Sudetendeutscher Tag in Brünn gestartet: Erstes Pfingsttreffen in der früheren Heimat
Mehr als acht Jahrzehnte nach der Vertreibung hat in Tschechien das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen begonnen. Der Sudetendeutsche Tag findet damit erstmals in der nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenen Heimat statt. Die seit Freitag laufende Veranstaltung in Brünn wird sehr unterschiedlich bewertet: Für die einen ist sie eine politische Provokation, für andere ein Friedensfest und ein Zeichen der Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen.
Begegnungsfest in der Innenstadt
Zum Auftakt kamen Vertriebene, ihre Familien und tschechische Teilnehmer im Zentrum von Brünn an einem langen Tisch zusammen. Begleitet wurde das Begegnungsfest von Musik und Tanz. Ein Besucher, der Sohn eines Tschechen und einer Deutschen ist, sprach vom „größten Tag seit der Wende“.
Die Eröffnung wurde gemeinsam mit dem Dialogfestival „Meeting Brno“ organisiert. Wegen angekündigter Gegenproteste galt ein strenges Sicherheitskonzept. Nur wenige Dutzend Meter entfernt demonstrierten Kritiker mit einem Banner, auf dem vor einer „weiteren Aufweichung der Benes-Dekrete“ gewarnt wurde. Nach Angaben der Organisatoren wurden Sicherheitsfirmen beauftragt, zudem erfolgte eine enge Abstimmung mit der Polizei.
Hauptveranstaltung am Sonntag
Die zentrale Veranstaltung des Sudetendeutschen Tags ist für Sonntag auf dem Brünner Messegelände geplant. Erwartet wird unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Das diesjährige Motto lautet: „Alles ist Begegnung“.
Bereits am Vorabend hatte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, am Brünner Hauptbahnhof der Opfer des Holocaust gedacht. Posselt spricht von großer Unterstützung für das Treffen und verweist auf Rückhalt aus Kreisen von Intellektuellen, Autoren und Oppositionspolitikern.
Heftige Debatte in Tschechien
Kaum ein Thema hat die tschechische Öffentlichkeit zuletzt so stark gespalten wie dieses Treffen. Regierungschef Andrej Babis bezeichnete die Veranstaltung als unglücklich und verwies darauf, dass es weiterhin Menschen gebe, die keine Versöhnung mit den Vertriebenen akzeptierten. Die Minister seiner Regierung wollen dem Sudetendeutschen Tag fernbleiben.
Zeitweise stand sogar infrage, ob das Treffen in Brünn überhaupt stattfinden kann. Erst vor wenigen Tagen sprach sich das tschechische Abgeordnetenhaus in einer Entschließung gegen die Veranstaltung aus. Angestoßen hatte dies Parlamentspräsident Tomio Okamura mit seiner ultrarechten Partei Freiheit und direkte Demokratie. Die Organisatoren wurden aufgefordert, einen anderen Austragungsort zu wählen. Zugleich betonte das Parlament, dass weder NS-Verbrechen relativiert noch Eigentums- und Rechtsfragen in Tschechien infrage gestellt werden dürften.
Historischer Hintergrund
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Erfahrungen der NS-Besatzung wurden rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesen. Viele ließen sich später in West- und Ostdeutschland nieder, besonders in Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bayern übernahm 1954 offiziell die Schirmherrschaft über die Volksgruppe.
Die Benes-Dekrete bildeten nach dem Krieg die Grundlage für die Enteignung der deutschen Minderheit und für ihre Vertreibung. Diese verlief vielerorts mit massiver Gewalt. Beim sogenannten Brünner Todesmarsch wurden etwa 27.000 Deutsche aus der Stadt in Richtung österreichische Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, kamen dabei ums Leben. An diesem Samstag erinnert erneut ein Versöhnungsmarsch in umgekehrter Richtung an das Geschehen.
Lange Vorgeschichte des Konflikts
Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die Zeit nach dem Zerfall Österreich-Ungarns zurück. Deutschböhmen, Deutschmährer und Deutschschlesier wurden Bürger der neu gegründeten Tschechoslowakei, viele fühlten sich dem Staat jedoch nicht zugehörig. Konrad Henlein und seine Sudetendeutsche Partei warben später für einen Anschluss an Hitlers Deutsches Reich.
Mit dem Münchner Abkommen von 1938 musste die Tschechoslowakei die sudetendeutschen Gebiete abtreten. Im März 1939 besetzte die Wehrmacht Prag, im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren begann eine Schreckensherrschaft. Nach Kriegsende orientierte sich die wiedererrichtete Tschechoslowakei politisch nach Osten.
Dialog statt Konfrontation
Aus dem Versöhnungsmarsch entstand auch das Dialogfestival „Meeting Brno“, das die Sudetendeutschen nach Brünn eingeladen hat. Mitbegründer David Macek sagte, die vergangenen Wochen hätten gezeigt, wie viel im deutsch-tschechischen Verhältnis noch aufzuarbeiten sei. Persönliche Begegnungen seien aus seiner Sicht der beste Weg, alte Konflikte zu überwinden.
Doch nicht alle teilen diese Sicht. Der frühere tschechische Präsident Vaclav Klaus zählt zu den schärfsten Gegnern des Treffens und nannte es in Tschechien überflüssig, provokativ und unsinnig. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bewertete die Wahl des Ortes dagegen als außergewöhnliches Zeichen der Aussöhnung.
Posselt hatte bereits 2015 eine Änderung der Satzung der Landsmannschaft durchgesetzt. Damals wurden Forderungen nach Rückgewinnung der Heimat und nach Rückgabe enteigneten Besitzes aufgegeben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion