Ukraine

Nachts auf dem Hügel: Darum ist Kiew kaum zu schützen

Neue russische Jet-Drohnen terrorisieren Kiew. Freiwillige kämpfen mit – doch was stoppt die tödliche Gefahr wirklich?

01.10.2026, 05:55 Uhr

Freiwillige Flugabwehr bei Kiew steht neuen russischen Jet-Drohnen gegenüber

In einer klaren Mondnacht auf einem Hügel vor den Toren Kiews ziehen vier Männer die Abdeckung von einem US-Pick-up. Darunter steht eine Lafette mit einem schweren Zwillings-Maschinengewehr. In der Ferne leuchten die Lichter der Millionenmetropole. Der mobile Trupp ist Teil der ukrainischen Luftverteidigung und soll in dieser Nacht mithelfen, die Hauptstadt vor Angriffen aus der Luft zu schützen.

Neue Bedrohung aus der Luft

In den vergangenen Wochen ist diese Aufgabe deutlich schwieriger geworden. Russland greift Kiew nicht mehr nur nachts mit ballistischen Raketen an, sondern setzt zunehmend modernisierte Shahed-Drohnen ein. Die ursprünglich iranischen Modelle wurden mit Düsenantrieb versehen. Frühere Versionen wie die Geran-3 waren langsamer, flogen tiefer und waren am typischen knatternden Geräusch zu erkennen.

Nach Angaben des Truppführers reagierte Russland auf die hohe Abschussquote der älteren Drohnen mit neuen, schnelleren Modellen. Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR gibt für die neueste Variante Geran-5 Geschwindigkeiten von 450 bis 600 Kilometern pro Stunde und Flughöhen von bis zu 6.000 Metern an. Die etwas kleinere Geran-4 ist langsamer, stellt aber ebenfalls ein Problem dar. Anders als ihre Vorgänger klingen diese Drohnen eher wie Düsenflugzeuge. Einschläge gibt es inzwischen tagsüber wie nachts, immer wieder mit Verletzten und Toten. Für die Bevölkerung sei das Leben dadurch erheblich schwerer geworden.

Ukraine-Krieg - Flugabwehr in Kiew
Das doppelte Maschinengewehr muss Glück haben, um die neuen Jet-Drohnen zu treffen. (Archivbild) Quelle: Friedemann Kohler/dpa

Vier Männer, kein Berufsmilitär

Die vier Männer auf dem Hügel sind Freiwillige mit militärischer Erfahrung, aber keine aktiven Soldaten. Ihre Schicht dauert von 20 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. Dafür opfern sie ihre freie Zeit. Einer von ihnen ist Unternehmer, ein anderer arbeitet als Systemadministrator, ein dritter im Staatsdienst. Der vierte hat nach eigenen Angaben bereits als Tierfilmer, Soldat und Tee-Importeur gearbeitet.

Was sie antreibt, ist der Schutz ihrer Familien. Der Truppführer sagt, es gehe darum, Frauen und Kinder zu verteidigen. Uniformen, Ausrüstung und sogar das Fahrzeug haben sie selbst organisiert. Von der Armee erhalten sie das Flugabwehrgeschütz und die Munition. Auf die Frage, wie lange sie durchhalten wollen, fällt die Antwort knapp aus: bis zum Sieg.

Alte Waffen mit begrenzter Wirkung

Zum Einsatz kommen schwere Wladimirow-Maschinengewehre im Kaliber 14,5 Millimeter aus Sowjetzeiten. Der Truppführer vermutet, dass sie in den 1970er Jahren gebaut wurden. Gegen ältere Shahed-Drohnen seien sie durchaus wirksam gewesen, sagen die Männer. Auch tieffliegende russische Marschflugkörper könnten sie mit etwas Glück treffen.

Bei der neuen Generation der Drohnen stoßen die alten Waffen jedoch an ihre Grenzen. Den Angaben zufolge können sie Ziele nur dann erreichen, wenn diese unter etwa 1.500 Metern fliegen. Damit ein Treffer möglich wird, müssen die Drohnen beim Anflug auf ihr Ziel genau in den Feuerbereich der Doppelläufe geraten.

Mehrschichtige Verteidigung über Kiew

Die mobilen Teams sind nur ein Teil der Luftverteidigung rund um Kiew. Zur Abwehr gehören auch deutsche Gepard-Flugabwehrpanzer sowie elektronische Gegenmaßnahmen. Doch selbst diese Systeme haben Schwierigkeiten mit den schnellen neuen Drohnen.

Als geeignet gelten unter anderem die deutschen Iris-T-Systeme, doch deren Abfangraketen sind teuer. Besonders erfolgreich bei der Drohnenjagd sind derzeit offenbar ukrainische Kampfjets. Berichten zufolge greifen sie die Flugkörper teils sogar mit Bordkanonen an, was riskante Annäherungen erfordert.

Hinzu kommen Patriot- und Nasams-Systeme, die vor allem gegen ballistische Bedrohungen vorgesehen sind. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, in der Nacht zum Dienstag seien ballistische Raketen abgefangen worden. Zugleich dankte er den USA und Norwegen für Nasams-Systeme samt Munition.

Ein Tablet als wichtigstes Werkzeug

Das zentrale Hilfsmittel der Freiwilligen ist ein Tablet. Auf einer Karte verfolgt der Trupp die Routen der anfliegenden Drohnen. Einer der Männer meldet etwa eine Drohne, die über Wyschhorod hereinkommt und sich in 4.700 Metern Höhe befindet. Kurz darauf heißt es, sie drehe in Richtung Browary ab, einen Vorort, in dem wiederholt Logistikzentren angegriffen wurden.

Der Dienst auf dem Hügel besteht oft vor allem aus Warten. Zwei Männer sprechen zwischenzeitlich über Motorräder, dann nähert sich plötzlich eine Drohne dem möglichen Schussfeld. Der Schütze richtet die Lafette aus und hebt die Läufe an. Doch kurz darauf ist klar: Das Ziel fliegt weiter in Richtung Schuljawka. Es fällt kein Schuss.

Trotzdem halten die Männer ihren Einsatz nicht für vergeblich. Irgendwann könne gerade ihre Position entscheidend sein, sagt einer von ihnen. Außerdem beobachte der Trupp, sammle Informationen und leite diese weiter.

Druck auf die Führung wächst

Für Kiew ist die aktuelle Entwicklung eine ernste Belastung. Mehrere schwere Einschläge pro Tag mit Toten, Verletzten, Bränden, zerstörter Infrastruktur, unbewohnbaren Häusern und beschädigten Unternehmen kann die Stadt auf Dauer nicht verkraften. Die Zuspitzung der Lage hat deshalb auch die politische Führung unter Druck gesetzt.

Selenskyj erklärte, eigene Abfangmittel seien bereits unter Gefechtsbedingungen getestet worden. Die Erfolgsquote sei noch zu niedrig, solle aber von Woche zu Woche steigen. Nach unterschiedlichen Angaben liegt sie derzeit bei etwa 60 Prozent.

Der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara kündigte zudem eine veränderte Taktik an. Demnach sollen die Jet-Drohnen möglichst schon weit vor Kiew abgefangen werden. Alle Teile der Luftverteidigung müssten sich an die veränderte Bedrohung anpassen. Entlastung erhofft sich die Ukraine auch von weiteren westlichen Kampfjets: Belgien will bis zum Jahresende drei zusätzliche F-16 liefern.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen