Ende der 1930er Jahre schickte Charlotte Michel eine Brosche über den Atlantik. Der bläuliche Stein mit einer eingearbeiteten Rose sollte bereits in den USA sein, wenn sie dort Schutz vor den Nationalsozialisten finden würde. Doch dazu kam es nie: Die Jüdin aus Andernach in Rheinland-Pfalz wurde im August 1942 in Auschwitz ermordet.
Fast 84 Jahre später trug ihre Enkelin Carolyn Oliner dieses Schmuckstück in New York an einer Kette um den Hals – bei einem besonderen Moment. Dort nahm sie die deutsche Staatsangehörigkeit an. Für sie war das ein kleiner Schritt, um vergangenes Unrecht symbolisch zu korrigieren. Ihren Großeltern und ihrer Mutter war die deutsche Staatsangehörigkeit 1941 offiziell aberkannt worden. Carolyn sagt, sie habe seit ihrer Kindheit von Deutschland, vom Verlust und von der unterbrochenen Verbindung gehört. Nun fühle sie sich diesem Teil ihrer Geschichte wieder näher.
Mehr Nachkommen von NS-Verfolgten beantragen die deutsche Staatsangehörigkeit
Carolyn gehörte zu mehreren jüdischen Antragstellerinnen und Antragstellern, die an diesem Tag auf der in New York liegenden Gorch Fock ihre Einbürgerungsurkunden erhielten. Möglich ist dies durch die sogenannte Wiedergutmachungseinbürgerung, die Nachfahren von Menschen offensteht, die unter der NS-Herrschaft verfolgt wurden.
Die Zahl der Anträge steigt seit Jahren deutlich. Beim deutschen Konsulat gingen 2022 noch 734 Anträge ein. 2024 waren es bereits 1.357, im darauffolgenden Jahr 1.771.
Wer die Staatsangehörigkeit auf diesem Weg erwerben will, muss die eigene Familiengeschichte und die Verfolgung durch Dokumente belegen. Für Carolyn war dieser Prozess zwiespältig. Einerseits habe er vieles aus ihrer Vergangenheit greifbar gemacht, andererseits sei es erschütternd gewesen, dabei auf die Todesurkunde ihres Großvaters aus Auschwitz zu stoßen.

Auch Eugene Wolff entschied sich für diesen Weg und beendete damit ein Verfahren, das zwei Jahre dauerte. Er beschreibt die Recherche als eine Art archäologische Arbeit. Er habe Unterlagen aus Köln und aus Orten in Polen zusammengetragen. Sein Großvater war in den 1930er Jahren vor den Nazis geflohen und hatte ihn stets ermutigt, seinen Anspruch geltend zu machen. Die deutsche Staatsangehörigkeit bringe für Reisen in Europa praktische Vorteile, vor allem aber sei sie für ihn eine schöne Form des Gedenkens an seinen Großvater.
Herkunft, Mobilität und Sicherheit in unsicheren Zeiten
In allen Familien wurde die Rückkehr zur deutschen Staatsangehörigkeit jedoch nicht vorbehaltlos begrüßt. Gerade ältere Generationen standen dem oft skeptisch gegenüber. Naomi Huth, die ebenfalls auf der Gorch Fock eingebürgert wurde, berichtet, ihre Großmutter habe viel über ihre Kindheit in Deutschland erzählt. Dass sie selbst die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt, hätte die Großmutter wohl nicht nachvollziehen können. Für Naomi ist es dennoch eine Möglichkeit, ihre Herkunft anzuerkennen.
Karen Adler sieht in der Einbürgerung ebenfalls eine erneute Verbindung zu ihren deutschen Wurzeln. Sie sagt, sie sei trotz der Familiengeschichte mit einem positiven Bild von Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater habe vieles Deutsche geschätzt, obwohl er vertrieben worden war. Zugleich betont sie auch ganz praktische Gründe: Eine zweite Staatsangehörigkeit könne in unsicheren Zeiten eine wichtige Absicherung sein. Mit Blick auf die politische Entwicklung in den USA macht sie deutlich, dass dies bei ihrer Entscheidung durchaus eine Rolle gespielt habe.
Der Anstieg der Anträge fällt in eine Phase politischer Spannungen in den Vereinigten Staaten, auch im Zusammenhang mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus. Zugleich zeigen Umfragen, dass sich viele jüdische Menschen in den USA heute weniger sicher fühlen als noch vor einigen Jahren. Für manche Nachkommen von NS-Verfolgten ist der deutsche Pass daher nicht nur ein Zeichen historischer Wiedergutmachung, sondern auch ein Stück Schutz für die Zukunft.
Feierliche Einbürgerung auf der Gorch Fock
Karen Adler war an diesem Tag nicht die Einzige, die in der deutschen Staatsangehörigkeit auch Sicherheit sieht. In vielen Familien ist die Erfahrung von Staatenlosigkeit bis heute präsent. Hunderttausende Jüdinnen und Juden verloren durch die NS-Gesetzgebung ihre Staatsangehörigkeit. Nach Kriegsende verschärfte der Zusammenbruch staatlicher Strukturen die Lage vieler weiterer Menschen, die ohne Pass und ohne gesicherten Rechtsstatus zurückblieben.
Ein weiterer Grund für die steigenden Zahlen dürfte eine Gesetzesänderung in Deutschland sein. Seit 2021 ist der Kreis der Berechtigten deutlich erweitert worden. Seitdem können auch Menschen eingebürgert werden, die wegen nationalsozialistischer Verfolgung die deutsche Staatsangehörigkeit nie erhalten haben oder sie etwa durch die Annahme einer anderen Staatsangehörigkeit verloren.
Vor der Übergabe der Urkunden wandte sich der Kapitän der Gorch Fock an die Anwesenden. Er sprach von einem Moment der Würde und der Versöhnung, da die Eingebürgerten an diesem Tag ihre deutsche Staatsangehörigkeit zurückerhielten.
Carolyn Oliner bewegte das besonders. Für sie bedeutet dieser Schritt, dass ihre Familie nicht einfach neu hinzukommt, sondern an etwas anknüpft, das ihr einst genommen wurde. In ihrer Tasche trug sie an diesem Tag noch ein weiteres Erinnerungsstück: ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto ihrer Großeltern bei ihrer Hochzeit in Andernach.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber