Politik

Warum Helfer in Krisen ihr Leben riskieren

Sie kämpfen gegen Hunger und retten Flüchtlinge – doch warum wird ihr Einsatz in Krisengebieten immer tödlicher?

18.08.2026, 07:45 Uhr

Humanitäre Helfer arbeiten dort, wo Menschen am dringendsten Unterstützung brauchen – nach Erdbeben ebenso wie mitten in Kriegsgebieten. Der Welttag der humanitären Hilfe am Mittwoch erinnert an jene, die gegen Hunger, Armut und Ungleichheit kämpfen. Längst reichen dafür nicht mehr nur Fachwissen und Engagement: In vielen Krisenregionen werden Helfer selbst zu Opfern von Angriffen.

Niemand weiß, was morgen bringt

Für Mona Mahadi von Plan International ist jeder Einsatz im sudanesischen Bundesstaat Nord-Kordofan mit doppelter Angst verbunden. Zum einen stellt sich die Frage, ob sie Flüchtlingslager oder Dörfer überhaupt sicher erreichen kann – oder ob ein Drohnenangriff die Wege unpassierbar macht. Zum anderen sorgt sie sich permanent um ihre Familie: um ihren Ehemann, ihre Eltern und ihre Schwestern. Nord-Kordofan gehört zu den Zentren des Bürgerkriegs, der den Sudan seit bald dreieinhalb Jahren erschüttert.

Die ständige Bedrohung prägt auch das Miteinander im Team. Wenn sich die Kollegen am Abend verabschieden, dann oft mit dem Gefühl, dass ein Wiedersehen am nächsten Tag alles andere als sicher ist. Mahadi selbst hat bei Drohnenangriffen mehrere Angehörige und auch eine Kollegin verloren.

Zwischen Risiko und dem Wunsch zu helfen

Für internationale Helfer gilt der Sudan inzwischen als sogenannter „non-family station“ – ein Einsatzort, der als zu gefährlich gilt, um Angehörige mitzunehmen. Für lokale Mitarbeiter ist ein Rückzug im Ernstfall dagegen kaum eine Lösung, denn ihre Familien leben dort.

Mahadi berichtet, dass es Ende Mai, den gesamten Juni und noch Anfang Juli fast ununterbrochen Drohnenangriffe gegeben habe. Inzwischen habe sich die Lage etwas beruhigt. Bevor sie 2022 in die humanitäre Arbeit wechselte, war sie Lehrerin. Heute setzt sie sich für Kinderrechte und besonders für Mädchenrechte ein.

Sie habe sich oft gefragt, ob das Risiko den Einsatz wert sei, sagt Mahadi. Wenn sie aber an den Nutzen ihrer Arbeit denke, überwiege die Dankbarkeit. Sie habe das Gefühl, etwas Gutes für Menschen zu tun, die dringend auf Hilfe angewiesen seien.

Lokale Helfer teilen das Schicksal der Menschen vor Ort

Wie eng Hilfe und eigenes Leid zusammenfallen können, zeigt auch der Gazastreifen. Akram Abu Schawisch, der für eine Stiftung in Chan Junis arbeitet, beschreibt einen Alltag, in dem sich die Lage innerhalb weniger Minuten völlig verändern könne. Im Krieg hat der dreifache Vater sein Haus und mehrere Angehörige verloren.

Wenn er Familien begegne, die ihr Zuhause oder einen geliebten Menschen verloren hätten, verstehe er ihren Schmerz unmittelbar, weil er selbst Ähnliches erlebt habe, sagt Schawisch. Lokale Helfer lebten unter denselben Bedingungen wie die Menschen, denen sie beistehen.

Zugleich stoßen sie immer wieder an Grenzen. Manchmal habe man das Gefühl, längst nicht genug tun zu können, um den enormen Bedarf zu decken. Doch wenn Hilfe eine Familie erreiche und Erleichterung sichtbar werde, zeige sich der Sinn dieser Arbeit.

