Fußball

Ohne Messi-Tor! Argentinien zittert ins Halbfinale

Messi bleibt blass, Argentinien zittert sich in die Verlängerung – dann entscheidet ein Traumtor. Eine Rote Karte endet in Tränen.

12.07.2026, 05:44 Uhr

Argentinien steht im Halbfinale

Argentinien hat trotz eines erneut wenig überzeugenden Auftritts das Halbfinale der Fußball-WM erreicht. Der amtierende Weltmeister rang die Schweiz im Viertelfinale nach Verlängerung mit 3:1 (1:1, 1:0) nieder und feierte damit den dritten knappen Sieg im dritten K.-o.-Spiel. Lionel Messi blieb diesmal ohne eigenen Treffer – nach zuvor neun WM-Partien in Serie mit mindestens einem Tor.

Nach dem Schlusspfiff kannte der Jubel dennoch keine Grenzen. Messi sprang oberkörperfrei über den Rasen, schwenkte sein Trikot und feierte ausgelassen mit seinen Mitspielern vor den argentinischen Fans. Von den Rängen im Stadion in Kansas City hallte dazu der Gesang: „Wer nicht hüpft, ist ein Engländer“ – eine politisch und historisch aufgeladene Spitze vor dem Halbfinale gegen England.

Entscheidung erst in der Verlängerung

Die Entscheidung fiel spät. Julián Álvarez brachte die Südamerikaner in der 112. Minute mit einem traumhaften Schlenzer auf die Siegerstraße, ehe Lautaro Martínez in der Nachspielzeit der Verlängerung nach einem Konter das 3:1 erzielte (120.+1). Zuvor hatte Alexis Mac Allister Argentinien nach einer Ecke von Messi früh per Kopf in Führung gebracht (10.). Dan Ndoye glich vor 69.045 Zuschauern zum 1:1 für die Schweiz aus (67.).

„Wir mussten viel leiden“, sagte Trainer Lionel Scaloni nach der Partie. Auch Messi meldete sich später bei Instagram zu Wort: „Wieder einmal mussten wir leiden, aber diese Mannschaft hört nie auf, daran zu glauben. Wir sind wieder unter den vier Besten der Welt!!! Los geht’s, verdammt!!!!“

Platzverweis sorgt für Schweizer Ärger

Eine Schlüsselszene spielte sich in der 72. Minute ab: Breel Embolo sah nach einer Schwalbe und VAR-Überprüfung die Gelb-Rote Karte. Schiedsrichter Joao Pinheiro hatte zunächst Argentiniens Leandro Paredes wegen eines vermeintlichen Fouls verwarnt, nahm diese Gelbe Karte nach Ansicht der Bilder jedoch zurück und zeigte stattdessen Embolo die zweite Verwarnung.

Der frühere Bundesliga-Profi war danach in Tränen aufgelöst und wurde von seinen Mitspielern getröstet. „Er ist am Boden zerstört“, sagte Nationaltrainer Murat Yakin. Auf Schweizer Seite war der Ärger groß: Kapitän Granit Xhaka meinte, der VAR habe „das Spiel gekillt“, Remo Freuler sprach gar von einem „Desaster“.

Entscheidung faktisch richtig – Debatte bleibt dennoch

Trotz des heftigen Protests werteten Beobachter die Entscheidung als regeltechnisch korrekt. Ex-Nationalspieler Mats Hummels sagte bei MagentaTV, es sei „natürlich Wahnsinn, schon gelb-verwarnt so eine Schwalbe zu machen“, und sprach bei Embolo von einer „Übersprungshandlung“.

Gleichzeitig dürfte die Szene neue Nahrung für jene Verschwörungstheorien liefern, wonach Argentinien von den Schiedsrichtern bevorzugt werde. Scaloni hatte solche Spekulationen schon vor dem Spiel aufgegriffen und gesagt: „Vor 40 Jahren hatten wir das Thema schon mal. Die Spieler nehmen das als Motivation, sie spielen dann noch besser.“

Im Halbfinale wartet England

In der Vorschlussrunde trifft Argentinien am Mittwoch in Atlanta auf England. Die Three Lions hatten sich zuvor mit 2:1 nach Verlängerung gegen Norwegen durchgesetzt. Für Messi bekommt das Duell noch eine besondere Note: Gegen England hat er in seiner Karriere bislang noch nie gespielt. Das letzte Aufeinandertreffen der beiden Nationen liegt zudem lange zurück – 2005 standen sie sich zuletzt gegenüber.

