Prominenter Ökonom verliert nach Kriegsprognose seinen Posten
Der bekannte russische Wirtschaftsexperte Andrej Klepatsch ist in Moskau von seinem Amt als Chefökonom des Staatsunternehmens VEB.RF entbunden worden. Mehrere russische Medien berichteten am Sonntagabend über die Personalentscheidung. Zuvor war Klepatsch mit Aussagen bekannt geworden, wonach Russland den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine nicht für sich entscheiden könne. Außerdem warnte er vor einer drohenden Krise im eigenen Land.
Bereits im Mai hatte The Moscow Times über einen Vortrag Klepatschs in einem Club der Moskauer Börse berichtet. Darin widersprach er der in Russland verbreiteten Erwartung, die Ukraine werde wirtschaftlich kollabieren. Nach seiner Einschätzung halte sich das Land trotz des Krieges stabil und werde nicht zusammenbrechen. Für Russland hingegen würden die Belastungen zunehmen, während es im weltweiten technologischen und wirtschaftlichen Wettbewerb weiter zurückfalle.
Diese Aussagen gelten als besonders heikel, weil staatliche Stellen und große Staatskonzerne bisher stets den Eindruck vermittelten, die Situation sei trotz aller Schwierigkeiten beherrschbar. Präsident Wladimir Putin, der den Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 angeordnet hatte, betont weiterhin regelmäßig einen russischen Sieg. Tatsächlich sind seine Kriegsziele bislang nicht erreicht, während sich die wirtschaftlichen Probleme in Russland verschärfen.
Berichte über Entlassung nach Druck aus dem Kreml
Der 67-jährige Klepatsch zählt zu den angesehensten Ökonomen des Landes. Zwölf Jahre lang arbeitete er für die vom Westen sanktionierte VEB.RF, die früher als russische Außenwirtschaftsbank bekannt war. Der Berliner Carnegie-Experte Alexander Prokopenko sagte, Klepatsch habe seine Ansichten nie verborgen.
Nach Informationen des unabhängigen Portals The Bell soll VEB.RF-Chef Igor Schuwalow die Entlassung nach einem „Anruf von oben“ veranlasst haben – gemeint sei damit der Kreml. Schuwalow war früher Vize-Regierungschef und gilt als enger Vertrauter Putins. Gegenüber Forbes bestätigte Klepatsch dem Bericht zufolge seinen Abgang, ohne Gründe zu nennen.
Auch die Wirtschaftszeitung Wedomosti berichtete unter Berufung auf Quellen im Unternehmen, Klepatsch habe gehen müssen, weil seine persönlichen Einschätzungen zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Russlands nicht mit der offiziellen Linie des Staatskonzerns vereinbar gewesen seien.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber