Politik

Weniger Asylanträge – Schutzquote steigt

Warum bekommen plötzlich viel mehr Asylsuchende Schutz? Ein EuGH-Urteil ist der Gamechanger – das neue Strafrecht kaum.

13.09.2026, 04:20 Uhr

Während die Zahl neuer Asylanträge zurückgeht, steigt in Deutschland zugleich der Anteil der Menschen, denen Schutz gewährt wird. Nach Angaben der Bundesregierung lag die bereinigte Schutzquote des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im ersten Halbjahr 2026 bei 47,4 Prozent. Im gesamten Jahr 2025 hatte sie noch 37,5 Prozent betragen. In diese bereinigte Quote fließen nur Entscheidungen ein, bei denen die Asylgründe tatsächlich inhaltlich geprüft wurden. Fälle mit rein formalen Entscheidungen – etwa wenn ein anderes EU-Land zuständig ist – bleiben unberücksichtigt.

Ein wesentlicher Faktor war zuletzt der Familienschutz. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 wurde in 21.195 Fällen auf dieser Grundlage ein Schutzstatus vergeben. Das entsprach 45,6 Prozent aller positiven Entscheidungen; dabei sind auch Abschiebungsverbote mitgerechnet.

Afghanistan wichtigstes Herkunftsland

Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion geht außerdem hervor, dass die bereinigte Schutzquote im ersten Halbjahr 2026 für Menschen aus dem Iran bei 42,2 Prozent lag. Für Schutzsuchende aus Afghanistan betrug sie sogar 89,3 Prozent. Gleichzeitig war Afghanistan das bedeutendste Herkunftsland unter den Menschen, die in diesem Zeitraum in Deutschland Asyl beantragten.

Die Zahl syrischer Antragsteller ist nach dem Machtwechsel in Damaskus zurückgegangen. Für Geflüchtete aus der Ukraine gilt weiterhin eine Sonderregelung: Sie müssen in der EU keinen Asylantrag stellen, sondern werden über die sogenannte Massenzustrom-Richtlinie aufgenommen.

Mehr freiwillige Rückkehrer unter Asylbewerbern
Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) werden aktuell weniger Asylerstanträge gestellt. Der Anteil derjenigen, die erst einmal bleiben dürfen, steigt. (Symbolbild) Quelle: Patrick Pleul/dpa

Frauen aus Afghanistan erhalten fast immer Schutz

Zum Anstieg der Schutzquote trug auch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2024 bei. Darin wurde festgehalten, dass Frauen aus Afghanistan grundsätzlich Anspruch auf Schutz haben. Hintergrund ist die systematische Unterdrückung und Verfolgung von Frauen durch die seit 2021 wieder herrschenden Taliban.

Laut Bundesregierung endeten im ersten Halbjahr 2026 knapp 95 Prozent der Entscheidungen über Asylanträge afghanischer Frauen mit der Zuerkennung eines Schutzstatus.

Kaum Verfahren wegen falscher Angaben

Die seit Februar 2024 geltende Strafvorschrift gegen falsche oder unvollständige Angaben im Asylverfahren spielt in der Praxis bislang kaum eine Rolle. Nach Angaben der Bundesregierung erstattete das Bamf seit Einführung der Regelung nur drei Strafanzeigen. Eine davon wurde wegen Geringfügigkeit beziehungsweise mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt.

Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger, sagte, viele dieser Maßnahmen erwiesen sich im Alltag als wenig hilfreich.

Mehrheit ohne Pass oder Ausweis

Die Zahl der Erstanträge auf Asyl lag im ersten Halbjahr 2026 bei 39.646 und damit deutlich unter dem Vorjahreswert von 72.818. Gleichzeitig legten 61,3 Prozent der Antragsteller weder Pass noch Personalausweis oder andere Ersatzpapiere vor. Besonders hoch war dieser Anteil bei Personen, die angaben, aus Somalia, Algerien, Guinea oder Eritrea zu stammen.

Trotzdem wird das Auslesen von Mobiltelefonen zur Überprüfung von Identität und Herkunft nur vergleichsweise selten angeordnet. Nach Angaben des Innenministeriums wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres Datenträger von 3,5 Prozent der Erstantragsteller ohne Ausweis überprüft. Insgesamt wurden 853 Handys ausgelesen, letztlich aber nur 263 Berichte freigegeben und ausgewertet. Die Bundesregierung betont, dass dieses aufwendige Verfahren im Einzelfall relevante Erkenntnisse liefern könne.

Nicht alle Asylsuchenden reisen unerlaubt ein

Die Linksfraktion wirft der Bundesregierung vor, sich zu stark auf unerlaubte Einreisen und Kontrollen an den Binnengrenzen zu konzentrieren. Denn unter den Asylbewerbern seien auch viele Menschen, die legal eingereist seien – etwa mit Visum oder als Touristen aus Ländern ohne Visumpflicht.

Nach Regierungsangaben traf das in den ersten drei Monaten des Jahres auf mehr als 5.500 Asylantragsteller zu. Die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan, Syrien, der Türkei und dem Iran. Weitere 3.290 Asylsuchende stammten im ersten Halbjahr aus Staaten, deren Bürger visumfrei als Touristen nach Deutschland reisen können, darunter Georgien, Moldau und Venezuela.

Hinzu kamen 6.962 Asylerstanträge für Kinder von Geflüchteten, die in Deutschland geboren wurden. Das entsprach rund 17,6 Prozent aller im ersten Halbjahr 2026 gestellten Erstanträge.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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