Brisanz erhält die Partie auch durch die politische Vergangenheit beider Länder seit dem Falkland-Krieg 1982. Umso deutlicher war schon in Kansas City zu spüren, wie sehr dieses Duell die Argentinier elektrisiert.

Deutliche Steigerung nötig

Sportlich allerdings offenbarte Argentinien erneut Schwächen. Schon gegen Kap Verde und Ägypten hatte sich der Titelverteidiger schwergetan, auch gegen die Schweiz wirkte der Favorit lange ideenlos – obwohl der Gegner über weite Strecken in Unterzahl spielte. Scaloni erinnerte dennoch daran, dass auch der Titelgewinn 2022 kein leichter Weg gewesen sei: „Auch in Katar haben wir gelitten, obwohl wir vielleicht besser gespielt haben, aber auch dort hatten wir es schwer.“

Internationale Medien sahen das ähnlich. Frankreichs „L’Équipe“ schrieb: „Wieder am Abgrund, aber immer noch da.“ Spaniens „As“ formulierte noch schärfer: „Argentinien hat neun Leben, einen VAR, der ihm immer zu Hilfe eilt, eine Legende wie Messi und nun auch noch die Spinne.“ Gemeint war Álvarez, dessen Spitzname „die Spinne“ lautet und der mit seinem Traumtor zum Matchwinner wurde.

Klar ist: Gegen England mit Offensivstars wie Harry Kane und Jude Bellingham wird Argentinien eine klare Leistungssteigerung brauchen, wenn der Traum von der erfolgreichen Titelverteidigung weiterleben soll.

Schweiz startet gut, kassiert aber den frühen Schock

Dabei begann die Partie für die Schweizer im Stadion der Kansas City Chiefs durchaus ordentlich. Im 100. Spiel dieser XXL-WM kamen sie gut hinein, ließen aber mehrere vielversprechende Angriffe ungenutzt. Argentinien nutzte seine erste große Chance sofort: Nach Messis Eckball köpfte Mac Allister den Ball unhaltbar für Gregor Kobel ins Netz.

Vor dem Spiel hatte es Spekulationen gegeben, ob Messi in seinem sechsten WM-Einsatz körperlich an Grenzen stoßen könnte. Scaloni hatte diese Sorgen zurückgewiesen und betont, sein Star sei fit. Auch gegen die Schweiz war Messi weitgehend von Defensivaufgaben entlastet, dosierte seine Kräfte und bereitete immerhin den Führungstreffer vor – weitere Geniestreiche blieben aber aus.

Manzambi fehlte der Schweiz im Umschaltspiel

Der frühe Rückstand setzte der Schweiz sichtbar zu. Von der Anfangsdynamik war über weite Strecken der ersten Halbzeit wenig geblieben. Erst ein Fehler der Argentinier eröffnete Embolo eine große Möglichkeit, doch Emiliano Martínez klärte, bevor der Angreifer zum Abschluss kam (32.).

Besonders schmerzlich war aus Schweizer Sicht das Fehlen von Johan Manzambi. Der 20 Jahre alte Top-Torjäger wurde nach einer Knieverletzung nicht rechtzeitig fit. Vor allem bei Kontern machte sich seine Schnelligkeit bemerkbar. Medienberichten zufolge steht Manzambi vor einem Wechsel vom SC Freiburg zu Newcastle United für rund 60 Millionen Euro.

Ndoye gleicht aus, Argentinien schlägt spät zurück

Nach dem Seitenwechsel steigerte sich die Schweiz deutlich – und wurde belohnt. Nach starkem Zusammenspiel mit Ricardo Rodriguez traf Ndoye mit einem flachen Abschluss zum 1:1. Doch mit Embolos Platzverweis kippte das Spiel erneut zugunsten der Argentinier.

In der Nachspielzeit der regulären Spielzeit erhöhte der Favorit den Druck. Messi verfehlte das Tor nur knapp, zudem parierte Kobel stark gegen Lisandro Martínez. Auch in der Verlängerung blieb Argentinien gefährlicher: Ein Versuch von Thiago Almada strich noch leicht am Außenpfosten vorbei (95.). Kurz darauf erlöste Álvarez sein Team mit einem herrlichen Schlenzer zum 2:1. Lautaro Martínez setzte in der Nachspielzeit den Schlusspunkt.

Für die Schweiz endet damit dennoch ein starkes Turnier: Erstmals seit der Heim-WM 1954 war wieder ein Viertelfinale erreicht worden. Der Stolz über den Lauf wurde nach dem Abpfiff allerdings deutlich vom Frust über das Ausscheiden und die umstrittene Szene um Embolo überlagert.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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