Politik

Übung in Litauen: «Im Krieg wäre ich längst tot»

Erster Härtetest in Litauen: Diese neue Bundeswehr-Brigade probt an der Nato-Ostflanke schon jetzt den Ernstfall.

14.06.2026, 11:23 Uhr

Im Ernstfall könnten wenige Sekunden über Leben und Tod entscheiden – ebenso wie falsche Lageeinschätzungen, noch bevor deutsche Panzergrenadiere überhaupt den Angriff auf gegnerische Sperren aus Minen, Stacheldraht und Barrikaden beginnen.

Bei der Übung „Freedom Shield 2026“ in Litauen treibt Hauptfeldwebel Philip – die Nachnamen der Soldaten werden nicht genannt – seinen Zug nach dem Absitzen aus den Schützenpanzern nach vorn. Über Funk befiehlt er: „Angriff, Angriff, Angriff.“ Es fallen Schüsse, Soldaten rufen Kommandos, während in der Nähe die schweren Kettenfahrzeuge dröhnen.

Philip, knapp 40 Jahre alt, betont die Schlagkraft der Panzergrenadiere im Zusammenspiel mit Kampfpanzern. Doch diese Stärke zeigt sich nur, wenn alle Abläufe funktionieren. Sein Zug mit 34 Soldaten, darunter Fahrzeugbesatzungen und 22 Panzergrenadiere, erlebt im Manöver sowohl Erfolge als auch Rückschläge. Ein laserbasiertes Trainingssystem namens AGDUS markiert dabei simulierte Verwundungen und Gefallene.

Bundeswehr betritt Neuland beim Kampf mit Drohnen

Die neue Panzerbrigade 45 „Litauen“ trainiert erstmals auf litauischem Boden den Gefechtseinsatz. Die Einheit ist dort als Beitrag zur Abschreckung gegenüber Russland an der Nato-Ostflanke stationiert. Auf dem Übungsplatz Pabrade nehmen rund 2.900 Soldaten teil, davon 2.300 aus Deutschland. Die Brigade gilt zugleich als Vorzeigeprojekt und Testfeld für die angestrebte Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr.

Im Mittelpunkt stehen auch neue Verfahren für den Einsatz gegen und mit Drohnen. So werden Panzer in Szenarien gleichzeitig von mehreren unbemannten Fluggeräten angegriffen. Über dem Gelände sind dauerhaft Drohnen in der Luft.

"Freedom Shield 2026" - Übung der Panzerbrigade 45 Litauen
Die Panzergrenadiere arbeiten sich vor. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Bei einem Besuch präsentiert Brigadegeneral Christoph Huber dem Heeresinspekteur Christian Freuding praktische Ansätze für sogenannte Drohnengefechtsstände. Von dort aus lassen sich Drohnen zur Aufklärung und auch für Angriffe steuern.

Huber spricht sich dafür aus, zusätzlich zu größeren loitering munitions auch weitere kleine Kamikaze-Drohnen zu beschaffen. Besonders geeignet seien FPV-Drohnen, die per Videobrille aus Sicht des Fluggeräts gelenkt werden – ein Konzept, das sich im Ukraine-Krieg bewährt habe. Hubers Leitgedanke: Was aufgeklärt wird, soll möglichst sofort bekämpft werden können.

Elektronische Kampfführung wird immer wichtiger

Nahe der Grenze zu Belarus, rund 15 Kilometer entfernt, haben Spezialisten für elektronische Kampfführung (EloKa) Sensoren und Sender eingerichtet. Ziel ist es, militärische Daten eines möglichen Gegners aufzufangen und auszuwerten. Gleichzeitig geht es um den Schutz der eigenen Kommunikation sowie um die Fähigkeit, gegnerische Systeme zu stören.

Die EloKa gilt als hochkomplex und ist in vielen Details geheim. Im Übungsverlauf kommt dieser Bereich der möglichen Einsatzrealität besonders nahe, weil sich potenzielle Gegner schon heute intensiv elektronisch beobachten. Im Ernstfall wäre um diese digitalen Schutzschirme ein Kampf mit Störsignalen – und scharfer Munition – zu erwarten.

