das gegnerische Tor – es ging in die Verlängerung.

Bellingham nutzt Nylands Fehler

In der Zusatzzeit unterlief dem bis dahin starken Nyland der entscheidende Patzer. Einen Abschluss von Morgan Rogers konnte der norwegische Keeper nur nach vorne abwehren – direkt vor die Füße von Bellingham. Der 23-Jährige reagierte am schnellsten und markierte in der 93. Minute seinen zweiten Treffer des Abends zum 2:1.

Fast wäre es für Norwegen noch bitterer gekommen. Nach einem vermeintlichen Foul an Djed Spence zeigte Schiedsrichter Clément Turpin zunächst auf den Elfmeterpunkt, nahm die Entscheidung nach Ansicht der Videobilder jedoch wieder zurück.

Am Ende reichte Englands knapper Vorsprung, um den Halbfinal-Einzug perfekt zu machen. Norwegen scheiterte trotz starker Defensivleistung und mehrerer gefährlicher Standards nur knapp an der Überraschung.

Kane und Bellingham auf Rekordkurs

Tuchel hob nach dem Spiel besonders seine Führungsspieler hervor. Vor allem Harry Kane und Bellingham seien Unterschiedsspieler, die Verantwortung lieben. Beide stehen nun bereits bei sechs Toren im laufenden Turnier – mehr als fünf Treffer hatte zuvor noch kein Engländer bei einer WM erzielt.

Bellingham verteilte seinerseits viel Lob an die Mitspieler. „Sie sind Krieger“, sagte er. Auch der Rückschlag durch Schjelderups Traumtor habe England nicht aus der Bahn geworfen.

Direkt nach dem Spiel ging es für die Mannschaft zurück ins Teamcamp nach Kansas City. Große Feierlichkeiten gab es laut Bellingham nicht, stattdessen Eisbäder und Regenerations-Getränke. Zweimal wollen die Engländer nun noch jubeln. „Jeder hier ist bereit für die nächsten acht Tage. Dieser Sieg hilft uns wahnsinnig“, betonte Tuchel.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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