Auch Atija Schaath, ursprünglich aus Rafah, inzwischen selbst vertrieben und nun in Chan Junis lebend, nennt Kinder als wichtigste Motivation weiterzumachen. Wer ein Kind sehe, das sein Zuhause verloren habe und psychologische oder soziale Unterstützung brauche, verspüre den Drang zu helfen. Den Krieg könnten Helfer nicht beenden und Verluste nicht ungeschehen machen – aber sie könnten Momente der Unterstützung schaffen, sichere Orte bieten und Leid wenigstens etwas lindern.

Hilfszeichen bieten kaum noch Schutz

Unni Krishna, globaler humanitärer Direktor von Plan International in London, sagt, die Lage habe sich für Helfer grundlegend verändert. Früher habe oft schon eine weiße Flagge an einem Fahrzeug gereicht, um auch Orte zu erreichen, in denen Kämpfer präsent waren oder Bombardierungen stattfanden. Auch das Emblem des Roten Kreuzes oder das Logo einer Hilfsorganisation habe früher häufig Schutz geboten.

Heute sei das nicht mehr so. Kennzeichnungen allein böten kaum noch Sicherheit – Helfer würden zunehmend selbst zur Zielscheibe. Krishna verweist darauf, dass Mitarbeiter von Hilfsorganisationen häufig Zeugen von Kriegsverbrechen werden und Informationen über sexuelle Gewalt sowie andere schwere Menschenrechtsverletzungen an die internationale Öffentlichkeit weitergeben.

Immense Risiken für Helfer und ihre Familien

Der Sudan zählt zu den gefährlichsten Einsatzorten für humanitäre Helfer. Seit Beginn des Bürgerkriegs wurden dort mehr als 130 von ihnen getötet. Francesco Lanino, stellvertretender Landesdirektor von Save the Children im Sudan, betont, dass die Mitarbeiter keine Helden sein wollten. Sie wollten ihre Arbeit schlicht in Sicherheit erledigen. Doch genau diese Sicherheit lasse sich immer seltener garantieren.

Wie direkt die Gewalt Hilfsorganisationen trifft, schildert Denis Drichi, Nothilfekoordinator der Welthungerhilfe im Sudan. Als die Miliz RSF im vergangenen Jahr Al-Faschir einnahm, seien mehrere Mitarbeiter unmittelbar betroffen gewesen. Ein Kollege aus dem Logistikteam sei während der Kämpfe festgenommen und nach etwa einer Woche wieder freigelassen worden.

Ein anderer Mitarbeiter kam ums Leben. Er hinterließ seine Frau und eine kleine Tochter und war zugleich Hauptverdiener seiner Großfamilie. Sein Tod sei nicht nur eine persönliche Tragödie gewesen, sondern auch ein schwerer Schlag für alle, die wirtschaftlich und emotional auf ihn angewiesen waren.

Weltweit mehr als tausend Tote in drei Jahren

Die Datenbank zur Sicherheit humanitärer Helfer verzeichnet für das laufende Jahr bislang 133 schwerwiegende Angriffe auf Hilfskräfte. Dazu zählen tödliche Vorfälle ebenso wie Entführungen oder Verletzungen infolge von Luftangriffen. Als besonders gefährliche Einsatzgebiete gelten derzeit der Gazastreifen und der Sudan, gefolgt von der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan und der Ukraine.

Tom Fletcher, Leiter der UN-Nothilfeorganisation OCHA, erinnerte im April vor dem Sicherheitsrat daran, dass in den vergangenen Jahren weltweit mehr als tausend humanitäre Helfer getötet wurden. Allein im vergangenen Jahr starben 326 Menschen in 21 Ländern.

Sie seien getötet worden, während sie Lebensmittel, Wasser, Medikamente und Unterkünfte verteilten – oft in klar gekennzeichneten Konvois und bei Einsätzen, die direkt mit Behörden abgestimmt gewesen seien. Fletcher betonte zudem, dass die Täter dabei allzu oft aus Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen stammten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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