Militärplaner gehen davon aus, dass künftige Gefechte klassische und neue Mittel parallel einsetzen werden. Drohnen und unbemannte Systeme sollen Panzer nicht ersetzen, sondern deren Einsatz ergänzen und verändern. Aus dem Krieg in der Ukraine sollen dabei Lehren gezogen werden, auch wenn dessen Verlauf nach Einschätzung vieler Planer nicht einfach als Blaupause für die Nato taugt.

Schwieriges Gelände in Litauen

Die deutschen Soldaten trainieren in jenem Land, in dem sie im Ernstfall auch kämpfen müssten. Der Übungsplatz Pabrade erinnert mit sandigem Boden und Nadelwäldern an Teile Nord- und Ostdeutschlands, ist jedoch zusätzlich von Mooren und Sümpfen geprägt. Im März des Vorjahres kamen dort vier US-Soldaten ums Leben, als ein Panzer meterweit im Schlamm versank.

Der Untergrund gilt als besonders anspruchsvoll. Mehrfach bleiben Fahrzeuge stecken. Ein Schützenpanzer vom Typ CV 90 kippt, ein Leopard rutscht bei einem Ausweichmanöver in morastiges Gelände.

Am Steuer von Philips Puma sitzt Fine, 20 Jahre alt. Nach dem Abitur wollte sie ursprünglich Medizin studieren, entschied sich dann aber für die Bundeswehr. In dem Zug ist sie die einzige Frau unter 33 Männern. Für sie ist das kein Thema, das größer gemacht werden sollte, als es ist.

„Stierparty“ als Überraschungsangriff

Drei Soldaten bedienen den Puma und seine Waffensysteme. Im hinteren Kampfraum sitzen bis zu sechs weitere Soldaten eng nebeneinander, bis sie über die Heckklappe absitzen und zu Fuß weiterkämpfen.

Zu Philips Zug gehören auch die Panzergrenadiere Volkan, Christoph und Trava. Das eingespielte Team kann in Sekunden vom lockeren Ton in volle Konzentration wechseln. Letzte Handgriffe an Waffen und Ausrüstung, dann kommt das Kommando: „Drei, zwei, eins, Klappe auf. Raus, raus.“ Gleichzeitig wird die Richtung vorgegeben, in die der Angriff laufen soll.

Treffen die Schützenpanzer auf Sperren aus Minen und Stacheldraht, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: ausweichen und die Infanterie weiter entfernt absitzen lassen – oder sofort den direkten Angriff wagen.

Ein Soldat nennt so etwas eine „Stierparty“: schnell ranfahren, Klappe öffnen, Überraschungsangriff. Der Gegner solle „auf die Hörner genommen“ werden. Doch allen ist klar, dass aus solchem Tempo auch ein Himmelfahrtskommando werden kann. Ein Kamerad sagt sinngemäß: Soldatsein bedeute, trotz Schmerz weiterzumachen – und Leistung bringen zu wollen.

Übung als Schutz vor Fehlern im Ernstfall

Nach dem Absitzen kämpfen sich die Soldaten durch ein Waldstück vor. Vor ihnen feuert der Gegner, von oben drohen Drohnen, dazu kommt Gefahr durch Steilfeuer, also einschlagende Granaten. Eine wichtige Reaktion darauf ist ständige Bewegung. Gleichzeitig müssen die links und rechts angreifenden Züge abgestimmt bleiben.

Philip gibt über Funk die Stoßrichtung vor. Doch die Verbindung ist teils gestört oder nur schwer zu verstehen. Dann entsteht gefährliches Zögern. Kurz darauf geben die AGDUS-Sensoren an den Westen der Soldaten Alarm: Eine simulierte Granate ist eingeschlagen.

Von 22 Mann ist ein Großteil getroffen, die Kampfkraft des Zuges sinkt auf nur noch 25 Prozent. Philip zieht ein hartes Fazit: Im Krieg wäre er nun tot, seine Frau bekäme einen Brief der Bundeswehr – das sei kein gewöhnlicher Beruf. Sichtbar erschöpft und kurz enttäuscht sagt er schließlich, genau deshalb werde hier geübt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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